Zwei Engländer auf der WM-Tour ihres Lebens

»Ständig besoffen und zugedröhnt«

Wo bitte geht´s hier zur WM? Zwei Engländer sind mit einem alten Schulbus 17.000 Kilometer kreuz und quer durch Amerika gedüst, um exakt eine halbe Stunde vor dem Anstoß des Eröffnungsspiels in Sao Paulo anzukommen. Hier erzählen sie davon.

Robin Hartmann

Tom Henriksen, Simon Hall: Wie kommt man als Engländer auf den Gedanken, in einem alten Schulbus 17.000 Kilometer über Kanada durch ganz Nord-, Mittel- und Südamerika zu fahren?
Henriksen: Das war im wahrsten Sinne des Wortes eine Schnapsidee, die wir da vor acht Monaten hatten. Wir sind beide aus Newcastle, und ich habe in der Bar gearbeitet, in der sich Simom an diesem Abend hat volllaufen lassen. Man kennt ja diese betrunkenen Gespräche, man redet davon, etwas ganz besonders Irres zu machen und steigert sich dann in die Sache hinein. Meist bleibt es aber bei dem Gedanken. Wir hingegen haben am nächsten Morgen mehr oder weniger nüchtern angefangen zu planen, wie wir unseren Traum verwirklichen könnten, ein unvergessliches Abenteuer zu erleben und es zur WM zu schaffen.
Hall: Wir haben die Idee dann auf Facebook, Couchsurfing und anderen Portalen verbreitet, eben überall, wo reiselustige Menschen häufig vorbeischauen. So konnten uns die Leute problemlos kontaktieren, um dabei zu sein. Jeder Reiseteilnehmer hat dann ein Budget von etwa 1500 Dollar beigesteuert, von dem wir unter anderem den ausrangierten Schulbus gekauft haben, der die ganze Zeit über unser Zuhause war – kaum zwei Wochen vorher war der erst in »Rente« gegangen, deshalb war er auch noch top in Schuss. Na ja, bis auf die Bremsen, aber dazu später.

Wann seit ihr gestartet und wie lange habt ihr nach Brasilien gebraucht?
Henriksen: Wir sind am 14. April von Vancouver aus Richtung USA losgefahren, und dann ging es nach einem Zwischenstopp in San Francisco weiter nach Mexiko. Von dort aus sind wir durch ganz Zentralamerika, sprich Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua, Costa Rica und Panama. Da haben wir dann ein Schiff nach Kolumbien genommen und sind von dort aus weiter über Ecuador und Peru nach Brasilien. Insgesamt waren wir 60 Tage lang unterwegs und sind dann so ungefähr eine halbe Stunde vor Anstoss des Eröffnungsspiels in Sao Paulo angekommen.
Hall: Es war eigentlich unmöglich einen  Zeitplan aufzustellen, denn immer wieder gab es unerwartete und unerfreuliche Überraschungen. Von Panama nach Kolumbien mussten wir zum Beispiel ein Boot nehmen – allerdings ein anderes als unser Bus, den hatten wir vorher auf einer Fähre untergebracht. Nach ewiger Suche fanden wir in einem kleinen Dorf mitten im Nirgendwo dann einen Kapitän, der uns für ein ordentliches Trinkgeld rübergebracht hat. Das Problem war nur, dass dieser Typ ständig besoffen und/oder zugedröhnt war, und wir zudem extrem hohen Seegang hatten. Drei Tage waren wir insgesamt so unterwegs, und der Typ war wirklich immer entweder drauf oder hat geschlafen.

Gibt es noch ähnliche Anekdoten zu berichten?
Henriksen: In Guatemala hatten wir einen ungeplanten Zusammenstoß mit der Polizei – und Zusammenstoß ist wörtlich gemeint. Wir haben versucht unseren Bus eine steile, unasphaltierte Bergstraße runter zu manövrieren, als so etwa in 3600 Metern Höhe die Bremsen plötzlich versagt haben. In dem Moment fuhr grad ein Mädel aus Australien den Bus. Sie zog also panisch die Handbremse, aber der Bus mit 15 Mann drin blieb natürlich nicht sofort stehen, sonder krachte in ein anderes Auto – einen Polizeiwagen.
Hall: Zum Glück konnten wir die Situation irgendwie noch erklären, so von wegen »Frau am Steuer«. In solchen Ländern ziehen diese Klischees noch. Ansonsten haben wir aber vor allem schöne Sachen erlebt, insgesamt sind während der Zeit 24 Leute bei uns mitgefahren, zum Beispiel aus Lettland, Norwegen, Ghana oder Peru.

Einige internationale Medien haben bereits über eure Reise berichtet. Wie habt ihr die Welt von dieser Tour in Kenntnis gesetzt?
Henriksen: Wir haben unsere Reiseroute immer wieder gepostet und unsere Bilder in einer Dropbox für alle Interessierten freigeschaltet. Immer wieder haben uns nette Menschen in ihre Häuser eingeladen, uns ein Essen und einen Schlafplatz angeboten. Die Leute haben auch durch die Medien von unserer Geschichte gehört und wollten einfach gerne helfen, ein Teil des Abenteuers sein. Uns sind zum Glück unheimlich viele solcher gastfreundlichen Menschen begegnet.
Hall: Die Freundlichkeit der Menschen war zweifelsfrei das schönste Erlebnis auf der gesamten Reise. Das muss man sich mal vorstellen, du fährst in Vancouver los und kommst 60 Tage später tatsächlich in Brasilien an, und in der Zwischenzeit sind so viele Abenteuer passiert. Und all die weniger schönen Erlebnisse werden in diesem Moment zu nichts weiter als Rand-Anekdoten.

Für euer Heimatland England ist es ja weniger gut gelaufen als für euch. Was habt ihr denn eigentlich nach der WM vor? Geht es weiter im Magical Bus oder fängt dann der Alltag wieder an?
Henriksen: Nein, dann geht es wieder an die Arbeit, es war eine wunderbare Zeit, aber wir alle haben richtige Jobs. Den Bus werden wir wohl kaum nach England mitnehmen können, das wird dann wohl auf ein ähnliches Ende hinauslaufen wie das des Wohnmobils von Walter White in der Serie »Breaking Bad«. Sprich, wir werden ihn  wohl verschrotten müssen, wenn ihn uns nicht jemand abkauft, der genauso irre ist wie wir.
Hall: Aber eines ist sicher: Bei der nächsten WM sind wir wieder dabei, auch wenn sie ja leider nach Russland vergeben wurde. Andererseits ist das ja nicht so weit weg von England. Wer weiß, vielleicht machen wir dann eine Fahrradtour von London nach Moskau.