Zum Mauerfall-Jubiläum: Paule Beinlich über Ost-Berlin und die Nacht, die alles veränderte

»Den Mauerfall habe ich verpennt«

Heute vor 30 Jahren fiel die Mauer. Ein historisches Ereignis – das ein junger Ostberliner unglücklicherweise verschlief. Stefan »Paule« Beinlich über den Morgen danach, seine traumhaften Freistöße und das Meisterschafts-Fiasko mit Leverkusen. 

Credit: Gene Glover
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Stefan Beinlich, wie schießt man das perfekte Freistoßtor?
Natürlich mit ordentlich Schnitt über die Mauer in den Winkel. Bestenfalls aus 22 Metern, damit der Ball genug Platz zum Fallen hat, und so, dass es ordentlich am Pfosten scheppert. Innenpfosten, rein – diese Tore liebe ich noch heute.

Welches Freistoßtor war das schönste Ihrer Karriere?
Gegen Schalke habe ich mal einen in die Torwartecke gesetzt. Da hatte Oli Reck falsch spekuliert, der Ball landete wunderbar im Winkel. Oder 1997 in Dortmund. Wir bekamen fast an der Strafraumkante einen Freistoß zugesprochen. Ich flankte den Ball ins Getümmel und Erik Meijer nickte ein – aber der Schiedsrichter pfiff uns zurück, weil ich den Freistoß zu früh ausgeführt hatte. Bei der Wiederholung dachte ich: »Dann schweiße ich den halt direkt ein.« Also lud ich ab, Stefan Klos sah den Ball zu spät, und der schlug volle Möhre ein.

Wo haben Sie das gelernt?
Bevor ich nach Leverkusen kam, galt ich nie als Experte, weder in Rostock noch bei Aston Villa. Erst bei Bayer 04 habe ich angefangen, nach dem Training Freistöße zu üben. Mein Vorteil war, dass ich als Knirps technisch sehr gut ausgebildet wurde.

Sie kickten zehn Jahre lang in der Jugend des BFC Dynamo.
Die Ausbildung war großartig für mich, aber sie war auch knallhart. Schon als Jugendliche sind wir jeden Sommer für zwei Wochen ins Trainingslager gefahren. Dort hatten wie vier Einheiten am Tag und haben gegessen wie ausgewachsene Gewichtheber. Schon zum Frühstück gab es Puddingsuppe oder Steak mit Ei. Nachmittags mussten wir eine Stunde schlafen, abends ging es zur Regeneration in die Sauna – als 13-Jährige. Das war nicht ohne.

Wer war damals Ihr Idol?
Litti (Pierre Littbarski, d. Red.)! Ich wusste nicht mal, dass er ein Berliner Junge ist, er spielte ja in Köln. Aber ich fand die Art, wie er Fußball spielte, geil. Und die O-Beine haben mich fasziniert. Als Kind habe ich mir oft vor dem Schlafen einen Ball zwischen die Beine geklemmt, weil ich unbedingt auch solche O-Beine bekommen wollte.

Als 16-Jähriger ging es für Sie aus gesundheitlichen Gründen beim BFC nicht weiter.
Die Ärzte erzählten mir, dass ich tot umfallen würde, wenn ich im falschen Moment einen Ball auf die Brust geschossen bekäme.

Glücklicherweise leben Sie noch.
Die Herzrhythmusstörungen, die im Januar 1988 bei mir festgestellt wurden, waren nicht erfunden. Die hatte ich wirklich. Allerdings haben 60 Prozent der Leistungssportler diese Störungen, die unter Belastung aber in der Regel verschwinden. Mein Problem war meine Tante im Westen. Für unsere Oberen war es scheinbar nicht in Ordnung, eine Verwandte in Hamburg zu haben. Doch statt das offen zu formulieren, wurde mein Herz als Grund vorgeschoben. Allerdings nicht ohne den grandiosen Nachsatz, dass Fußball zwar lebensgefährlich für mich sei, ich aber Volleyball problemlos spielen könne.


Stefan Beinlich als junger Fußballer bei Bergmann-Borsig.

Warum sind Sie trotzdem Fußballer geworden?
Meine Mutter ist Ärztin, sie hatte von Anfang an Zweifel an der Diagnose. Also machte sie sich bei Kollegen schlau, und Ärzte, die nichts mit dem BFC zu tun hatten, gaben mir ein Jahr später Entwarnung. Als ich im März 1989 erfuhr, dass ich wieder kicken dürfte, meldete ich mich bei Bergmann-Borsig an. Ich machte in dem Betrieb schon eine Ausbildung zum Elektriker und spielte dann parallel in der A-Jugend-Kreisklasse.

Ein halbes Jahr später fiel die Mauer. Wie haben Sie den Abend der Abende erlebt?
Im Bett. Den Mauerfall habe ich verpennt. In der Lehre musste ich sehr früh aufstehen, dementsprechend zeitig bin ich ins Bett gegangen. Als ich morgens pünktlich um 6.15 Uhr auf Arbeit aufkreuzte, war quasi keine Sau da. Ich habe mich natürlich gewundert und irgendwann mal rumgefragt, was denn los sei. Also erklärte mir ein Kollege: »Du, Stefan: Da ist so ein bisschen die Mauer aufgegangen.«