Zum Geburtstag: Sergej Barbarez über seinen Weg zur HSV-Legende

»Alles war kaputt«

Waren Sie seit dem Winter 1992 jemals wieder in Mostar?
Eigentlich wollte ich nie wieder zurück. Ich hätte die Stadt nämlich gerne in Erinnerung behalten, wie ich sie als Junge kennengelernt hatte. Doch wenn eine Mutter ihren Sohn bittet, kann man nicht nein sagen. Sieben Jahre nach dem Krieg kehrte ich zum ersten Mal heim.
 
Wie war es?
Beschissen. Es war nichts so wie früher. Alles war kaputt, sehr kalt und surreal. Es wirkte wie eine Geisterstadt, beinahe ausgestorben.
 
Was war der Fußball in den neunziger Jahren für Sie? Eine Flucht?
Auf dem Platz konnte ich den Krieg und alle schlimmen Dinge vergessen. Dort hatte ich Leute um mich herum, die auch Ziele und Träume hatten. Jungs wie ich, die von überall herkamen und spielten, um ihren Familien Sicherheit zu geben.
 
Sie haben mal gesagt, Sie seien ein Muttersöhnchen. Wie war es am Anfang ganz alleine Hannover?
Sehr schwer. Zunächst mal musste ich mich auf alles neu einstellen – die Kultur, die Mentalität, den Tagesablauf. Das Jahr in Hannover hat mich insofern sehr geprägt und weitergebracht. Es hat mich gelehrt, auf mich selbst aufzupassen.
 
Für Velez Mostar hatten Sie bereits ein paar Profispiele gemacht. Und nun: zweite Mannschaft in Hannover. Ein Abstieg?
Ich war froh, überhaupt zu spielen. Allerdings musste ich jede Mark zweimal umdrehen. Damals bekam ich 1500 Mark brutto. Alleine unsere Wohnung, in der wir mit fünf oder sechs Leuten wohnten, hat 1300 Mark gekostet. Meine Freundin und heutige Frau arbeitete als Putzfrau, und ich hoffte, bald einen besseren Vertrag zu bekommen.
 
Wer brachte Ihnen Deutsch bei?
Der Fernseher. Ich hatte nie einen Lehrer, ich habe alles mit TV-Shows gelernt. Mit »Wetten, dass...?!« oder »Geh aufs Ganze«.
 
Bei Hannover 96 und Union Berlin haben Sie auch etliche Spieler aus dem ehemaligen Jugoslawien wiedergetroffen. Wie kamen Serben oder Kroaten miteinander aus?
Ganz normal. Sie waren Mitspieler, einige waren Freunde. Der Krieg schaffte es in meinem Umfeld nicht, die Menschen auseinanderzubringen. Ich war bei Union mit dem Mazedonier Goran Markov befreundet, bei Hannover mit dem Montegriner Dejan Raičković. Allerdings glaubten mir anfangs viele Leute gar nicht, dass ich Bosnier sei.
 
Wieso?
Im ehemaligen Jugoslawien enden die meisten Nachnamen ja auf –ic und nicht auf –ez. Viele Leute dachten daher, ich sei ein Spanier.
 
Sergej klingt aber auch nicht gerade spanisch.
Deswegen war ich der russische Spanier. Oder der spanische Russe. (lacht)
 
Einer der wichtigsten Personen Ihrer Profizeit war Frank Pagelsdorf. Was war so besonders an ihm?
Er war bei vielen wichtigen Stationen mein Trainer, in Hannover, Berlin, Rostock und Hamburg. So wurde er eine Art Mentor. Gerade in Rostock konnte er mir viel Selbstvertrauen geben. Ich kam in eine Mannschaft, die wirklich gute Spieler hatte: Stefan Beinlich, Jonathan Akpoborie oder Steffen Baumgart. Doch ich habe schnell gemerkt, dass ich mithalten kann, obwohl ich ein Jahr zuvor noch in der Dritten Liga gespielt habe. Das war ein gutes Gefühl.
 
Auch Bayerns Trainer Ottmar Hitzfeld soll ein großer Fan von Ihnen gewesen sein. Er hat Ihnen während Ihrer Profizeit zweimal ein Angebot gemacht. Bereuen Sie heute, es ausgeschlagen zu haben?
Ach, es gab immer mal wieder Anfragen von Topklubs wie dem FC Arsenal oder Deportivo La Coruna. Und es stimmt: Auch Bayerns Trainer Ottmar Hitzfeld wollte mich zweimal haben, 1998 und 2001. Doch ich ging zu Dortmund, und ein anderes Mal verlängerte ich beim HSV. Ich bereue das auch nicht. Ich bin stolz auf meine Karriere. Auch Hamburg und Dortmund waren große Nummern für mich.
 
Beim BVB sportlich nicht immer gut. Wie würden Sie heute die Dortmunder Zeit zwischen 1998 und 2000 beschreiben: als lehrreich oder schwierig?
Sie war beides. Allerdings finde ich, dass ich anfangs in Dortmund nicht schlecht gespielt habe. Im ersten Heimspiel gegen Hertha schoss ich zwei Tore, es war ein fantastischer Einstand. Fortan liebte ich es, ins Westfalenstadion einzulaufen, denn wenn mein Name auf der Anzeigetafel erschien, wogte die ganze Südtribüne. Ein tolles Gefühl! Doch das änderte sich bald.
 
Sie haben mal gesagt: »Bei Hansa war mein Trikot das meistverkaufte, beim BVB ist es das meistverbrannte.«
Als Bernd Krauss kam und die Mannschaft plötzlich gegen den Abstieg spielte, brauchten die Leute einen Sündenbock. Und der sollte ich sein.
 
Haben Sie ein Beispiel?
Einmal stand in der Zeitung, ich sei betrunken um die Häuser gezogen. In Wahrheit hatte ich den Abend in einem Restaurant verbracht und bin um 22 Uhr nach Hause gegangen. Vom damaligen Co-Trainer Uwe Neuhaus bekam ich sogar kurz nach Zehn einen Anruf auf der Festnetznummer. Am nächsten Tag bin ich suspendiert worden. Ich verwies auf den Anruf von Neuhaus, doch der Trainer hielt dagegen. Ich soll angeblich wieder zurück gegangen sein und hätte bis 6 Uhr morgens im Restaurant gefeiert.
 
Wie reagierten die Mitspieler?
Viele sagten: »Barba, bitte entschuldige dich beim Trainer! Wir brauchen dich!« Ich sagte, dass ich mich nicht für etwas entschuldigen kann, das ich nicht getan habe! Ich habe über all die Jahre gelernt, mich nicht zu rechtfertigen.
 
Auch der Krauss-Nachfolger Udo Lattek fand, Sie sollten sich lieber einen Einzelsport suchen.
Doch er mochte mich. An seinem ersten Tag wollte er gleich wissen, was an der Geschichte dran sei. Ich sagte: »Trainer, da brauchen wir ein bisschen mehr Zeit.« Da antwortete er: »Ach, lass gut sein. Bei mir spielst du auf jeden Fall!« Später hat er mal gesagt, dass ich einer der besten Spieler war, die er je trainiert hat. Ich finde auch nicht, dass dieser Ego-Stempel zu mir passt. Ich war oft derjenige, der für eine gute Stimmung in der Mannschaft sorgte und junge Spieler führen konnte.
 
Doch Sie haben während Ihrer HSV-Zeit auch mal gesagt: »An mir scheiden sich die Geister«.
Entscheidend war für mich immer, was ich kann. Was der Trainer und die Mitspieler denken. Jemand hat mal nach zehn Jahren als Profi zu mir gesagt, dass ich meinen Laufstil ändern soll, der sehe so provokant aus. Das ist doch Quatsch. Ich fand immer diese Alibi-Sprints an der Eckfahne meist sinnlos. Ich dachte immer: Spar deine Kraft für die wirklich wichtigen Aktionen ein. Allerdings finde ich auch nicht, dass immer nur genörgelt wurde. Viele Fans mochten mich sehr, und sie grüßen mich immer noch freundlich auf der Straße.