Zum Geburtstag: Giovane Elber im großen Karriere-Interview

»Der Präsident musste mich überreden, den Job aufzugeben«

Nach einem Jahr lieh der AC Mailand Sie nach Zürich aus. Wieder ein anderes Land, wieder eine neue Sprache. Kamen Sie damit zurecht?
Nein, zunächst überhaupt nicht. Ich fuhr damals immer mit der Tram zum Training, dabei kam ich am Hauptbahnhof vorbei. Auf dem Vorplatz lagen überall Junkies rum – mit Spritzen im Arm. Und wenn die Venen dort nicht mehr funktionierten, steckten die Spritzen im Hals oder im Fuß. Diese Bilder haben mich geschockt. Aus Brasilien war ich nur Kiffer gewohnt.

Irgendwann machte sich Ihr Trainer bei den Grasshoppers große Sorgen um Sie.
Weil ich außer zum Training meine Wohnung nie verließ. Ich war immer zu Hause und habe geflennt. Irgendwann sagte der Coach: »Giovane, du bist jung. Du musst auch mal in die Disco gehen.«

Ihr Trainer forderte Discobesuche?
Genau. Als ich endlich auf ihn hörte, wurde es sportlich super. Das einzige Problem blieb meine Ernährung.

Wieso?
Bevor ich Profi war, konnte ich nie ins Restaurant gehen. Weil ich kein Geld hatte. In Zürich konnte ich nicht ins Restaurant gehen, weil ich nicht auf Deutsch bestellen konnte. Deshalb bin ich jeden Tag zu McDonald’s gegangen. Das Wort »Burger« kannte ich.

Immerhin mal etwas anderes als Bohnen und Reis.
Ich sage Ihnen was: Obwohl es in meiner Kindheit jeden Tag das gleiche Essen gab – Reis mit Bohnen, Bohnen mit Reis, ab und zu ein Ei oben drauf –, war ich zufrieden. Mir hat es an nichts gefehlt. Für brasilianische Verhältnisse bin ich normal aufgewachsen.

Sie waren der jüngste von fünf Brüdern in der Familie. Haben die anderen gut auf Sie aufgepasst?
Die haben mich geschlagen, Tag und Nacht. (Lacht.) Ich habe als Kind viel Blödsinn gemacht.

Was haben Sie denn angestellt?
Ich habe mich dauernd mit anderen Jungs geprügelt. Bekamen meine Brüder davon Wind, wurden sie sauer und haben mir eine verpasst. Das hat wiederum meine Oma geärgert, also gab es von der später noch mal auf die Mütze. Für alle.

Damals verbrachten Sie jede freie Minute mit Ihrem besten Freund Lello.
Wir waren zehn Jahre alt und unzertrennlich. Wenn man ihn suchte, musste man nur mich finden. Wir zogen barfuß durch die Straßen, gingen in eine Klasse, kickten draußen, bis es dunkel wurde. Bis er plötzlich weg war.

Er kam bei einem Unfall ums Leben.
Er war der einzige meiner Freunde, der ein Fahrrad besaß. Eines Tages sagte er zu mir: »Ab morgen laufe ich mit euch zur Schule und fahre nicht mehr mit dem Fahrrad. Auf dem Rückweg ist es immer so dunkel, das wird mir zu heikel.« Dann fuhr er los. Das nächste Mal, als ich ihn sah, lag er auf dem Boden. Die Arme und Beine ganz komisch abgewinkelt, um ihn herum überall Blut und andere Flüssigkeiten, die ich nie zuvor gesehen hatte. Ein Bus hatte ihn überrollt.

Wie ging es Ihnen danach?
Es tat unglaublich weh und beschäftigt mich bis heute. Mit Lellos Familie bin ich noch in Kontakt. Wenn wir telefonieren, fragen wir uns oft, was er in seinem Leben wohl gemacht hätte.

Wollte er auch Fußballer werden?
Nein, er war furchtbar schlecht. (Lacht.) Außerdem wollte nicht mal ich Fußballer werden. Einer meiner älteren Brüder, der viel mehr Talent hatte als ich, war bei dem Versuch gescheitert. Deshalb machte ich lieber eine Banklehre. Mit 16 verdiente ich doppelt so viel wie mein Vater als Bauarbeiter. Der Präsident von Londrina musste mich überreden, den Job aufzugeben und in der Jugend des Klubs anzufangen.

Also können wir uns bei diesem Präsidenten für das »Magische Dreieck« bedanken.
Genau. Aber natürlich auch bei Fredi, der Bratwurst, und bei Balakow. Er war der Kopf des Dreiecks, der Mittelpunkt. Er verteilte damals in Stuttgart die Bälle, Fredi und ich mussten nur noch die Tore schießen. Wir waren wie die Beatles in Liverpool. Eine herrliche Zeit.

Gibt es einen Moment, der den Zauber Ihres Zusammenspiels einfängt?
Das letzte Spiel in der Saison 1995/96, gegen den KSC. Vor dem Spiel standen Fredi und ich jeweils bei 15 Treffern und damit ganz oben in der Torjägerliste. Dann machten wir jeder ein Tor, natürlich nach Vorlagen von Balakow. 20 Minuten vor Schluss traf Fredi noch mal. Danach haben die beiden alles versucht, damit ich auch die 17. Bude schaffe. Sie wollten unbedingt, dass wir gemeinsam die Kanone holen. Sie spielten jeden Ball quer. Ich habe alles versemmelt, aber das Spiel zeigte mir, dass es auch im Profifußball Freundschaft gibt.