Zum Geburtstag: Sergej Barbarez über seinen Weg zur HSV-Legende

»Für meinen Jubel gegen Bayern schäme ich mich«

Lotto King Karl hat Ihnen sogar mit »Ein Stern von Bosnien« ein Lied geschrieben.
Super, nicht wahr?! In Bosnien gibt es übrigens auch ein paar Sergej-Lieder. (lacht)
 
Sie wohnen immer noch in Hamburg. Wann haben Sie sich in die Stadt verliebt?
Es war Liebe auf den ersten Blick. Diese Stadt ist einfach wunderschön, der Hafen, die Elbe, die Parks, dazu noch die kulturellen Seiten. Und sportlich lief es für mich persönlich toll. Gleich in meiner ersten Saison wurde ich Torschützenkönig.
 
Aber war es nicht enttäuschend? Um die Jahrtausendwende waren Sie auf dem Zenit Ihrer Karriere, doch der HSV spielte gegen den Abstieg.
Natürlich war die sportliche Situation anfangs nicht gut. Doch ich fühlte mich wohl, es ging mir im Fußball auch immer ein stückweit um das Umfeld und die Stadt. Um das Gefühl von Heimat. Und das hatte ich eben in Hamburg.
 
Sie waren in Hamburg einer der Spieler, die sich nie vor Fans versteckten. Sind Sie gerne berühmt?
Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Ich habe auch nach meinen großen Verträgen immer so weiter gelebt wie als unbekannter Fußballer. Ich hatte nie Lust, mich großartig zu verstecken, ich mochte Transparenz.
 
Sie nervt es also nicht, wenn Fans kommen und gemeinsame Fotos machen?
Ach, wenn du dich ganz normal durch deine Viertel bewegst, gewöhnen sich die Leute schnell daran, diese seltsame Star-Fan-Grenze wird dann aufgehoben. Ich war immer normal.
 
Als die Hamburger »Bild« mal zu aufdringlich wurde, haben Sie die Zeitung über ein Jahr boykottiert. Kann man diesen Kampf überhaupt gewinnen?
Eigentlich nicht, aber mir war das scheißegal. Ich bin ein Gerechtigkeitsfanatiker, ich bin ein stolzer Mensch, und ich bin superloyal. Wenn ich das Gefühl habe, dass Menschen mein Vertrauen missbrauchen oder in meine Privatsphäre eindringen, werde ich sehr wütend. Mit der »Bild« war es nichts Konkretes, die halbwahren Berichte aus meinem Privatleben hatten sich einfach summiert. Doch glauben Sie mir: Es war ein lustige Zeit.
 
Inwiefern?
Ich bin nach den Trainingseinheiten oder Spielen einfach an den Reportern vorbeigegangen. Wenn trotzdem mal O-Töne von mir in der »Bild«-Zeitung standen, wusste nicht nur ich: Alles von den Kollegen geklaut – oder wieder ausgedacht.
 
Sie haben mit dem HSV zwei Spiele gegen Juventus Turin bestritten. Heute erinnern die Fans vor allem das 4:4. Warum spricht eigentlich niemand über das Rückspiel?
Das denke ich auch manchmal. Wir haben schließlich 3:1 in Turin gewonnen. Juve war in dieser Saison vielleicht ein wenig außer Form, dennoch war die Mannschaft gespickt mit Superstars: Zinedine Zidane, Edwin van der Saar, Edgar Davids, Alessandro del Pierro und natürlich Filippo Inzaghi. Die Spiele waren demnach ein Highlight.
 
Im Hinspiel zogen Sie Inzaghi in der letzten Minute am Trikot. Der Schiedsrichter entschied auf Elfmeter, der den 4:4-Ausgleich bedeutete. Wie sehen Sie die Szene heute?
Wenn man die TV-Bilder anschaut, kann man sagen, es war ein Elfmeter. Wenn man den Spieler kennt, dann.... nun ja. (lacht)
 
Eine andere denkwürdige Szene spielte sich am letzten Spieltag der Saison 2001 ab. Sie schossen damals ein Tor gegen den FC Bayern und feierten, als hätten Sie die Champions League gewonnen. Dabei ging es für den HSV um nichts mehr.
Es war die legendäre Meister-der-Herzen-Saison, in der Schalke bei einem HSV-Sieg gegen Bayern den Titel geholt hätte. Die Atmosphäre im Vorfeld und die Stimmung im Stadion haben mich wahnsinnig mitgerissen. In dem Moment, als ich den Ball einköpfte, schwebte ich durchs Stadion. Es war wie Fredi Bobic mal gesagt hat: »Ein Tor zu schießen ist besser als ein Orgasmus.« Doch heute schäme ich mich dafür.
 
Sie meinen, der Jubel war unangebracht?
Wir waren parteiisch. Dabei hatten wir nichts mit Schalke oder Bayern zu tun. Wir waren der HSV. Was hatten uns die anderen zu interessieren? Nach dem Jubel kam auch Alexander Zickler zu mir und fragte: »Was soll das?« Erst guckte ich ihn irritiert an, später habe ich ihn verstanden.
 
In jener Saison 2000/01 sind Ihnen auch zwei Tore gegen Ihren alten Klub Borussia Dortmund gelungen. Spürten Sie Genugtuung?
Ich habe mich damals vor der BVB-Tribüne aufgebaut. Allerdings habe ich auch gelernt, nicht nachtragend zu sein. Ich habe Bernd Krauss mehrmals wiedergetroffen. Es ist alles okay zwischen uns.
 
Die meisten Fans glaubten, dass Sie Ihre Karriere in Hamburg beenden. Sie sind aber dann nach Leverkusen. Wieso?
Wenn ein Rudi Völler bei einem auf dem Sofa sitzt, sagt man nicht ab, oder? (lacht) Im Ernst: Er hat sich sehr um mich bemüht und mir von Anfang an eine hohe Wertschätzung entgegengebracht.
 
Sie spürten ein Standing, das Sie bei Vertragsgesprächen mit dem HSV vermisst hatten?
Ich habe Bernd Hoffmann (damals HSV-Vorstandsvorsitzender, d. Red.) immer wieder gesagt, dass der HSV nicht glauben sollte, er könne mich halten, nur weil ich die Stadt Hamburg liebe. Denn auch wenn immer klar war, dass ich hier leben wollte und die Stadt liebe, war ein Wechsel zu einem anderen Verein nicht ausgeschlossen. In Leverkusen hatte ich eine gute Zeit, aber ich muss auch zugeben, dass sich der Wechsel nach sechs Jahren in Hamburg anfühlte wie ein Neubeginn im Ausland.