Zum 65. Geburtstag: Toni Schumacher im Interview

»Gegen den Rest der Welt«

Toni Schumacher wird 65. Als Vize-Präsident ist er etwas ruhiger geworden, doch früher hat er sich mit allen angelegt: Gegnern, Fans, dem DFB. Als Aktiver brauchte er die Konfrontation, um ein Klassekeeper zu sein. Interview mit einem großen Torhüter.

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Toni Schumacher, wer war der größte Rivale in Ihrer Fußballkarriere?
Jeder.

Wie bitte?
So war es, alle wollten gegen mich ein Tor schießen.

Keiner, zu dem Sie ein besonderes Verhältnis hatten?
Karl-Heinz Rummenigge war insofern ein ständiger Rivale, weil wir gewettet haben. Wenn er ein Tor machte, bekam er Geld, wenn er keins machte, gewann ich. Wir brachten die Scheine im Stutzen mit auf den Platz, so dass der Sieger noch auf dem Rasen ausbezahlt wurde.

Sie haben mal gesagt: »Wenn wir verlieren, ist das, als würde man mir zu Hause das Essen vom Tisch nehmen.« Das klingt fast nach einem Existenzkampf.
Das war damals eben meine Art von Ehrgeiz. Das hatte aber nichts mit Hass auf Gegner zu tun. Wenn ich einen Treffer bekam, sah ich es am Ende sportlich. Denn wer mich bezwang, musste verdammt gut gewesen sein.

Sie stammen aus kleinen Verhältnissen. Waren Sie als Profi von der Angst vor dem sozialen Abstieg getrieben?
Nein. Als ich mir schon einen Status erspielt hatte, war der Ehrgeiz noch stärker. Ich war einfach so. Mein Trainer Rolf Herings hat gesagt: »Der Toni hatte nicht das meiste Talent, der hat sich alles erarbeitet.« Nur zwei Tage nach dem WM-Finale 1986 habe ich angefangen, für die neue Saison zu trainieren.

Insofern war nicht irgendein Gegner Ihr größter Rivale, sondern Sie selbst.
Mag sein. Doch sich selbst als Motivation wahrzunehmen, ist schwierig. Also projizierte ich alles auf den Gegner: »Das ist derjenige, der mir was wegnehmen will!« Oder ich habe Theater mit dem Publikum angefangen.

Aus taktischen Erwägungen?
Ja, ich brauchte das manchmal. Wenn ich die Tribüne provozierte und die Pfiffe kamen, dachte ich: »Jetzt wartet ihr alle darauf, dass ich einen Fehler mache. Aber den Gefallen tue ich euch nicht.«

Wie sehr haben Sie andere Keeper als Rivalen verstanden? KSC-Torwart Alexander Famulla hatte Angst, als er mit dem jungen Oliver Kahn das Zimmer teilte, dass der ihm nachts das Kissen ins Gesicht drückt. Hatten Sie jemals Mordfantasien?
Nein, nie. Ich weiß nicht, ob das auch daran lag, dass ich überall zur Nummer Eins wurde und es dann lange blieb. In Köln verletzte sich Stammkeeper Gerd Welz, im Nationaltor wurde ich Nachfolger von Sepp Maier, weil der einen Unfall hatte. So ist das im Leben: Wir stehen alle nebeneinander, der liebe Gott schickt eine Chance auf den Weg – und wer sie festhält, kann daraus Profit schlagen.

Jetzt unterschlagen Sie aber den Konkurrenzkampf mit Slobodan Topalovic zu Zeiten von Hennes Weisweiler in Köln.
Zugegeben, das war eine sehr unangenehme Phase für uns beide. Damals wussten wir noch im Bus auf dem Weg zum Stadion nicht, wer spielen würde. Es gibt ja Trainer, die auf so etwas stehen. Ich teile diese Meinung nicht. Denn es hat uns beide damals total verunsichert.

Weisweiler soll gesagt haben: »Ich weiß gar nicht, ob ich den Schumacher im Tor brauche.«
»Den Schumacher verschenken wir«, hat er gesagt. Danach habe ich ihn in gewisser Weise auch als Rivalen gesehen. Es waren zu diesem Zeitpunkt noch fünf Spiele und ein Pokalfinale zu absolvieren. Am Ende wurden wir Pokalsieger und was sagte Weisweiler? »Toni, du bist und bleibst meine Nummer Eins.«

Nach Topalovic war Gerry Ehrmann hinter Ihnen der zweite Mann im Tor des FC.
Auch so ein total Besessener, aber wir hatten ein gutes Verhältnis. Wir haben ständig zusammen im Kraftraum trainiert und geschaut, wer mehr Klimmzüge schafft.

Hatten Sie nie Angst, dass einer an Ihnen vorbeizieht?
Nein, weil mir meine Trainer allermeistens deutlich signalisiert haben, dass ich die klare Nummer Eins bin.

Bei der WM 1986 soll Franz Beckenbauer angeblich Uli Stein den Platz im Tor versprochen haben.
Gegenfrage: Wenn es so war, warum gab es dann diese »Suppenkasper«-Affäre?

Aus Ihrer Sicht gab es keine Rivalität zu Uli Stein im Nationaltor?
Nein, bei allem Respekt, er war einer von vielen zweiten Torhütern, die hinter mir gespielt haben. Aber die Situation hat damals manchmal etwas genervt. Er war sehr offensiv mit den Medien und der Öffentlichkeit.