Eintracht Frankfurt

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BVB

Das Pokalfinale im Liveticker

Das ist so, ja.

Jetzt hat er ihn, den Pokal. Aber hat er ihn auch noch, den Job? Tuchel und der BVB schwitzen sich zum Sieg. Der Liveticker lächelte mit Aki Watzke um die Wette.

Ab 19:30 Uhr...

...berichtet der Ticker live aus der Barbourjackeninnentasche von Aki Watzke. Freut euch drauf. Wir tun es nämlich nicht.

19:30 Uhr

Da sind wir, liebe Fans. Und »wir« meint in diesem Fall »mich«, einen einsamen Mann auf der Insel der Traurigkeit. Die Kollegen sind leider beschäftigt. Und »beschäftigt« meint in diesem Fall am Tresen, in der Sonne, im Lido, im Stadion, im Urlaub. Viel Spaß, riefen sie noch durch die sich schon schließende Redaktionstür, und das war es dann. Gab es einen Dissens? Das ist so, ja.

19:32 Uhr

Die ersten Bilder, die uns die ARD in die kindliche Freude sendet, muten befremdlich an. Eine Rockkombo jenseits der Rentengrenze gitarrt und gröhlt mit wehendem Haar vor der Frankfurter Kurve, die Szene hat etwas Archaisches, Status Quo meets BAP, ist das die Hölle? Ist es deshalb so warm? Schlimmer geht es nicht, denkt man. Aber in der Halbzeit singt Helene Fischer.

19:35 Uhr

Die Hände von Eintracht-Keeper Hradecky sind »eigentlich viel zu klein«, verrät ein Einspieler. Irgendwo im europäischen Luftraum tippt ein US-Präsident triumphierend einen Tweet in sein Handy. Sad!

19:42 Uhr

Heute wieder Mehmet Scholl als Sidekick. Was nach Effenberg am Donnerstag ja total angenehm ist. Effe sieht immer aus, als posiere er für ein Foto, das niemand macht. Scholli gibt derweil sofort den Welterklärer, den Einordner, den Mahner auch. Hohe Brauen, gefurchte Stirn, große Worte. Ich nenne ihn Scholl-Latour.

19:45 Uhr

Traurigste Szene bis hierhin: Wie das DFB-Maskottchen Paule hinter Scholl und Bommes entlangläuft und dann versucht, ein Victory-V in die Kamera zu zeigen, das mit seinen überdimensionierten Adlerflügeln aber natürlich nicht schaffen kann. Eine Allegorie auf vieles um uns herum, wenn nicht auf alles.

19:48 Uhr

Helene Fischer im Interview. Sagt, dass es nicht um sie gehen soll. Redet dann sehr viel über sich. Auf dem Rasen versucht Paule einen Mittelfinger zu zeigen. Aber das hatten wir ja schon.

19:52 Uhr

Der Pokal hat seine eigenen Gesetze. Eines davon besagt, dass Steffen Simon auf jeden Fall sagen muss, dass der Pokal seine eigenen Gesetze hat. Alle weiteren Pokalgesetze hier:

19:54 Uhr

Katharina Witt trägt den Pokal ins Olympiastadion. Deniz Aytekin (hinter ihr) sieht aus, als würde er gerne einen Salto Mortale springen. Mein Lieblingszitat von Kati Witt übrigens: »Wir sind humorvoll, äußerst gesellig. Und daß die schönsten Mädchen aus Sachsen kommen, ist auch nicht nur ein Gerücht.«

19:55 Uhr

Aubameyang lächelt listig, als die Kamera an ihm vorbeischwebt. Er weiß jetzt schon, dass er den Pokal für die geselligste Frisur gewinnen wird. Eine fantastische Mischung aus totem Bieber und Denver-Omelette. In Paris frohlocken die Coiffeure.

19:59 Uhr

Deutlich zu sehen: Bartra, Kagawa, Vallejo und Dembélé haben die Nationalhymne nicht mitgesungen. In Düsseldorf verrutscht Christian Lindner das Markensakko.

1.

Bunte Rauchschwaden treiben vor einem blauen Himmel entlang. Markige Schreie, eine Trommel, ein Pfiff. Das Pokalfinale als Francis Ford Coppolas »Apocalypse Now«. Mit Thomas Tuchel als Colonel Kurtz: »Das Grauen, das Grauen.«

3.

Wahnsinnsbeginn, jedenfalls Simons orgiastischer Stimme nach zu urteilen. Sehen tut man leider nichts. Fühle mich wie bei Herbert Zimmermanns Radioreportagen. Aus dem Hintergrund müsste Reus schießen, Reus schießt... Abstoß.

5.

Watzke: »Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen.«
Tuchel: »Herr Watzke, ich bevorzuge Bircher-Müsli.«

8.

Der Nebel lichtet sich, und in die plötzliche Sicht hinein das 1:0. Dembélé rechts durch, erinnert sich an sein Siegtor gegen die Bayern, schlägt einen Haken, Vallejo erinnert sich nicht, hat das Spiel wohl nicht gesehen, rutscht deshalb ins Leere, und dann schlenzt der Franzose den Ball ins Netz, vorbei an Hradeckys Händen, die jetzt nicht mehr nur »eigentlich viel zu klein« sind, sondern auch uneigentlich und endgültig.

12.

Medojevic, Gacinovic, Seferovic. Wenn Niko Kovac' (sic!) Taktik ist, das Spiel über die Nachnamen zu gewinnen, geht sie noch nicht auf. Trotzdem vicig.

15.

Es gibt laut Duden nur ein deutsches Wort, das sich auf Watzke reimt.

17.

Medojevic macht sein erstes Saisonspiel, im Pokalfinale, das ist sehr lässig. Die Personalnot scheint groß für Niko Kovac. Bis zuletzt hatten sich Mauricio Gaudino und Uwe Bein Hoffnungen auf den Platz im Mittelfeld gemacht.

19.

Jetzt Frankfurt! Bein auf Gaudino, der auf Yeboah, der auf Okocha, aber am zweiten Pfosten steht dann nur Chandler, und das kann konsequenterweise nichts werden.

23.

Frankfurt mit etlichen Fehlpässen. Auf der Bank rauft Niko Kovac die Haare von Bruder Kovac, weil seine eigene Frisur zu perfekt sitzt.

25.

Frankfurt wird stärker. Seferovic rutscht an einem Querpass vorbei, im Nachsetzen scheitert Rebic an Bürki. »Da fehlte ein halber Meter«, kreischt Simon. Er und wir wissen: Ein halber Meter für Seferovic, eine Meile für Eintracht Frankfurt.

29.

Auf der Bande motiviert Ergo: Hinfallen. Aufstehen. Weitermachen. Sieht Rebic ähnlich, geht links durch, schweißt den Ball ins Netz. 1:1, auch in dieser Höhe verdient. Und Aki Watzke freut sich, hat er doch endlich einen Grund, Tuchel zu feuern.

32.

In der Wiederholung sehen wir, wie Schmelzer noch auf Abseits reklamiert, derweil Rebic schon an der Eckfahne tanzt. Dortmund wirkt verzweifelt. Nie fühlte ich mich diesem Verein so nah.

33.

Reus lässt sich an der Seitenlinie behandeln. Hat ihm denn niemand gesagt, dass er für den Confed-Cup gar nicht nominiert ist?

35.

Schon erstaunlich, dass Eintracht Frankfurt, die schwächste Mannschaft der Rückrunde, jetzt drückend überlegen ist. Andererseits hat der HSV ja auch mit -28 Toren die Klasse gehalten. Football, bloody hell!

38.

Seferovic, ja, mei, Junge, was macht er? Ist frei vor Bürki und lümmelt das Leder an den Pfosten. Anzusehen wie ein Unfall. Eine fußballerische Kernschmelze. Harisburg.

41.

Abraham, sieht unglaublich alt aus, also ganz generell, nicht gegen Aubameyang. Diese Gesichtsfalten! Dieser schale Trab! Wie ein seltenes Fossil schleppt er sich über den Rasen, jeder Schritt eine Gicht. Am Ende des Spiels wird man ihn in einem Block aus Bernstein finden.

43.

Aubameyang stolpert über sein Haarband. Bezeichnend.

45.

Aytekin pfeift in die Halbzeit. Bei Tuchels Mine muss ich an Peter Hein denken: »Ich bin nicht verbittert, ich finde nur alles scheiße.«

20:50 Uhr

Die ARD zeigt uns die Tagesschau statt der Halbzeitshow von Helene Fischer. Endlich weiß ich, wofür ich Gebühren zahle.

20:55 Uhr

Zu früh gefreut, da ist die Schalte. Direkt in Helenes Atemlosigkeit hinein, die stattfindet vor einer Choreographie, die sich in dieser Form nur ein grenzdebiler Drogist ausgedacht haben kann: Männer und Frauen in zerrissenen Jeans tanzen zu Zeilen, zu denen man nicht tanzen kann, immerhin grinsen sie dabei, sie wissen ja genau, wie infam das ist. Und Fischer? Trägt Bikini, aber darüber Omis Strickpullunder. Keine Pointe.

21:00 Uhr

Also man wenn man mich fragt, und das mache ich jetzt einfach mal, weil sonst ist ja niemand da, dann wird die Fischer mit Inbrunst ausgepfiffen. Hört ihr das auch? Ja, doch, da, ganz deutlich. Hysterische Verachtung aus beiden Kurven. »Danke Berlin, ihr seid ein tolles Publikum«, ruft Fischer. Dafür bewundere ich sie fast schon wieder.

21:03 Uhr

Varela kann auf Frankfurter Seite nicht mitwirken, weil er sich in der Vorwoche ein Tattoo hat machen lassen. Ist suspendiert und aussortiert worden. Wie die Chose rauskam? Wurde durchgestochen.

46.

Tuchel bringt Pulisic und Castro für Schmelzer und Reus. »Nichts gegen die beiden«, ruft Simon. Castro lächelt dankbar Richtung Reporterkabine. Tolle Szene.

47.

Wenn ich Abraham am Ball sehe, denke ich immer, dass ich es auch hätte schaffen können. Wenn Abraham gegen Aubameyang sehe, denke ich, dass ich es nicht hätte schaffen wollen.

49.

Wahnsinnsangriff des BVB. Über Kagawa, Pulisic und Dembelé rotieren sie in den Strafraum, am Ende der Querpass auf Guierrero, was so viel heißt wie Kriegerchen, aber es rettet Hector. Was soviel heißt wie Fluggrätschchen.

51.

Sein Tattoo hat Varela übrigens mit Sergio Ramos zu verteidigen versucht. Dass Madrid ja Ramos auch nicht sperren würde, wenn der sich ein Tattoo stechen lasse. Was Varela aber nicht weiß: Sergio Ramos ist schon mit seinen Tattoos zur Welt gekommen. Sergio Ramos geht nur ins Tattoostudio, um Tattoos entfernen zu lassen.

54.

Und hier das Tattoo, das sich Varela in die rechte Armbeuge hat stechen lassen. Wir finden: Gerechte Suspendierung.

57.

Ein Spiel auf Augenhöhe. Wenn man in die Hocke geht.

61.

»Sehr großzügige Linie!«, ruft Steffen Simon. Der ARD-Praktikant weiß offenbar, wie man den Moderator bei Laune hält.

63.

Tuchel lacht, weil weinen zu einfach wäre. Gesehen hat er dies: Dembelé bringt die Frankfurter Abwehr mit dem Tamburin zum Tanzen, pirouettiert in den Strafraum, hebt den Ball dann an den Fünfer auf Aubameyang, der den Fallrückzieher versucht. Und auf der Linie steht Fabian, weiß selbst nicht warum, hechtet mit Vollspann in den sicheren Treffer, drischt den Ball an die Latte, Hradecky duckt sich weg, wird nur deshalb nicht vom Abpraller getroffen. Man muss sich die Augen reiben, einmal, zweimal, um zu sehen: kein Tor. Wirklich kein Tor. Eine Szene wie aus dem Bazooka-Zirkus. Raoul Duke dazu: »Der Bazooka-Zirkus ist der Ort, wo sich die ganze Welt an einem Samstag Abend vergnügen würde, wenn die Nazis den Krieg gewonnen hätten. Dies ist das sechste Reich.«

67.

Elfmeter! Pulisic ist durch, Hradecky dreht durch, Foul, Spitze, Pfiff. Und Aubameyang legt sich den Ball zurecht...

68.

Vor unser aller Augen gleitet Aubameyang aus seinem Körper hinaus und in den von Zinedine Zidane hinein, den Zidane von 2006 wohlgemerkt, das hier ist Berlin, das ist das Finale, Zidane läuft, panenkat, Stille im Stadion und dann – BOOM. Aubameyang gleitet wieder in seinen Aubameyang-Körper hinein, es steht 2:1 und bitte, bitte, bitte lass dieses Spiel so weitergehen.

70.

Der Fußballgott kommt. Er ist groß. Er trägt Zopf. Alex Meier, diese letzte und beste aller Verzweiflungsalternativen, darf auf den Rasen. Ich mag ja Kitsch. »Fackeln im Sturm« habe ich zum Beispiel mit meiner Mutter total gerne geguckt. Aber wenn Alex Meier dieses Finale jetzt noch zu Frankfurts Gunsten dreht – nein, das wäre selbst mir zu kitschig.

73.

Bei Dortmund ist der Durm drin. Bartra geht.

76.

Geniale Taktik von Frankfurt: Alle zehn Spieler hängen sich an Meier, stellen sich auf seine Schultern, springen harlemglobetrottersmäßig von ihm ab. Frankfurt kommt. Mensch Meier? Gott Meier.

78.

Seferovic auf Meier. Meier scheitert. »Gott ist tot.« (Nietzsche)

82.

Schweiß. Grätschen. Flanken. Verwitterte Gesichter. Verwitternde Gesichter. Das Finale ist längst kein Finale mehr, sondern ein Epos. In München weint Fritz von Thurn und Taxis Tränen der Rührung in sein Cordjackett.

83.

Aubameyang wehrt sich aller Häscher, dann nagelt er dann Ball ans Lattenkreuz. Die Passion Tuchel.

87.

Wie auf Kommando zoomt die ARD in Tuchels Leidengesicht und tatsächlich, der Trainer sieht aus, als habe er sich zehn Kilo abgeschwitzt. Besteht nur noch aus Wangenknochen und Augenhöhlen. Wir würden seinen Blick deuten, wenn wir ihn denn sehen könnten.

90.

Und so langsam dämmert auch Aki Watzke in seiner Loge da oben, dass er in ein paar Sekunden ein fettes Problem hat. Weil Tuchel den Pokal holt. Das ist so, ja.

90.+4

Frankfurt, über rechts, mit zehn, zwanzig, dreißig Männern. Irgendwer legt Oczipka. Ein Freistoß noch. Der letzte Schuss, der goldene? Nein! Die Nadel klemmt bei Danny Blum. Aytekin pfeift ab. Und Tuchel, dieser Heroin Chic unter den Trainern, ganz still und starr, weint, ohne es zu wissen.

22:00 Uhr

Erleichterung in Dortmund, denn: Die ARD hat in ihrem Teletext gefragt, ob sich Tuchel und Watzke wieder versöhnen sollen. Und 78 Prozent der Teilnehmer haben mit Ja votiert. Es gibt Hoffnung. Jedenfalls in einer Welt, in der es auch noch Teletext gibt.

22:05 Uhr

Wenn man sieht, wie sich Marc Bartra freut, wie er alles aus sich rausschreit, wie er tanzt und kreiselt, mit Gipsarm, mit Freudenträne im Auge, dann muss man auch einfach mal völlig ironiefrei sagen: Fußball ist schön. Trotz allem. Wegen allem.

22:15 Uhr

Das war es, in Berlin zwar noch nicht, aber von mir. Ich will auch raus, an die Luft, in die Sonne, die nicht mehr scheint, ins Leben, das, wenn ich das richtig deute, irgendwo um Olympiastadion tobt. Am Ende war es wie bei Kafka: Tuchel gewinnt, aber seinen Job verliert er. Vielleicht. Für mehr hierzu empfehle ich den ARD-Teletext. Atemlos durch die Nacht. Macht es gut, ihr schönen Menschen.

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