Brasilien
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Deutschland

Brasilien-Deutschland im 11FREUNDE-Liveticker

Wenn dir etwas gefällt, analysiere es nicht, sondern tanze dazu!

7:1 gewinnt Deutschland im WM-Halbfinale gegen Brasilien. Würde dieses Ergebnis nicht morgen früh frischtätowiert auf Jerome Boatengs Unterarm prangen, wir würden es wohl nicht glauben. Wie immer keine verlässliche Quelle: der 11FREUNDE-Liveticker.

12:11 Uhr

Guten Tag, liebe Fans. Jetzt gibt es kein Zurück. Schwarze Fingernägel, rote Augen, goldene Zähne: Die Torturen der letzten Wochen sind uns anzusehen. Werden sich all die durchwachten Nächte, in denen wir unseren Körpern Pool-Interviews und Cacau-Expertisen zumuteten, in denen wir Jogi verstießen und wieder an uns zogen, uns nach Klaus Augenthaler sehnten und dann doch ganz froh warn, Mats Hummels zu haben, am Ende gelohnt haben? Wie sagte Gerd Rubenbauer bereits 1990, in der Nacht von Rom: »An diesem einen Schuss kann der Weltmeistertitel hängen!« Bloß an welchem von all den vielen, verdammt noch mal? Wenn wir das nur jetzt schon wüssten, müssten wir nicht Halt suchen bei Wildfremden in der Supermarktschlange, im Wartezimmer, in der U-Bahn: »Bitte sagen Sie mir, dass wir Weltmeister werden, Mann! Sagen Sie es jetzt! Sofort!« Wenn wir das nur jetzt schon wüssten, müssten wir ihn nur noch reinmachen. Es ist so einfach, es ist so kompliziert. Fußball, du bist die schönste Frau der Welt.  

12:23 Uhr

Manuel Neuer war 16 Jahre alt, als sein Vorgänger Oliver Kahn im Finale der WM 2002 den Ball aufs Fatalste abklatschen ließ und Ronaldo einschieben konnte. »Kann passieren«, meinte der B-Jugendliche damals in einer Schalker Gartenlaube erstaunlich gelassen, während rechts und links von ihm die Altersgenossen bittere Tränen weinten. »Aber was ich nicht verstehe: Warum grätscht der Kahn den Rivaldo nicht schon vorm ersten Schussversuch ab?«

12:28 Uhr

2002 waren die deutschen Nationalspieler von heute im Schnitt 13 Jahre alt. Ihre bewusste Fußballerinnerung umfasste die Amtszeit Erich Ribbecks, die Nominierung Carsten Janckers für die WM in Japan und Südkorea und dessen Nacktjubel über das 4:0 gegen Saudi-Arabien. Erstaunlich allemal, dass diese Jungs überhaupt anfingen, Fußball zu spielen. Verzeihen wir ihnen also, dass der eine oder andere von ihnen beim Finale ein Ronaldo-Trikot trug und Brasilien die Daumen drückte. Schwamm drüber, Mario Götze!

12:43 Uhr

Man hört ja immer wieder – in der Supermarktschlange, im Wartezimmer, im Bus – Deutschland sei »mal wieder dran«, den Titel zu holen. Mit dem selben Argument, mault nun der »Spiegel«, könnten wir auch den nächsten Weltkrieg beginnen. Aber würde dann nicht Kathrin Müller-Hohenstein mit Ursula von der Leyen am Pool sitzen und mit den Zehen Frontverläufe ins Wasser malen? Das kann natürlich niemand wollen.

12:40 Uhr

Derweil läuft bereits das Abschlusstraining der Brasilianer: Hier David Luiz bei der individuellen Kopfballeinheit.

12:51 Uhr

Heute vor 24 Jahren: Andi Brehme macht ihn rein.

12:54 Uhr

Heute vor 24 Jahren: Lothar Matthäus holt ihn raus.

13:22 Uhr

Laut »Bild.de« ist das Halbfinale »das Spiel des Jahres«. Hm. Geht man im Axel-Springer-Hochhaus schon davon aus, dass danach nichts mehr kommt? Findet das Finale erst im Januar statt, in einer Turnhalle in Riesa? Und joggt Jogi Löw dann am Elbstrand entlang?

13:35 Uhr

Brasilien und Deutschland – Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Kapitel 2: So sehen...

... die Deutschen die Brasilianer

... die Brasilianer die Deutschen: Als Franco Foda im Dezember 1987 bei einem Freundschaftsspiel in Brasilia in der 82. Minute für Michael Frontzeck eingewechselt wurde, krümmten sich die 40.000 Zuschauer vor Lachen: Sein Name bedeutet auf Portugiesisch »Geschlechtsverkehr gratis«.

13:53 Uhr

Doch trotz aller Unterschiede – »Vorfreude« wird in beiden Ländern ganz ähnlich gelebt: die Zügel abstreifen, sich frei fühlen, großen Aufgaben voller Optimismus entgegensehen, vielleicht mal ein Praktikum beim ZDF machen, vom Titel träumen, glücklich sein!

13:57 Uhr

Um es gleich mal hinter uns zu bringen: Welche Wortspielüberschriften sind mit BRAGER möglich?

- BRAGER Fenstersturz (nach einer hohen Niederlage einschließlich wildem Getrete)
- BRAGER Frühling (nach einer Niederlage trotz vielversprechendem Beginn)
- BRAGER Schinken (nach einem langweiligem Spiel, Ausgang egal)

14:06 Uhr

Diese Meldung macht gute Laune: »Die Staatsanwaltschaft hat die Akte zum Döner-Wurf von Kevin Großkreutz geschlossen«, melden die »Ruhrnachrichten«. Da werfen wir uns doch gleich mal in Schale vor lauter Freude.

14:20 Uhr

Heute vor 24 Jahren wurde Deutschland allerdings auch wegen einer Fehl- bzw. bestenfalls Konzessionsentscheidung Weltmeister, was wahrscheinlich niemandem die Laune derart verhagelte wie meinem Vater, der mit der einhergehenden oder zumindest von ihm befürchteten Deutschtümelei so gar nichts anfangen konnte. Völlers Schwalbe erzürnte ihn jedenfalls so sehr, dass er mich – 12 Jahre alt, in ein Deutschlandtrikot gehüllt, das gar kein Trikot, sondern nur ein T-Shirt war, das mein Vater dennoch niemals gekauft, dessen Kauf er nicht einmal genehmigt hätte, wenn ihn jemand gefragt hätte, was aber niemand tat – dass er mich jedenfalls ins Bett schickte, BEVOR LOTHAR MATTHÄUS DEN POKAL ENTGEGENNEHMEN DURFTE! Ich muss fairnesshalber hinzufügen, dass dies das größte Trauma meiner Kindheit bleiben sollte, ich also vermutlich noch ganz glimpflich davongekommen bin. Dennoch: Am nächsten Tag, als alle anderen die Pokalübergabe mit ihren Federmäppchen nachspielten, schämte ich mich ein bisschen dafür, dass er der Einzige zu sein schien, der sich nicht freuen konnte. Geprägt hat es mich aber wohl dennoch, jedenfalls habe ich noch immer keine Antwort auf Per Mertesackers Frage gefunden. »Wat wollen Se jetzt? Wollen Sie eine erfolgreiche WM oder sollen wir wieder ausscheiden und haben schön gespielt?« Papa?

14:35 Uhr

Erst später erfuhr ich, dass mangelnde Euphorie über den Goldpokal kein Problem allein der durch die Wiedervereinigung schwer verunsicherten Linken war. Mein Deutschlehrer, allgemein gefürchtet, erzkonservativ und jeglichen linken Gedankenguts vollkommen unverdächtig, berichtete uns später gutgelaunt, wie er den Abend verbracht hatte. In einem Konzert nämlich. Danach, beim Verlassen des Parkplatzes, fiel ihm, der sich zwar für Richard, keinesfalls aber für Martin Wagner interessierte, ein Betrunkener auf den Kotflügel, der immer wieder schrie: »Weltmeister! Mir san Weltmeister«, bis mein Deutschlehrer, der auch Geschichte und Geografie unterrichtete, das Fenster herunterließ, sich so gut es ging aus seinem winzigen Wagen lehnte – er war stark übergewichtig und steckte all sein Geld in die Pianistenausbildung seines Sohnes – und schrie: »Wir sind gar nix, du bist a Arschloch, und jetzt schau, dass’d von meinem Auto runterkommst.«

14:47 Uhr

Bei »kicker.de« sagt Manuel Neuer, er wolle sich »durch nichts aus der Ruhe bringen lassen«. Und zwar durch überhaupt NICHTS

14:52 Uhr

»So läuft der Halbfinal-Tag für Jogis Jungs«, verrät »bild.de«. Ein seltener, geradezu kostbarer EInblick in den Alltag dieser hochsensiblen Athleten. Wer hätte gedacht, dass sie sich überhaupt im selben Zeitkontinuum bewegen wie wir? Doch jetzt wissen wir: »14 Uhr: Kaffeetrinken« – und stellen uns vor, wie Mats Hummels Mesut Özil, nachdem der es schon seit Minuten vergeblich mit den Zähnen versucht hat, freundschaftlich hilft, die Kondensmilch aufzureißen. Wie Andi Köpke sich noch ein Stück Butterkuchen gönnt gegen den unmenschlichen Stress, dem ein Torwarttrainer vor so einem Halbfinale ausgesetzt ist. Und Poldi mit Sprühsahne den Laufweg zum Mannschaftsbus markiert. Denn: »15 Uhr: Abfahrt mit Polizeieskorte zum Stadion Mineirao (20 Minuten Fahrzeit)«.

15:13 Uhr

Die Spannung steigt. Höchste Zeit, sie zu senken. Gern geschehen.

15:30 Uhr

Gestern schlagzeilte »bild.de« für etwa eine halbe Stunde, bis ihnen auffiel, dass es selbst für sie zu dämlich ist: »Neymar! Wirbel um angebliche Wunderheilung!« Dennoch warte ich seitdem auf die Fortsetzung: »Wunder um angebliche Wirbelheilung!«

15:45 Uhr

Übrigens: So läuft der Halbfinal-Tag für Philipp Kösters Jungs: Kaffeetrinken – 8 bis 22 Uhr. Danach Bier.

16:10 Uhr

Über Berlin geht ein Unwetter nieder, der Regen peitscht waagrecht durch leergespülte Straßen. Dialog in der 11FREUNDE-Redaktion:

Philipp Köster: Ihr Wetter, Dirk.
(Sehr lange Pause)
Dirk Gieselmann: Chef, ich hab nix dagegen.

Ich geh mal die Schraubstollen nachziehen.

16:31 Uhr

Das Gewitter wirft jetzt allerdings die Frage auf, ob wir das Spiel heute Abend überhaupt sehen dürfen. Früher, also in den achtziger Jahren, hieß es, bei Unwettern dürfe man den Fernseher auf keinen Fall einschalten, da könne man sich auch gleich auf freiem Feld unter eine Eiche stellen. Später geriet das dann zunehmend in Vergessenheit, ich jedenfalls habe davon nie wieder etwas gehört, bis Jupp Heynckes es wieder aufbrachte. Nämlich, als er erklärte, warum er als Bayern-Trainer sich das Spiel eines Konkurrenten nicht angesehen habe. Weil man eben bei Gewitter den Fernseher nicht anmachen dürfe. Und jetzt? Heute früh ins Bett?

16:58 Uhr

Tapfer sein, Freunde, das wird heute nichts. Grund, wie »bild.de« brandtneraktuell meldet: Die deutschen Spielerfrauen sind übermüdet, infolge eines skandalös ungünstigen Flugplans, wegen dem sie bereits um vier Uhr morgens abfliegen mussten. Und ohne Aussicht auf eine ausgeschlafene dritte Halbzeit mit der besseren Hälfte sind die Spieler natürlich nicht zu Höchstleistungen imstande, das ist so klar wie verständlich. Nur eine kann Deutschland jetzt noch retten: Cathy Fischer hat geistesgegenwärtig auf einen Linienflug umgebucht, schließlich weiß Mats Hummels Freundin: »Ich brauche die Kraft, um auf der Tribüne mitzufiebern.«

17:26 Uhr

Die Hysterie um Nationaltorwart Manuel Neuer wird immer schlimmer. Der alarmierende Einzelfall: Im oberpfälzischen Weiden heiratet am 4. Juli 2014 eine Frau namens Kathrin. »Kathrin? So heißt doch auch Neuers Freundin! Das muss sie sein! UND DANN MUSS ER ES AUCH SEIN!« (Aber der ist doch bei der WM in Brasilien...) »EGAL! WIR FAHREN HIN! MA-NU! MA-NU! MA-NU! Und dann fahren wir auch noch mit zu den Neuers nach Hause, in der ihr Haus rein! Wir müssen schließlich sehen, ob er das Eheversprechen auch hält. Denn halten muss er. ALLES!«

>>>Hier der verstörende Film über eine Frau, die so hieß, wie Manuel Neuers Freundin: KATHRIN.

18:10 Uhr

Breakin News: Die Brüste von Heidi Klum werden immer kleiner.

Die von Ailton hingegen immer größer.

Eine Vorentscheidung? Muss Deutschland gar nicht mehr antreten?

18:48 Uhr

Im ZDF-Hotel, beim Mittagsschlaf, träumt Kahn vom Endspiel vor zwölf Jahren. Hält sein Kissen ganz, ganz fest, doch, schwupps, entgleitet’s ihm – Nachschuss Ronaldo, Tor! Kollege Welke findet ihn, erstarrt am Türstock hockend. Streichelt seinen Semmelschopf: »Es ist vorbei, Titan. Für dich ist es vorbei.«

18:50 Uhr

Nanu: Die Wolken brechen plötzlich auf wie die spanische Abwehr gegen die Niederlande: Die Sonne scheint, der alte Edeljoker! Kollege Jonas und ich werden jetzt den Spreestrand entlang in die Redaktionsstube joggen, verfolgt von acht ZDF-Kameras und Kathrin Müller-Hohenstein auf dem Fernsehgartenschimmel. Jonas als Jogi, ich als Hansi. Egal, was heute Abend passiert: Wir haben uns trotzdem lieb. Bis gleich, liebe Fans.

19:43 Uhr

So, da wären wir. Von unserem Lauf durch Berlin haben wir Euch diese betörenden Bilder von der Fanmeile mitgebracht. So schön kann Absaufen sein. (Erinnern wir uns daran im Falle einer Niederlage gegen Brasilien!)

19:48 Uhr

Superstar Neymar wird der Selecao im Halbfinale bekanntlich wegen einer Rückenverletzung fehlen – deswegen hat eine brasilianische Boulevardzeitung ihrer heutige Ausgabe Neymar-Masken beigelegt, die die Fans zu Tausenden tragen werden. Diesem psychologischen Manöver müssen wir sofort Paroli bieten: Hier der Tim-Wiese-Körper zum Ausdrucken, Ausschneiden, Schreckenverbreiten.

 

20:13 Uhr

Was lesen meine blutunterlaufenen Augen da bei »kicker.de«? Das: »Eins zu null für Brasilien«, lautet der ebenso nüchterne wie gespenstische Aufmacher. Nicht nur, dass das Ergebnis offenbar schon feststeht. Es steht da auch in Worten. Wie auf einem Scheck, mit dem mir die Abfindung ausgezahlt wird. Unterschrieben von Niersbach, Bierhoff und Lahm. Wir danken Ihnen für Ihr Engagement, Herr Gieselmann. Nein, die Büropflanze dürfen Sie nicht mitnehmen. Ja, das ist fristlos. Nein, schreien Sie uns nicht an.

20:19 Uhr

Und jetzt das: Meinen Platz »an eurer Seite« hat umgehend dieser ältliche Karussellbremser hier eingenommen, der in Moskau (sic!) zugucken will, »wie ihr heute Abend Brasilien hoffentlich wegballert«. Wenn das so ist: Fahr ich halt dem HSV nach China hinterher. Der braucht ja gerade jeden Fan. Sogar Menschen wie mich. Alles Liebe und ’nen fetten Schmatz!

20:26 Uhr

Auf der anderen von »euren« beiden Seiten, also da, wo noch Platz ist, tummelt sich nun dieser drollige Polit-Greis. Doch gönnen wir ihm sein Mode-Fantum. Wer allein Tischfußball spielen muss, hat ja sonst nichts zu lachen.

20:28 Uhr

Wer solche Fans hat, kann sich ja eigentlich nur noch leer fühlen.

20:33 Uhr

Doch durch die dichte Bewölkung unserer Mertesacker-Emptiness langt plötzlich eine Hand nach uns. Es ist SEINE Hand, sie richtet unsere Köpfe auf, und SEINE Stimme sagt zu uns: »Geht’s naus, und tickert’s!«

20:40 Uhr

Und auch THOMAS GOTTSCHALK spricht uns Mut zu.

21:13 Uhr

Die Aufstellungen sind raus. Deutschland mit Lahm hinten rechts, Schweinsteiger vor der Abwehr, Klose im Sturm und Neuer davor – kurzum: mit der Siegermannschaft aus dem Frankreichspiel. Brasilien mit Dante für Thiago Silva und Bernard für Neymar, aber zunächst ohne Ailton. Was sagt der Kugelblitz zu seiner Jokerrolle?

21:18 Uhr

Bevor wir ins Geschehen einsteigen, noch schnell ein Halbfinalwitz. Treffen sich ein Holländer und ein Deutscher beim Bäcker. Fragt der Deutsche: »Gegen wen spielt ihr morgen eigentlich?« Sagt der Holländer: »Argentinien!« Darauf der Deutsche: »Ach, guck an! Gegen die spielen wir am Sonntag!«

21:30 Uhr

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, meine Damen und Herren, der Fernseher ist an. Erinnerungen an 2006, den Stolz, das Sommermärchen, mit Schwämmchentechnik verwischt, der Titan in Stuttgart, Daumen hoch, Klatschen, Winken, wieder von vorn, automatisiertes Abschiednehmen, wo soll das hinführen, na klar, hier hin, Brasilien, Wintermärchen, die Goldene Generation auf ihrem Zenit, auch dies automatisiert, auch dies Abschiednehmen? Von Poldi? Schweini? Herrn Lahm? Gott, jetzt hab ich Angst.

21:33 Uhr

Szene auf dem Platz: Schweinsteiger schreit Kommandos, nuckelt dann an seiner Flasche. Immer im Wechsel. Ein großes Kind. Das Baby Herman des DFB?

21:35 Uhr

Ach, Bela Rethy. Jetzt sind wir diesen Weg so weit zusammen gegangen... Freunde?

21:38 Uhr

Das ZDF enthüllt: Eine Mehrzahl der Brasilianer ist der Meinung, dass Brasilien gewinnt.

21:40 Uhr

Kahn hingegen sieht Brasilien auf dem absteigenden Ast: »Irgendwann kann diese ganze Übermotivation ins Gegenteil umschlagen.« In Untermotivation also. Was aber macht Fred, der phlegmatischste Stürmer aller Zeiten, wenn das wirklich geschieht? Kifft er dann im Strafraum?

21:43 Uhr

Phänomen Globalisierung. Über dem Zuckerhut hängen genau die gleichen tiefschwarzen Wolken wie über uns. Nur dass sie über uns immer hängen, über Brasilien jedoch nur heute, um unmissverständlich zu verdeutlichen, dass hier etwas Gewaltiges aufzieht. Das ZDF unterstreicht das Ganze mit dramatischen Synthie-Streichern, feinstes Popcorn-Kino, das von Jogi Löw dann aber mit einem Satz zerstört wird: »Brasilien ist scho au a Mannschaft, wo auch ohne Neymar, sage mer mal, erfolgreich spielen kann.« Bämm! Bämm bämm bämm! Jedes Wort eine Blutgrätsche!

21:45 Uhr

Und in diesem Moment hält Edmund Stoiber die Kabinenansprache.

21:47 Uhr

Da braut sich wirklich was zusammen: Kahn und Welke wie Frodo und Sam im Angesicht von Mordor. Und durch die Kulisse huscht Cacau und zischt: »Mein Schatzzzzzz!« Ein Spiel, sie alle zu knechten...

21:50 Uhr

Bela Rethy begrüßt uns mit der Verve einer Sprechstundenhilfe beim Proktologen: »Noch ist die Stimmung super, so kurz vorm Einlauf!«

21:53 Uhr

Ein pickliges Einlaufkind, das nur im Anschnitt zu sehen ist, nutzt die Gunst der Stunde zu obszönen Zungenspielen mit der Kamera, will damit die Gunst der schönen Fernanda mit den dicken Zöpfen aus der Schule für sich gewinnen, hat sich leider von seinem großen Bruder beraten lassen.

21:54 Uhr

Nett: Scolari hat Löw was mitgebracht. Sieht aus wie etwas, das alleinstehende Greise zum 80. Geburtstag kriegen. Vom Roten Kreuz.

21:55 Uhr

Die deutsche Hymne, dann die brasilianische. Klingt, als würde man ein und dieselbe Operette erst nüchtern und dann nach sehr viel Likör noch mal hören. War es das, was Scolari Löw in dieser ominösen Geschenktüte mitgebracht hat?

21:57 Uhr

Dass alle Brasilianer im Stadion so laut singen, hat immerhin den angenehmen Nebeneffekt, dass man die Spieler nicht hören kann.

21:59 Uhr

Erstaunlich, dass ich mich an die lächerliche Auswechsel- und Nachspielzeit-Stoppuhr längst gewöhnt habe, mir das bei der Spielervorstellung mit den verschränkten Armen aber so gar nicht gelingen will.

1. Minute

Hurra! Wir, jawohl WIR, haben die Seitenwahl gewonnen, Anstoß, 100 Prozent Ballbesitz, eine Vorentscheidung, ich leg mich fest!

2.

Erste Ecke für Brasilien, Oscar will ausführen, doch es ist so laut im Stadion, dass er den Ball nicht sehen kann.

4.

In den Minuten 2 bis 4 hingegen 100 Prozent Ballbesitz Brasilien, Marcelo mit dem ersten Schuss, ich bin so aufgeregt, dass ich zu atmen verges...

4.

Neuer steht tief.

5.

»Die Welt zu Gast bei Freunden«, so hieß es noch bei der WM 2006. 2012 jedoch ist die Welt, so klingt es zumindest, zu Gast in einem Zelt irgendwo in einer unwirtlichen Grassteppe, der Sturm reißt an der Plane, man muss sich anschreien: »Lebst du noch, Sami« – »Kümmer dich um deinen eigenen Scheiß!« Schweinsteiger packt den Rucksack, geht allein raus. Irgendwo da draußen muss er sein: der Schatz.

7.

Ist es nur meine vollkommen überzogene Angst? Oder ist es tatsächlich bereits an der Zeit für Euphemismen, um euch die Wahrheit zu ersparen, liebe Fans? In diesem Sinne: Müller mit einem nicht-guten Pass auf Lahm, mit einem gar nicht guten Pass, direkt in den Lauf eines Brasilianers, von denen nur zu hoffen ist, dass sie in drei Minuten nicht mehr können.

8.

Oder in einer Minute? Werde ich das Ende dieser Partie einfach nicht erleben? Müller plötzlich mit einer nicht-schlechten, einer gar nicht-schlechten, einer genau genommen ziemlich geilen Flanke auf Özil, der sich nicht zu schießen traut, noch mal in die Mitte chippt, dort versucht es Khedira, geblockt, aber immerhin, ich kann mal wieder Luftholen. Aaaaaaaah, tut das gut.

9.

Müller foult nun Marcelo, die brasilianischen Fans wollen ihn auspfeifen, aber sie pfeifen ja schon, stecken also ihren Nebenleuten die Finger der freien Hans auch noch in den Mund, und es wird, man glaubt es kaum, tatsächlich noch mal doppelt so laut.

11.

Und auf einmal ist es still, sehr still. Für eine Sekunde, dann explodieren hier in Berlin die Donnerschläge, das Haus bebt, und wie waidwunde Rehe bejubeln wir, blutend im Graben liegend, das 1:0 durch Thomas Müller: Ecke Kroos, Direktabnahme, Julio Cesar hat keine Chance, weint schont im Flug – und Müller wird zu einer einzigen Sehne, die sich zum Zerreißen anspannt, der Bogen, der uns in eine andere Umlaufbahn schießt. Wo es hoffentlich still ist. »Tor«, flüstern wir. »Tor. Hurra.«

12.

Und draußen brennt die Stadt ab. Egal!

14.

Die Wunder nehmen kein Ende. Nicht nur führt Deutschland gegen den Gastgeber 1:0, was manche Illuminaten ja schon für unmöglich gehalten hatten, nein, es wird in diesem Moment der erste Ellbogenschlag der WM geahndet, Luiz gegen Klose, nix passiert.

15.

Die Brasilianer sind schon bis über beide Ohren im Zweikampf, wenn die Deutschen noch einen Meter weit weg stehen, mit Ball wohlgemerkt. »Weißt du, was die haben?«, fragt Höwedes. Und Kroos: »Der Hansi hat gesagt, dass hat was mit Mentalität zu tun. Lass sie einfach.«

17.

Yes! YES YES YES! Lahm mit Monstergrätsche gegen Marcello, blitzsauber, Marcello beschwert sich natürlich trotzdem, hat die Rechnung aber ohne Boateng gemacht, dem all das Adrenalin ins Blut schießt, das er in Wilmersdorf nie ausleben durfte, dürfte sich damit auf der Liste der unbeliebtesten Personen Brasiliens und Bela Rethy, der den ästhetischen Wert einer ordentlichen Schlägerei natürlich nicht zu schätzen weiß, nur die Rot-Gefahr wittert, auf Platz eins katapultieren.

19.

Ein Spiel ist das! Mein lieber Herr Gesangverein! Fallende, ineinander verknotete Menschen, die schreien und lachen und weinen und beten: Wie in einem Darkroom, wenn die Putzfrau aus Versehen auf den Lichtschalter kommt.

20.

Doktor Müller-Wohlfahrt verteilt jetzt Ohropax.

22.

Wo sind die Trinkpausen, wenn man sie wirklich braucht. Viel zu viel los hier bzw. ist vielleicht gar nicht so viel los, aber die Brasilianer schreien viel zu laut, unter mir verdunstet jedenfalls mein Bier und ich komm nicht dran. Hilfe! FIFA!

e

24.

Und selbst in diesem Moment schafft es Bela Retha, sich unbeliebt zu machen, schreit: »Brasilien beginnt zu trauern«, ich schreie: »Schnauze«, aber dann schreie ich nicht mehr, sondern halte die Schnauze, schaue, wie einer flankt und einer danebensemmelt und dann steht da Kroos, dieser Konjunktivspieler, und setzt ein Ausrufezeichen! 3:0! Hurra! Brasilien beginnt zu trauern!

23.

JAAAAAAAAAAAAA! Miro Klose! Er macht es, er macht das 2:0, er macht sein 16. WM-Tor, er macht uns glücklich. Eingeschoben nach einer blitzsauberen Kombination durch gelähmte brasilianische Beine hindurch, Kroos mit der Präszision eines Miniaturgolfers, Klose im zweiten Versuch, hätte eigentlich gleich zwei Tore machen können, aber aus Respekt vor Ronaldo macht er nur eins. Und während ich das hier schreibe, steht es bereits 4:0. Ich kann nicht mehr, ich will aber: MEHR. Soll ich mir jetzt auch noch schnell Polenböller kaufen?

26.

4:0 also inzwischen. Ich berichtete. Kann man von Resultaten einen Jetlag bekommen? Kroos trifft. Lächelt selbst ungläubig, als wäre er wie in einem schlechten Film in sein Spielekonsole gesaugt worden. Plötzlich geht alles, die totale Kontrolle. Und sie spielen wie kleine Kinder mit der Taste, mit der man ganz Brasilien zum Weinen bringen kann.

27.

Und irgendeiner meiner grundoptimistischen Freunde glaubt, ich könnte jetzt ans Telefon gehen. Ich kann mir ja nicht mal ein Pflaster für meine vor Glück blutenden Fingerkuppen besorgen.

29.

5:0. Was ist das? Ein Ergebnis? Ein Traum? Ein Alptraum? Man will jubeln, aber man schafft es nicht: keine Luft, kein Blut, kein Glaube an das, was man sieht: Khedira trifft in der 29. Minute zum 5:0 gegen Brasilien. In einem WM-Halbfinale. Wir ersaufen in einem Strudel aus Fassungslosigkeit, Ehrfurcht und Mitleid mit dem Gegner. Und in diese schreckliche Begräbnisstille von Belo Horizonte hinein singen die mitgereisten Schlachtenbummler: »Oh wie ist das schön.« Fußball: Was hast du mit uns vor?

30.

Wir schalten live auf die Straßen Berlins.

33.

Tja Freunde, die Kehrseite der Medaille: Uns steht nun ein 60-minütiger Abgesang Bela Rethys auf die Brasilianer bevor. Und es sieht nicht so aus, als wolle er auch nur eine Minute vergeuden.

35.

Dabei wäre jetzt so ein schöner Moment, um einfach mal zu schweigen. Womit sich der Kreis wieder schließt: »Schnauze!«

36.

Ich will mir ein Taxi bestellen, irgendwohin, wo es still ist. Ich hole einen 50-Euro-Schein aus der Tasche. Und plötzlich ist das Gesicht von Joachim Löw drauf. Er lächelt. Natürlich lächelt er.

37.

Neymars Herz ist jetzt auch noch gebrochen. Er fällt ca. 100 Jahre aus.

38.

Und die deutschen Fans, sie skandieren: »Aus-wärts-sieg!« – »Ge-schichts-trächtig!« ist ja auch ein bisschen holprig.

39.

Freistoß für Deutschland, gute zwanzig Meter, und ich ertappe mich dabei, mir zu wünschen, dass er nicht reingeht, weil ich sonst nie an den Punkt gelangen werde, dass ich mich auch freuen kann, glaube ich. Puh, drüber.

41.

Verzweiflung pur: Hulk droht sich selbst Schläge an.

42.

Wenn’s zweistellig wird, sind wir dann direkt Weltmeister?

43.

Erstmals in der Geschichte des Fußballs dürfte die führende Mannschaft das Bedürfnis haben, sich in die Halbzeit zu retten.

44.

Und plötzlich geht natürlich alles, jeder Pass sitzt, jede Abwehraktion, passen und freilaufen, alles ganz leicht jetzt, so leicht, dass Benedikt Höwedes wahrscheinlich gleich ins 1:1 geht. Als Linksaußen gegen Brasilien. Und ich find’s total okay. Ich les mir das jetzt selber zehnmal vor, vielleicht glaub ich es dann. Wahrscheinlich aber eher nicht.

45.

Früher bei »Kick Off« auf dem Amiga, wenn ich einen Mitschüler zu Gast hatte, der es zum ersten Mal spielte und ich 5:0 zur Halbzeit führte, fing ich irgendwann an, Eigentore zu schießen. Aber das nur am Rande.

46.

Und Pause. Pause wovon? Von einem Exzess. Kann man einen Exzess durch einen Pfiff unterbrechen, fressende Raubtiere von einem Kadaver trennen? Man muss es tun. Für den Kadaver, für die Raubtiere, für uns. 5:0 nach 45 Minuten. Bitte rechnen Sie das nicht hoch.

22:50 Uhr

Wie viele deutsche Medien morgen wohl mit »O Jogi Bonito« rauskommen werden? Aber was soll man auch sonst schreiben? War Joachim Löw je schöner? Und haben wir’s nicht immer gewusst, irgendwie? Nein? Na gut. Auch egal! Alles egal.

22:50 Uhr

Schon auf dem Feld umarmte Podolski Klose. Welche Stimmung, zum Teufel, herrscht nun in der deutschen Kabine? Weint Löw? Lächelt er still? Tritt er zurück und wird sein eigener Nachfolger? Wie schafft er es, der Mannschaft klarzumachen, dass dies hier noch nicht das Endspiel ist? Lässt er Louis van Gaal einfliegen, damit er einmal BUH! macht? 

22:55 Uhr

Den Abgesang auf alles, den ich für den Fall einer Niederlage so lustvoll-schmerzverzerrt vorbereitet habe, kann ich dann wohl auch so langsam in die Tonne treten, oder?

Aber was mach ich jetzt stattdessen? Ich kann mit so was nicht umgehen!

22:57 Uhr

BLITZMELDUNG: Der HSV-Aufsichtsrat lehnt jegliche Verantwortung für das 0:5 ab.

22:59 Uhr

Weil Kahn und Welke keine Antworten mehr haben, zerren sie jetzt Rivaldo hervor, wie ein Kitz aus dem Dickicht vor das Aufblendlicht eines Wildererjeeps. Leeren, starren Blickes redet der Bemitleidenswerte von der tödlichen Enttäuschung einer ganzen Nation. Und man möchte rufen: »Bitte! Bitte nicht schießen!«

46.

Von den Macher von Halbzeit 1: Die zweite Hälfte. Und tatsächlich, da oben steht es, ich hatte in der Halbzeit Zweifel bekommen, immer noch: 0:5. Und da unten steht jetzt Per Mertesacker für Mats Hummels. Hat wahrscheinlich zu viele lange Bälle gespielt, der Dortmunder.

47.

Fred will einen Elfmeter. Von mir aus kann er ihn haben.

49.

Brasilien hat sich offenbar das Elfmeterschießen als Ziel gesetzt, möchte dieses schon in der regulären Spielzeit erreichen, reklamieren ein ums andere Mal, aber nicht mal damit haben sie heute Erfolg.

50.

In einem Mannheimer Raucherlokal trifft sich zur Stunde die Creme de la Creme der Löw-Kritiker zum Krisengipfel. »Tja.« – »Wollt ich auch gerad sagen.« (Schweigen) »Aber das mit dem Mustafi wird ihm nachhängen!« – »Tja.«

53.

Dann eben Elfmeterschießen, ohne dass der Schiri pfeift. Brasilien kommt vollkommen manisch aus der Kabine, erberserkert sich plötzlich Chance um Chance, die deutschen Feldspieler kommen bei dem Tempo, dass sie nur von sich selber kennen, und das ja auch noch nicht lange, überhaupt nicht mehr mit, aber Neuer löst Boateng als Staatsfeind Nr. 1 ab (wir berichteten), hält jeden Ball, so cool und doch sensationell wie schon das ganze Turnier, packt sogar die Neuer-Porto-Spinne aus, die Schalker werden sich erinnern, während Mertesacker auf den Ball tritt und ruft, dass »wir morgen alle wieder arbeiten müssen«.

55.

Weil auch er nicht erklären kann, was nicht zu erkären ist, verweist Rethy uns wiederholt in die Mediathek. Und die ZDF-Programmierer arbeiten unter Hochdruck an der Spezial-Kameraperspektive auf Gott.

57.

Klose geht, Schürrle kommt. Überholt auch er heute Abend noch Ronaldo in der WM-Torschützenliste?

58.

Schürrles erste Aktion: Ein Foul. Fabian Jonas gefällt das. Könnte nämlich mehr sein als ein Foul. Vielleicht sogar ein Zeichen. dass jetzt mal Schluss ist mit der Partyunterbrechung. Zeit wär’s

60.

Mertesacker joggt von einem Gegner zum nächsten: »Sag mal, Junge: Seid Ihr diese Karnevalstruppe, von der alle immer reden?«

61.

Müller rechnet derweil mal nach, ob er Kloses Torrekord vielleicht noch in diesem Spiel knacken könnte, versucht den unmöglichen Schlenzer, aber was heißt schon »unmöglich«, in diesem Spiel, bei diesem Müller, der Ball dreht sich in den Winkel, Julio Cesar fischt ihn im letzten Moment raus.

62.

Große Geste: Jogi Löw schickt James Rodriguez zum Warmlaufen.

64.

Klose sitzt auf der Bank und trinkt. Wie ein Mann, der – ja tatsächlich: auf der Bank sitzt und trinkt. Und hoch über ihm, in einer Kommentatorenbox, hinter Panzerglas, hebt Ronaldo immer wieder das Mikrofon zum Mund, will offenbar etwas sagen, hat seine Sprache verloren, seine Sprache, die doch seine Tore waren, er hat nichts mehr zu sagen, während sein großer Widersacher, das pfälzische Phänomen, dort unten auf der Bank sitzt und trinkt. Einfach nur auf der Bank sitzt und trinkt.  

65.

Ein Brasilianer, dessen Namen ich in diesem Geschrei, 58.000 Zuschauer + Kollege Gieselmann, nicht verstehen kann, versucht sich an einem Marco-Van-Basten-Gedenkschuss, bolzt aber lediglich in Richtung Mittellinie, ruft uns aber immerhin in Erinnerung, dass es erst das Halbfinale ist und nicht alles so einfach sein wird.

66.

Die 66. Minute: Wenn Scolari jetzt nicht den Teufel einwechselt, ist das Ding durch.

68.

Und irgendwo, in Stockholm, Paris oder der Karibik, sitzt Zlatan Ibrahimovic vor dem Fernseher und weint, ohne es zu wissen.

69.

Hat Lukas Podolski endlich die Würfel gefunden? Die Deutschen spielen Schach in Vollendung: Khedira, Lahm, Schürrle, drin. Das sechste Tor. Wäre ich Brasilianer, würde ich hindurchgehen, durch dieses sechste Tor, im Vertrauen, dass es auf der anderen Seite auch nicht viel schlimmer sein kann.

71.

Vielleicht sollten sie langsam aufhören, wenn sie noch heil nach Hause bzw. ins Campo kommen wollen. Vorausgesetzt natürlich, dass sich bei Abpfiff überhaupt noch ein brasilianischer Zuschauer im Stadion befindet.

73.

Der Torwart Moacyr Barbosa, der im entscheidenden Spiel der WM 1950 gegen Uruguay aus Sicht der Fans eine Teilschuld am 1:2 gehabt haben soll, sagte in einem Interview kurz vor seinem Tod im Jahr 2000: »„Die höchste Strafe in Brasilien sind 30 Jahre Haft. Aber ich büße nun schon 50 Jahre für etwas, das ich nicht einmal begangen habe.« Wir sind gespannt darauf, was Fred nach diesem Spiel auf Facebook posten wird.

75.

Noch mal: Es ist so laut im Stadion, oder zumindest sind die Außenmikrophone so weit aufgezogen, es ist so ein denkwürdiges Spiel, über das wir zweifellos noch in Jahrzehnten sprechen werden. Aber es ist ganz offensichtlich nicht möglich, den Zuschauer mal einen Moment damit alleine zu lassen, ihm zuzutrauen, das schon selber richtig einordnen und vielleicht sogar genießen zu können. Wovor hat dieser Rethy eigentlich so große Angst? Dass einer umschaltet, wenn er mal schweigt?

77.

Müller steigt recht übermotiviert gegen David Luiz ein, der senst zurück, Nicklichkeiten, die niemandem schaden und niemandem nützen, als rauften zwei namenlose Bauarbeiter am Fuße der Pyramiden von Gizeh. Und Pharao Löw lächelt von seiner Sänfte.

79.

Tremor vom Kopfschütteln. Gibt’s nicht, gibt’s alles nicht. Gibt’s alles doch. Schürrle von Höhe der Fünfer-Grenze, viel zu spitzer Winkel, aber eben ein Winkel, und genau da kommt er hin, in den Winkel. 7:0. Gibt’s nicht. Und Berlin ist längst die Feiermunition ausgegangen.

81.

Und jetzt singen sie hier aus tausend Kehlen, mit der ganzen Kraft des für vier geile Wochen von zu Hause ausgebrochenen Bausparers: »So ein Tag, so wunderschön wie heute!« Es ist auch ein Sieg für Gotthilf Fischer.

84.

Und sie machen immer weiter. Aua! Ich kann nicht mehr! Ich brauche Salbe. Mehr Salbe. Viel mehr Salbe. Ich glaub, ich hab da ne wunde Stelle...

85.

Ja, man darf ruhig mal sentimental werden, gerade jetzt: Mit Paolo Rink fing alles an. Schnüff.

87.

Wer hat dieses Ergebnis eigentlich getippt? Dieser Glückspilz möge sich bei mir melden. Ich lege noch meinen Fuffi mit dem Löw-Konterfei obendrauf.

88.

Bei der Morgenlage der Bundesregierung. Dobrindt: »Also, die PKW-Maut...« Merkel: »Hihihihihihihi! Dobrindt? Ist das wirklich Ihr Name? Das ist ja fast so niedlich wie Schweinsteiger! Finaaaaaale! Oho!«

89.

Und der Oscar geht an... die Grundlinie, sehr alleine geht er an die Grundlinie, kein deutscher Verteidiger geht mit, nicht einmal Veronica Ferres geht mit, dabei wäre sie einem Oscar dann so nahe wie nie, Oscar aber zieht es ohnehin vor, ins Seitenaus zu verziehen.

91.

Jetzt werden sie nachlässig. 1:7. Oscar. Und in der Mannheimer Raucherkneipe zuckt ein Finger. Einmal. Und dann nicht wieder. Tja.

92.

Und aus. Erstaunlich. Die Brasilianer sinken auf die Knie und beten. David Luiz betet, Luiz Gustavo betet, ich Agnostiker hatte immer angenommen, sie tun das, um sich zu bedanken, aber jetzt? Danke für nichts?

23:49 Uhr

Löw tröstet Fred, Schweinsteiger tröstet Scolari, Thiago Silva (mit Marc-Kevin-Göllner-Kappe) tröstet, wer nicht rechtzeitig entkommen kann. Und jetzt bildet die Selecao unter dem hagelnden Pfeifen der bitter enttäuschten Fans einen Mannschaftskreis. Oder ist es eine Wagenburg?

23:53 Uhr

Von Bela Rethy erfahren wir, dass Deutschland nun als WM-Favorit zu gelten habe. 

23:55 Uhr

Thomas Müller im Interview, der Reporter erwartet Großes, aber wie groß dieses Spiel war, lässt sich auch daran ablesen, dass Thomas Müller die Worte fehlen. Natürlich redet er trotzdem was, das können sie ja alle, aber er sagt nichts. Wozu auch.

23:58 Uhr

»Was ist heute passiert?«, fragt der Reporter Torwart Julio Cesar wie den einzigen Überlebenden eines Flugzeugabsturzes. Und Cesar sagt: »Herzlichen Glückwunsch an alle. Ich danke Gott.« Dann weint er. Ob über das Geschehene oder über das Gesagte, steht dahin. Und auf der Tribüne weinen Frauen in ihr Mobiltelefon, schmust ein Greis mit einem Pokal-Replikat. Herzliches Beileid an alle. 

23:59 Uhr

Nichts gegen Welke. Aber er könnte jetzt auch einfach mal dastehen und schweigen. Einfach nur in die Kamera gucken und schweigen. Doch er verschenkt diesen großen TV-Moment, indem er das Vorhersehbarste dahinonkelt: »Olli Kahn und ich mussten uns zwicken.« Wenn es denn wenigstens so wäre. Aber Kahn ist, wie wir alle wissen, kein Mann, der sich zwicken lässt. Der vielmehr wohl auch lieber schweigen würde jetzt. Was er irgendwie auch tut. Wenn er dabei nur nicht so laut sprechen würde.

00:02 Uhr

Miro Klose jetzt im Interview, wird mit seinem Rekord konfrontiert, erdet den Reporter, mich und die zwei anderen, die ihm noch zuhören können, mit all den Floskeln, die er in Kaiserslautern, Bremen und München so mühsam auswendig gelernt hat, jetzt rasselt er sie runter, gelernt ist gelernt, blinzelt ein bisschen, kein Einblick in die Seele. Rekord, jaja, noch ein Spiel, tolle Standards, er lobt die tollen Standards, er ist ganz zweifellos Miro Klose, und seit heute ist er der beste Stürmer der WM-Geschichte. Hehe. Geil.

00:07 Uhr

Um 19:07 Uhr Ortszeit weint David Luiz sein Herz raus, und Wolfgang Niersbach kann nichts erklären, sondern weiß nur, »dass das was Historisches ist«. Dann holt er sein Portemonnaie hervor und steckt dem ZDF-Reporter noch ein Scheinchen zu.  

00:10 Uhr

Wie sie jetzt alle den Sammer machen: Ist Deutschland zu früh zu gut? Ist der 7:1-Sieg gegen Brasilien eine Hypothek fürs Finale? War er vielleicht eine einzige Wohlfühloase? Es ist kaum, ja eigentlich gar nicht zu ertragen. Bin schwer dafür, dass Jogi und seine Jungs ab sofort für Liechtenstein antreten.

00:13 Uhr

Jetzt Löw, der Nationaltrainer Liechtensteins. Mit der innerlichen Freude eines Mannes, der in jahrelanger Kleinstarbeit alle Schienen seiner Modeleisenbahn richtig zusammengesteckt, mit der Pinzette Figürchen platziert hat und jetzt den Neffen zeigt, dass es läuft. Es läuft. Heureka. Bitte setzt euch nicht auf die Tischplatte, Kinder, die Anlage ist sehr empfindlich.

00:16 Uhr

7:1. Würde dieses Ergebnis nicht morgen früh frischtätowiert auf Jerome Boatengs Unterarm prangen, wir würden es wohl nicht glauben. Was aber sollen wir uns tätowieren lassen, nach diesem Spiel? Eine Träne unters Auge, für Brasilien? L O E W – auf die Fingergelenke? Oder den Wortlaut des Interviews mit Oliver Bierhoff, dass wir jetzt gerade hören – auf den Rücken? Das könnte weh tun. Verkomplizieren wir es also nicht unnötig. Wir halten es lieber mit Tex Rubinowitz, dem Thomas Müller der Poesie: »Wenn dir etwas gefällt, analysiere es nicht, sondern tanze dazu.« Gute Nacht, liebe Fans.

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