Zum Jahrestag: Wie David Odonkor und Oliver Neuville ihr Tor gegen Polen erlebten

»David, du hättest dir in die Hose gemacht«

Kahn war witzig?
Neuville: Absolut. Er hatte immer einen guten Spruch parat.
Odonkor: Ich hätte ihn nie so eingeschätzt. Jeder dachte damals, Oli sei ein schwieriger Typ. Aber mit uns war er sehr locker.

Oliver Neuville, Sie hatten in der Rückrunde der Saison 2005/06 nur drei Tore geschossen. Auch Ihre Nominierung wurde in der Presse kritisch bewertet.
Odonkor: Wirklich? Für mich war Olis Nominierung klar.
Neuville: Überhaupt nicht, David. Vor der WM war ich bei Klinsmann der dritte Stürmer, ich kam immer als Erster von der Bank. Die Rückrunde mit Gladbach war wirklich durchwachsen. Trotzdem bin ich insgesamt noch auf zehn Tore und zehn Vorlagen gekommen.
Odonkor: Ich frage mich heute noch: Wieso bekommt man die Nummer zehn, wenn man als dritter Stürmer zur Nationalmannschaft eingeladen wird? Eine Frechheit, finde ich. (Lacht.)
Neuville: Oliver Bierhoff rief mich vor dem Turnier wegen der Nummer an. 2002 hatte ich die Sieben, die trug mittlerweile aber Schweinsteiger. Also sagte Oli: »Du hast zwei Möglichkeiten: die Zehn oder die Zehn.«

Hat sich niemand anderes getraut?
Neuville: Mir war’s egal. Ob die Zehn oder die 55. Hauptsache, ich war dabei.
Odonkor: Aber eine große Anerkennung.
Neuville: Zu Recht. (Lacht.) Ich habe gegen Argentinien den ersten Elfer verwandelt. In so einer Situation musst du erst mal Verantwortung übernehmen. Du, David, hättest dir in die Hose gemacht.
Odonkor: Ich wollte ja schießen, aber die anderen haben gesagt: lieber nicht. (Beide lachen.) Natürlich hat man weiche Knie. Aber als Keeper den entscheidenden Elfer zu halten, so wie Jens (Lehmann, d. Red.) damals: Puh! In der Haut wollte ich nicht stecken.
Neuville: Beim Elfmeterschießen hat der Torwart doch keinen Druck. Für den Spieler ist es schlimmer. Ich habe viele Elfmeter geschossen, aber der gegen Argentinien war wirklich übel. Ich lief von der Mittellinie nach vorne, und das Tor wurde kleiner und kleiner. Umso besser, dass der Ball drin war. Torsten (Frings, d. Red.) hätte den fünften schießen müssen. Der war froh, dass Jens davor gehalten hatte.

Lassen Sie uns ein paar andere Namen aus der Mannschaft durchgehen. Was fällt Ihnen zu Michael Ballack ein?
Neuville: Leader. Capitano. Für einen Mittelfeldspieler extrem torgefährlich, dazu eine große Persönlichkeit. Ich kenne ihn ewig, noch aus Leverkusener Zeiten. Da war er schon überragend.


Foto: Paul Konciewicz

Miroslav Klose?
Neuville: Top Einstellung. Ruhiger Typ, aber auf dem Platz eine Tormaschine.

Bernd Schneider?
Neuville: Schnix. Ein guter Freund. Super Ballgefühl. Für mich einer der besten Mittelfeldspieler in Deutschland. Weißer Brasilianer.
Odonkor: Das hat man schon im Training gesehen. Tolle Technik, dazu dieses geniale Auge.
Neuville: Der ist noch ruhiger als ich. Deswegen haben wir uns so gut verstanden und in Leverkusen fünf Jahre ein Zimmer geteilt. Der wollte einfach nur Fußball spielen und ansonsten seine Ruhe haben. Jetzt lebt er wieder in Jena, ganz friedlich, einfach so.

Lukas Podolski?
Neuville: Ist einfach, wie er ist. Deswegen lieben ihn die Leute. Er hat sich bis heute nicht großartig verändert. Was ihm durch den Kopf geht, sagt er. Anders als viele mediengeschulte Jungprofis von heute.

David Odonkor?
Neuville: David war der einzige Spieler, der schneller als der Ball war. Manchmal hat er ihn einfach vergessen. Ihr lacht jetzt, aber das war so. Ich freue mich immer, ihn zu treffen.