Holstein Kiel

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VfL Wolfsburg

Das Relegationsrückspiel im Liveticker

Kieling me softly

Schade: Irgendwann hat der Fußballgott auch mal frei, ausgerechnet heute hatte er keine Zeit. Und auch kein Herz für den Zweitligisten Holstein Kiel. Wolfsburg bleibt in der Bundesliga. Eher zweitklassig: der Ticker. 

20.15 Uhr

Freunde, willkommen. Relegationsrückspiel zwischen Kiel und Wolfsburg. Angesichts des Hinspiels und des Pokalfinals zwar so etwas wie das Methadon für Fußballsüchtige. Aber man nimmt ja, was man kriegen kann. Gilt auch für Eurosport, die die Partie hier übertragen. Gleich mal zu Beginn mit einem Interview von »Orti vor Ort« mit Koen Casteels. Hier die Höhepunkte des Gesprächs: »Ja?« »Nein!« Toll.

20.18 Uhr

Der VfL Wolfsburg habe sich unter Bruno Labbadia »noch einmal verbessert«, sagt jetzt Matthias Sammer, dieser Fußballexperte mit dem Standing eines Achtzigtonners. Da fragt man sich: Haben wir mit der Methadon-Metpaher in ein Wespennest gestochen?

20.19 Uhr

Jetzt schon wieder »Orti vor Ort«, der eben noch ein »Show, don't tell« mit Casteels in die Sendung gestrahlt hat. Steht nun auf dem Rasen, neben Bruno Labbadia. »Orti vor Ort« macht seinem Namen also alle Ehre, Potzblitz! Ob er gleich neben mir wäre, wenn Eurosport nur ankündigen würde, zu mir zu schalten? Oder ist »Orti vor Ort« ein Klon? Die roboterhaften Floskel-Fragen (»Wie fühlen Sie sich?« »Was bedeutet das?« »Was kostet die Milch?«) legen das fast nahe. Aber gut, er muss gar nicht zu mir kommen, der Orti, ich antworte ihm auch so: »Super!« »Hä?« und »Zu wenig!«

20.22 Uhr

Kommen wir zu den Aufstellungen. Hier die Startelf von Holstein Kiel: Kronholm - Herrmann , Schmidt , Czichos , J. van den Bergh - Kinsombi - Schindler , Mühling , Weilandt , Seydel - Ducksch

20.23 Uhr

Ich sach mal so: Kennste, kennste, kennste? Ne!

20.24 Uhr

Und hier die Aufstellung der Wolfsburger: Casteels - William , Knoche , Brooks , Uduokhai - Guilavogui - Malli , Arnold - Steffen , Brekalo - Origi

20.25 Uhr

Ich sach mal so: Kennste, kennste, kennste? Ja, leider.

20.26 Uhr

Nur nochmal so zur Info: Der Volkswagen-Konzern soll circa 80 Millionen Euro in den Verein investieren, jährlich. Holstein Kiel hat in den vergangenen Jahr insgesamt 5000 Euro in Neuverpflichtungen investiert. Ihr habt ein Herz und könnt lesen? Dann wisst ihr ja, für wen euer Seelchen jetzt pochen sollte.

1.

Anstoß Kiel. Felix Zwayer hat es nicht gesehen und steht dazu.

2.

Eine Minute gespielt und ich bin schon jetzt begeistert. Denn das Holstein-Stadion, das ja anfangs von der DFL für nicht bundesligatauglich erklärt wurde, ist so klein, dass die Sonne ungehindert in die Kamera scheinen kann.

4.

Müssen jetzt bis zur Halbzeit so vor dem Fernseher sitzen, um nicht geblendet zu werden. 

5.

Keine fünf Minuten gespielt und mir wird Angst und Bange, wie die Zuschauer wohl Lautstärke machen, sollte Kiel mehr als nur in die gegnerische Hälfte kommen.

6.

Frage, die man sich stellen muss, wenn Holstein Kiel heute nicht aufsteigen sollte: »War das schon das Ende oder war das nur der Anfang?«

7.

Aber guter Beginn aus Sicht von Holstein Kiel. Ein-zwei Halbchancen. Wolfsburg kann keine Sicherheit gewinnen. Wohl auch, weil die Kieler derart stark pressen, dass sie in der Sommerpause als Geburtshelfer auf den Halligen aushelfen werden.

9.

War am Freitag noch beim Optiker, haben uns über Fußball im Allgemeinen und Relegation im Speziellen unterhalten. Er: »Wer spielt denn?« Ich: »Kiel, Mann«.

11.

Zehn Minuten gespielt und die Hoffnung lebt, dass den Wolfsburgern noch vor Spielende ein unzulässiger Motor oder miese Abgaswerte (Grüße aus der Redaktion) nachgewiesen werden.

13.

Und jetzt: Fast das 1:0 für Kiel, die hier spielen, ja, wie ein Bundesligist. Seydel lässt die halbe Wolfsburger Mannschaft stehen, zieht knapp am Tor vorbei. Feines Ding. Wie fein? Seydenfein.

16.

Fans des Hamburger SV stehen vor dem längst eingeplanten Nervenzusammenbruch.

17.

Wow, Wolfsburg mit dem 1:0. Doch weil Origi exakt vor Kronholm und krasser im Abseits steht als die 11FREUNDE-Redaktion auf jeder Party, wird das Tor nicht gegeben. Felix Zwayer hätte sich anders entschieden, aber den fragt ja heute keiner.

19.

Kein Tor Wolfsburg. Für mich schon jetzt die schönsten drei Worte seit: Frankfurt ist Pokalsieger.

20.

Wen ich wirklich blöd finde: Aaron Seydel. Der ist 1,99 Meter groß und unfassbar elegant in seinen Bewegungen und gut am Ball. Was mich mit meinen 2,02 Meter und 38 Jahren Ausreden (»Das sieht nur wegen meiner Größe etwas stacksig aus, insgesamt ist das alles im Fluß bei mir. Das täuscht echt!«) so richtig arm dastehen lässt. Dafür spielt er aktuell bei einem Zweitligisten. Musste ich noch nie. Unentschieden, würde ich sagen.

23.

Um das mal einzuordnen: Kiel gegen Wolfsburg, das ist, als würde ein wirklich talentierter 11-Jähriger sensationell mit seiner Seifenkiste durch die Formel 2 rasen, nur um dann kurz vor der Zulassung zur Formel 1 ein Ausscheidungsrennen ausfahren zu müssen. Gegen irgendsoeinen von Papa gesponserten Bruchpiloten, der die nächste Kurve erst erkennt, wenn sie ihn ausspuckt, der sich angesichts seiner Möglichkeit der Lächerlichkeit preisgibt und dann, auf der Zielgeraden, einfach auf das Gaspedal drückt und wie von selbst davon zieht. Dann reißt er die Arme in die Höhe, zum Triumph, und merkt nicht, merkt: Nichts. Und irgendwo im Hinterland der Wahrnehmung applaudiert die Welt noch dem 11-Jährigen und seiner Seifenkiste. Toller Kampf. Aber morgen schon, das weiß er, das weiß jeder, der auch nur für eine Sekunde darüber nachdenkt, wird er vergessen sein.

26.

26 Minuten gespielt, eine Partie wie ein Tatort bisher. Wie ein Tatort ohne Leiche. Nur der Täter und das Opfer, die sind schon bekannt. Bitter.

29.

Tja. Herrmann entwischt seinem Gegenspieler, wird von hinten zu Boden gerissen und fällt - einen halben Meter vor dem Strafraumrand. Warum bleibt er da fair? Ist die Relegation doch auch nicht!

32.

Tja. Und jetzt bekommt Herrmann für ein Foul die gelbe Karte. Die ist natürlich berechtigt. Aber so ist das, das ist die Moral dieser Relegation. Lässt er sich vor drei Minuten nur einen halben Meter später fallen, ist er der Held. Vielleicht. Für Kiel zumindest. Für den Moment allemal. Weil: Elfmeter. Jetzt ist er der Depp. Fußball, du Sau.

34.

Und Kiel braucht noch immer zwei Tore. Zwei Tore, die niemand für möglich hält. Aber genau von der Sorte hat Frankfurt ja gleich drei gemacht.

36.

Schon verrückt, wer heute alles Relegation spielen darf. Eine Mannschaft, dessen Spieler ich weder kenne noch auseinander halten kann. Eine Stadt, die ich in meinem Leben erst einmal gesehen und sogleich befunden habe, dass das auch genügt. Fußballprovinz. Und auf der anderen Seite: Holstein Kiel.

38.

Wenn Bruno Labbadia auf Nummer sicher gehen will, schickt er seine Mannschaft in der Halbzeitpause geschlossen zu Matthias Sammer.

40.

Noch fünf Minuten bis zur Halbzeit und der Eurosport-Kollege verzichtet endlich auf den Instagramfilter.

42.

Zwei Mannschaft spielen auf Gedeih und Verderb. Erste oder zweite Liga. Auf- oder Abstieg. Doch ganz egal, wie dieses Spiel ausgeht, die Verlierer (Anhänger der Hammer Spielvereinigung) der Woche stehen schon fest: 

45.

Fast wäre schon Halbzeit, da spielt Holstein Kiel auf einmal Fußball - und wie! Doppelter Doppelpass hier, zweifacher Heber mit Telemark dort. Ein perfekter Angriff. Die Jury entscheidet: 19.5, 19.0, 20, 19.5, 18.5. Aber Casteels hält, verdammte Relegation.

21:18 Uhr

Schiri Siebert pfeift zur Halbzeit. Er will die Sammer-Halbzeitshow auch nicht verpassen. Nur verständlich.

21:20 Uhr

... und wenn die Uhren bei DFL und DFB noch richtig ticken würden, dann säße Gesamt-Kiel glücksbesoffen als Aufsteiger auf Malle. Stattdessen: Relegation. Der Willi Herren unter den Fußball-Erfindungen.

21.25 Uhr

Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein im Interview. Verglüht die Anmutung eines Schalterbeamten. Finde ich gut, dass man offenbar mit einem Parteibuch der Sparkasse zu diesem hohen Amt kommen kann. Ach, sympathisch diese Nordlichter.

21.28 Uhr

Matthias Sammer jetzt in der Analyse vor seinem Taktik-Brett. Wenn ich ihn richtig verstehe, fordert er »Läufer auf g3« und »Schach«. Der Teufelskerl.

46.

Wiederanpfiff. Wolfsburg am Ball, die Stand jetzt die Klasse halten würden. Was aber auch heißt: Es kann nur bessern werden.

47.

MEINE FRESSE! Kiel nach zwei Minuten mit zwei riesigen Chancen. So riesig, fast so groß wie Seydel, der mit der Hacke den Ball aufs Wolfsburger Tor bringt. Casteels wehrt ab. Mist.

49.

Was? Früher, sagt Hagemann, wenn der Sieger nach regulärer Spielzeit noch nicht feststand, wurde ein drittes Spiel auf neutralem Platz ausgetragen. Wenn die DFL das erfährt, ist Fußball-Deutschland am Arsch.

51.

Wenn Kiel Bundesliga spielen will, muss erstmal die Autobahn wieder hergestellt sein. Keine Pointe.

54.

Frage für einen Freund: Wie ist es eigentlich möglich, dass ein Unternehmen, dessen eigene Betriebsmannschaft das entscheidende Do-or-Die-Spiel bestreitet, als Sponsor genau dieses Do-or-Die-Spiels auftreten darf?

55.

Warum Kiel in die Bundesliga gehört? Endlich ein familarer Verein.

57.

Wolfsburg ist übrigens nach Kiel geflogen. Der nächste Tick wird sich daher um voraussichtlich zweieinhalb Sekunden verspäten, weil meine NASA-Rakete zum Späti noch nicht bereitsteht.

60.

Was ich immer wieder genieße, sind die Kameraschwenks ins Publikum. Da sitzen Menschen, die dort auch saßen, als Holstein Kiel noch in der Oberliga Niedersachsen/Nord gegen Oldenburg, Arminia Hannover oder Norderstedt spielte. Und die dort auch sitzen werden, wenn Kiel dort wieder spielt. Und dabei aus ihren speckigen Mänteln blicken und mit einem langgezogenes, rollendes »Rrrrrrrrrran!!« mehr Anlaufen (kein Pressing) fordern. Fußball kann so schön, so schön einfach sein.

63.

Muss man mal sagen: Sensationell, wie Kiel das hier macht. Wie sie in jeden Angriff alle Hoffnung werfen. und also alles, was ihnen eingeschrieben steht. Bringt halt nix, weil man gegen den Wahnsinn, der Relegation heißt, am Ende keine Chance hat. David gegen Goliath ist nicht umsonst und leider nur ein Märchen. Aber leben wir also alle den Moment, hoffen für den Moment, wer weiß, wer weiß, ob es nicht doch was wird, denn das ist ja die stete Erzählung dieses Dauermärchens Fußballs. Auch wenn seine Autoren, vom Geld überschwemmt, ganz vorhersehbar geworden sind. Und vergessen wir also, dass es nicht reichen wird, denn wir leben, um davon zu erzählen. Und in Kiel, in Kiel haben sie etwas zu erzählen über diese Saison. Das ist nicht genug, wollte man der Fairness die Hand reichen, und lange nicht genug, um davon zu leben. Aber immerhin etwas. Und vielleicht Alles, was noch bleibt bei dem, was gemeinhin und viel zu pauschal als »moderner Fußball« beschrieben wird und dann eben doch zutrifft.

66.

Aber kommen wir zum Sport: Wolfsburg mit einem Einwurf. Der mündet in: Einwurf Wolfsburg. Der mündet in: Abschlag Kiel. Die dann erneut versuchen müssen, hier das Spiel zu machen. Was aus Sicht der Gäste natürlich nur allzu verständlich ist. Und aber auch: traurig.

69.

Wenn ich nochmals zurückkommen darf zum Ministerpräsidenten des Landes Schleswig-Holstein: Soll er doch bitte dafür sorgen, dass der Verein Gelder bekommt, dieses grandiose Stadion im besten Sinne und mit gutem Augenmaß aufzuwerten. Nur vorher sollte er dieser Mannschaft dringend ein Denkmal spendieren.

70.

Anruf vom Fußballgott bei Marcelo Diaz: »Junge, ich könnte Dich grad gut in Kiel gebrauchen.« Es knackt in der Leitung, ein Hüsteln dann, ehe das Stimmband des Chilenen rasselt: »Tomorrow my friend.« Der faule Hund.

71.

Zwei Worte, die einander fast zwingend bedingen: Foul und Guilavogui.

72.

Kiel jetzt wie ein Dartspieler, der schon beim Betreten der Kneipe auf die Triple-20 zielt. Hier wie dort eine Idee, so gut wie ein Griff ins Klo.

75.

Arnold mit der Torchance, zieht vom Strafraumrand ein Pfund Mächtiges vom Schlappen. Die anschließende Ecke findet den Schädel von Robin Knoche, der »Ja« sagt zu dieser Chance, zum »Helden« dieses Spiels zu werden. Gäbe es ein Misch-Emoji aus Wut, Hass und Kotz, hier würde es stehen.

76.

Entschuldigt mich, ich schiebe mir jetzt die VHS-Kassette vom Pokalendspiel rein und spule immer dann zurück, sobald Ante Rebic trifft. Ein kleiner Moment des Glücks, der sich nicht aufbrauchen lässt.

79.

Mein Gott, ist das ätzend. Als würde Sauron den einen Ring finden oder der Weiße Hai auch Martin Brody fressen. Aber nun gut, die Titanic geht ja auch jedes Mal unter.

81.

Wenn der Stadion-DJ gleich »Kielling me softly« spielt, muss ich wahrscheinlich weinen.

84.

Die Ultras haben aufgehangen: »Holstein-Stadion unverhandelbar« - Blöd nur: Sie säßen, so wie es scheint, morgen ganz allein am Verhandlungstisch.

85.

Und jetzt TOOR für Holstein Kiel. Wenn wir ein großgeschriebenes Wunder bräuchten, wir wären schon beim »U«.

86.

Doch alles was wir großschreiben dürfen, nennt sich VAR. Weil auch dieses Tor wegen Handspiel zurückgepfiffen wird. Somit bleibt es beim 0:1. Somit bleibt es bei älvbdsgulj-VERDAMMTNOCHEINS.

87.

Morgen Abend dann Aue gegen Karlsruhe. Und wir werden stoisch Kiel die Daumen drücken.

90.

Fünf Minuten Nachspielzeit. In Zahlen: fuck. Zu wenig.

90. +2

Das komplette Stadion singt, grölt, leidet: »Und ihr wollt Erste Liga sein?« Schön, dass sie die Enttäuschung nicht gegen die eigene Mannschaft richten, und warum auch? Aber, aber, aber, die bittere Antwort, jene, die die Zyniker aus Wolfsburg auch nicht weiter, nicht über den Tatbestand hinaus kratzt, lautet: ja. Bitter.

90. +3

Auf dem Rasen nur noch Geschiebe. Langes Holz ohne Axt. Und jetzt feiern die Fans, feiert das Stadion die eigene Mannschaft. Und vielleicht ist das die Botschaft des Abends: Dass es am Ende egal ist, wer am Ende dieses Abends in der Bundesliga spielt. Weil allein zählt, dass man stolz auf sich sein darf. Und da steht es nach diesem Relegationsduell zwischen Kiel und Wolfsburg: Verdammt stolz zu VW. Immerhin.

22.25 Uhr

Das Spiel ist aus. Der VfL Wolfsburg bleibt erstklassig. Also sportlich. Und Kiel? Hat eine Weltklasse-Saison gespielt. Und weint. So ungerecht kann er sein, der Fußball. Sollte er nur nicht. Schaut jetzt einfach nochmal das Pokalfinale und verabschiedet sich damit in die Nacht: der Liveticker.