Werder Bremen

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Hertha BSC

Bremen - Hertha im Liveticker

Dardai sein ist alles

Hertha BSC gerät in Bremen mit 1:3 unter die Räder und verabschiedet sich aus der Spitzengruppe. Aber wie heißt es so schön: Dardai sein ist alles. War zumindest körperlich anwesend: der Ticker. 

18:15 Uhr

Freunde, herzlich willkommen zum Spitzenspiel-Ticker. Und nein, mit Spitzenspiel meinen wir nicht Bayern München gegen Bayern Münchens A-Jugend, sondern tatsächlich Werder Bremen gegen Hertha BSC. Was sich irgendwie so anfühlt, als würden wir euch die neue Platte von DJ Bobo als Avantgard-Zwölftonmusik verkaufen wollen. Was wir nachher vielleicht auch tun, schließlich sind wir im Nebenberuf zertifizierte DJ-Bobo-Händler. In diesem Sinne: PRAY!

18:19 Uhr

Übrigens. bevor wir mit dem Bundesliga-Spitzenspiel beginnen: Es heißt seit heute nicht mehr Bundesliga, sondern Toreschießen-YOLO und wird euch präsentier von MC Fittis Fitnesstrainer, wie Mattel heute bekanntgab.

18:20 Uhr

Andere wichtige Dinge: Luka Modric ist Weltfußballer, auch wenn er sich seit der WM stark verändert hat. Trotzdem Glückwunsch. 

18:25 Uhr

Wenn du merkst, dass das Spiel auf Sky läuft und Steffen Simon deswegen nicht kommentieren wird...

18:26 Uhr

Kommen wir zu den Aufstellungen. Hertha im bewährten 4-3-egal-Rückrunde-wird-eh-mies, Bremen heute im 4-5-Altersheim.

18:27 Uhr

Wieder mal zeigt sich: Das Schöste an Bremen ist nicht die Autobahn nach Hamburg, es ist auch nicht Dieter Eilts Haaransatz, sondern ganz klar das Einlauflied.

18:30 Uhr

Uff. Und nach »Enter Sandman« direkt das schmalzige Werder-Lied. Als würde man nach dem zweiten Bier richtig Bierdurst haben und der Kneipier stellt dir ein Actimel auf den Tresen.

1.

Anpfiff. Palko Dardai steht heute zum ersten Mal in der Startformation und Salomon Kalou murmelt irgendwas von Trainersohn.

3.

Vier Stunden dauert die Fahrt von Berlin nach Bremen übrigens. Eigentlich perfekt für so eine Auswärtsfahrt nach Feierabend. Völlig unverständlich, warum die Fans sich hier über die Spielansetzung beschweren.

5.

Werder Bremen legt mit einem offensiven Feuerwerk los. Wir suchen verwundert Diego, Micoud oder Özil - aber finden nur Pizarro auf der Bank.

10.

Wow, 1:0 für Bremen, Freistoß Sahin, Gewusel, noch mehr Gewusel, dann Harnik aus dem, naja, Gewusel. Ein Tor, das so hässlich ist, dass man es wegen der miserablen B-Note möglicherweise wieder aberkennen wird.

11.

Lustenberger haut Jarstein den Ball aus den Händen. Eine bessere Zusammenarbeit sieht man in Berlin derzeit nur bei der großen Koalition.

15.

Kalte Dusche auch für unseren Kollegen Max Dinkelaker, der hier beflügelt vom superben Hertha-Saisonstart seit Tagen durch die Redaktionsräume schwebt, als hätte er höchstpersönlich die Hertha mit 50 Saisontoren zur verdienten Meisterschaft geschossen. Was prinzipiell ganz gut ist, mit Duschen hat er es nämlich nicht so.

17.

Und dann: Fehlentscheidung zuungunsten Berlins, Duda kriegt einen klaren Elfer nicht gepfiffen. Da frage ich mich: Warum reagiert da der VAR nicht? Haben sich die Schiris in Köln nach dem hässlichen Harnik-Tor die Augen ausgestochen?

20.

Werder fast mit dem 2:0, aber Harniks Traumtor wird leider wegen Abseits aberkannt. Und dennoch: Die Bremer spielen hier wie einst in den Mitt-Nullerjahren, schöne Ballstaffetten, zügiges Spiel nach vorn. Wenn gleich Ailton nachlegt oder Johan Micoud einen Freistoß ins Tor streichelt, kauf ich mir eine Dauerkarte für die Saison 2004/05.

23.

Harnik mit der nächsten guten Aktion. Der ist so heiß, um nach dem Spiel runterzukommen, füllt er das Entmüdungsbecken mit Frittenfett.

25.

Davy Klasssen mit der Chance. Nur mal so am Rande: Haben da Ludovic Magnin und Dieter Eilts mal Vaterschaftstests gemacht?

25.

Harnik probiert es mit der Hacke. Wir bitten auch Ailton zum DNA-Test!

27.

Das Bremer Mittelfeld rotiert schneller als der »Breakdancer« auf der Kirmes. Und Kohfeldt ruft mit blecherner Stimme: »Und los! Los! Los! Los!«

28.

Klaassen mit der unnötigsten Rettungsaktion, seit Teenager verzweifelt versuchten haben,Take That bei teuren SMS-Abstimmungen in den Viva-Charts zu halten.

32.

Das Weserstadion ist mit so viel Werbung zugepflastert, wir wundern uns, dass der Kommentator nicht russisch spricht und wir nicht alle 30 Sekunden auf irgendwelche dubiosen Erotikseiten weitergeleitet werden.

34.

Eine Bande bewirbt »Kennerfleisch«. In der Redaktion wächst die Sorge um Tobias Escher.

36.

Hertha wie ein Apnoe-Taucher: kommt nach über einer halben Stunde zum Luft holen.

39.

Linienrichter Thomas Stein wieder mit einer korrekten Entscheidung. Seit sich Tic Tac Toe aufgelöst haben, Lou Bega im Untergrund verschwunden ist und Eko Fresh Werbung für das DB Bayernticket macht, muss der Musikmogul sich ein Zubrot in der Bundesliga verdienen.

42.

Ibisevic tritt erst Pavlenka mit Schmackes um, um dann den Ball noch härter über das Tor zu treten. Für beide geht es zum Glück weiter.

45.

Gleich Pause. Und ich hätte vor dem Spiel nicht gedacht, dass ich das sagen würde, aber: Verdammt schade.

45.+1

Und da ist das 2:0. Werder mit der wunderbaren Kreisligaregel »Ecke, Tor«. Gleich steh ich in Stutzen und oben ohne am Bierpils und schäker mit der schönen Wurstverkäuferin, wenn das so weitergeht.

19:19 Uhr

So, Pause. Und was soll man sagen: Wir haben hier in 45 Minuten mehr Fußball gesehen als in der gesamten letzten Bundesligasaison.

19:29 Uhr

Ganz angenehme Halbzeitanalyse von Sky. Kein Lothar Matthäus, der jeden Nicht-Gedanken, der ihm durchs Vakuum wabert, direkt ausspricht. Kein Calmund, der in sich selbst schwimmt, als wäre er halb Mensch, halb Wasserbett, niemals verlegen um eine unfundierte Aussage. Und kein Erik Meijer, der Taktik für eine Stadt in Südchina hält. Nur Esther Sedlacek und Didi Hamann, das ist tatsächlich aushaltbar.

19:30 Uhr

Außer man hat SkyGo, dann kann man die Analyse natürlich nicht aushalten. Weil man sie schlicht nicht sehen kann.

46.

Wow, ich werd noch zum Werder-Fan. Zum Anpfiff Enter Sandman, zum Wiederanpfiff Sweet Child o'Mine. Jetzt zu Abpiff noch Bohemian Rhapsody und ich werde MItglied auf Lebenszeit. Die nicht sehr lang sein wird, weil ich meine Freizeit in diesigen Rockkneipen verbringe, aber immerhin. Hust.

48.

Problem bei den Berlinern: Da wäre jetzt eigentlich eine ordentliche Kabinenpredigt erforderlich gewesen, so ein richtiger Anschiss. Aber wenn du in einer Stadt lebst, in der eh jedes Gespräch wie ein Anschiss klingt, wie packst du die Leute dann noch?

50.

Nuri Sahin übrigens auch mit einer guten Partie. Der wahrscheinlich älteste 30-jährige Fußballer der Welt. Würde mich nicht wundern, wenn irgendwann rissige schwarz-weiße Mannschaftsfotos von irgendeiner Elite-Uni aus England auftauchen, so um 1878 herum, auf denen ein junger Nuri Sahin stolz einen Rugby hält, sich über den Sieg im Cheshire-Derby freut und in Gedanken schon seinem Praktikum bei der East India Railway Company entgegensieht, bevor er dann auf sein Zimmer geht und mit den Kommilitonen an den FA Rules feilt, um sich endlich von der Rugby Union abzuspalten.

53.

Palko Dardai laut Kommentator Born übrigens mit den wenigsten Ballkontakten. Das wird dem Papa sicher nicht gefallen. Wenn das so läuft wie bei uns früher, dann gibt es eine Woche Nintendo-Verbot, Taschengeldentzug und kein Mitspracherecht beim abendlichen Fernsehprogramm. Menno.

55.

Wahnsinnstor von Jaivaro Dilrosun. Geht über links durch und schweißt den Ball ins kurze Eck. Jung von Matt hatte überraschenderweise also doch Recht: In Berlin kann man wirklich alles sein. Sogar ein guter Fußballer.

57.

Halte diese neue, erfolgreiche Hertha ja sowieso nur für eine ausgeklügelte Marketingkampagne von Jung von Matt. Die haben Preetz und den anderen Verantwortlichen wahrscheinlich einfach gepitcht: »Leute, um ein cooleres Image zu bekommen, müsst ihr einfach, naja, erfolgreich Fußballspielen.« Staunende Gesichter in der Runde, offene Münder, Kopfkratzen, einer nimmt erstaunt den Finger aus der Nase.

59.

Michael Born fragt sich immer wieder: »Wie konnte Guardiola nur den Dilrosun gehen lassen?« Hmmmm….Agüero, Jesus, Mahrez, Sané, Sterling, Bernardo Silva…Keine Ahnung.

62.

Für den verletzten Jarstein kam zur Halbzeit Kraft. Zusammen mit Stark und Plattenhardt hat Hertha (!) jetzt mehr testosteronschwangere Namen auf dem Platz als auf eine Flasche Duschgel für MÄNNER passen.

64.

Pal Dardai nimmt seinen Sohn vom Platz. Stubenarrest.

65.

Plattenhardt mit einem Foul, so dumm, dass es eine Bild-Überschrift sein könnte. Elfmeter.

66.

Kruse verwandelt eiskalt und läuft zu den Fans. Er hat sich wohl bei den Anweisungen des Trainers verhört: »Jungs, wenn wir komfortabel in Führung sind: Ab zur Mettfahne!«

71.

Übrigens: Nuri Sahin jetzt draußen. Für ihn kamen Philipp Bargfrede und 2000 Euro Abwrackprämie.

72.

Stark, diese Werderaner. Das bringt aber natürlich auch Probleme mit sich. In Bremen ist es schließlich Tradition seit 1762, dass der U23-Trainer zum Cheftrainer aufrückt, um dann nach einem Jahr wieder vom U23-Trainer abgelöst zu werden. So ist es und so war es immer. Darf man mit dieser uralten Tradition einfach so brechen? Was sagen die Traditionalisten im Verein?

75.

Davy Klaassen auch wirklich mit einer guten Partie. Aber mal im Ernst: Kann ein Bremer Spieler im zentralen Mittelfeld eigentlich noch mehr nach Dieter Eilts aussehen, ohne Dieter Eilts zu sein? Würde mich gar nicht wundern, wenn Klaassen als einziger im Baumwolltrikot aufläuft oder überrascht auf einen gepfiffenen Rückpass reagieren würde.

77.

Kainz kommt für Martin Harnik. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie erinnert Harnik mich optisch immer an Rantanplan, den Hund von Lucky Luke. Nach Spielende wird er an der Seite von Florian Kohfeldt in den Sonnenuntergang laufen, während sein Trainer »I’m a poor lonesome Cowboy« anstimmt.

80.

Immer wenn ich die Hertha mit dem »Tedi«-Brustwerbung sehe, muss ich an die Gurkentruppe bei mir früher in der Kreisliga denken, deren Trikots mit »Fruchtzwerge« beflockt waren. Für die Moral ist das natürlich Gift. Leckeres, fruchtig-cremiges Gift, aber Gift.

83.

Kann man nicht anders sagen: Flottes Spielchen hier. Viel Tempo, gute Kombinationen. Man könnte das tatsächlich für ein Spitzenspiel halten, absurd. Als würde bei der Oscar-Verleihung plötzlich Jean-Claude van Damme den Award für die beste Hauptrolle gewinnen, für seine einfühlsame Darstellung eines neurotischen und unglücklich verliebten Literaturprofessors.

84.

Claudio Pizarro noch immer auf der Bank. Er spielte gegen Hertha BSC übrigens sein erstes Bundesligaspiel. Ein 1:1 im August 1999. Auf dem Platz damals der echte Dieter Eilts und Marco Bode. Pal Dardai kam für Dariusz Wosz. Eine Zeit, in der die Bundesliga noch am letzten Spieltag entschieden wurde, der TSV 1860 international spielte und sich Red Bull noch auf die Produktion widerlicher Getränke konzentrierte. Wir laden nebenbei schonmal eine Folge Bundesliga Classics.

87.

Dilrosun mit dem Fast-Supersolo, sein Zidane-Trick bleibt aber leider in einem gegnerischen Bein hängen. Und dennoch: Der ist als Linksaußen so gefährlich, es würde mich nicht wundern, wenn er hier in Berlin in der Rigaer Straße wohnt.

88.

Jetzt nochmal die Hertha mit einem ganz großen Angriff: Dilrosun xavit den Ball zu Selke, der ronaldot einen Verteidiger aus und gomezt dann den Ball am Tor vorbei.

90+1

Flutlicht, die Fans feiern, das Team zaubert. Ein Hauch von 2004 weht durchs Weserstadion, die vage Erinnerung an das große, alte, stolze Werder Bremen, das sich stets als Mannschaft der Offensive verstand, als Heimstatt von Künstlern wie Micoud, Herzog, Diego, Özil, und und und. Ich lege mich ja ungern fest (außer bei der Wahl meines Duschgels: Bac Mettwurst), aber ich glaube, Werder wird die Überraschungsmannschaft dieser Saison. und o wie sie spielen, gönnt man ihnen das auch.

20:26 Uhr

Und das war's: Bremen schlägt die Hertha mit 3:1 und setzt sich in der Spitzengruppe fest. Und nein, das ist kein Ticker aus dem Jahre 2007. Ist Werder nun der Bayernjäger Nummer eins? Wirbeln Kruse, Eggestein und Harnik die Bremer zum Titel, am vorletzten Spieltag mit einem 3:1 in München, trinken anschließend Schampan und Bier Brasilian? FIlmt Florian Kohfeldt aus dem Cockpit des landenden Meisterfliegers? Und was machen eigentlich Ailton, Tim Borowski und Ivan Klasnic? Viele Fragen, auf die wir keine Antworten wissen. Vielleicht aber ja morgen. In diesem Sinne: Schönen Abend noch.