Zum 60.: Rüdiger Abramczik im Interview

»Hätte ich mal meine Fresse gehalten«

Die Kremers-Zwillinge haben bei uns im Interview erzählt, dass Merkel die Spieler beschuldigte, seine Autoreifen geklaut zu haben.
Ich war das jedenfalls nicht. (Lacht.) Später baute sich mein Mitspieler Bernd Thiele in der Kabine auf und posaunte aus Scherz: »Jungs, ich habe neue Reifen und Felgen, günstig abzugeben, 800 Mark.« Doch hinter ihm stand Merkel und fauchte ihn an: »Was erzählst du hier, du Arschloch?«

Klingt nicht nach Harmonie.
Das Beste war aber die Story im Trainingslager in Warendorf. Franz Krauthausen kam als Neuzugang vom FC Bayern und etwas später aus dem Urlaub zurück, direkt ins Trainingslager. Er war noch braungebrannt, trug eine kurze weiße Hose und ein weißes Hemd. Er sah aus wie ein Bademeister. Merkel ist zu ihm hin und fragte gespielt: »Und wer sind Sie?« – »Franz Krauthausen, ich komme vom FC Bayern.« Merkel sagte: »Ah ja, habe ich schon mal gehört.« Der wollte ihn direkt am ersten Tag verarschen und schickte ihn zusammen mit Stan zum Dauerlauf. Da hieß es dann: »Hombre hat einen an der Murmel.«

Wieso »Hombre«?
Stan hat Merkel immer abfällig »Hombre« genannt, weil der ja mal in Spanien gearbeitet hatte. Stan und Krauthausen haben das Handtuch geschmissen und sind vom Trainingslager abgehauen. Wir haben ihnen nur hinterhergeguckt, als sie mit dem Mercedes vom Parkplatz fuhren. Sie schmissen die Kippen in hohem Bogen aus dem Fenster und riefen uns nur zu: »Tschüü-hüüs!«

Libuda war zuerst Ihr Vorbild. Wie war es, mit ihm dann zusammenzuspielen?
Er hat mich als Konkurrent gesehen und mir gleich mitgeteilt, dass ich nie so gut werde wie er. Stan war ein unglaublicher Fußballer, doch er war innerhalb der Mannschaft sehr verschlossen. Wenn wir nach dem Spiel noch einen Sekt tranken, ist er sofort verschwunden.

In Ihrer Zeit auf Schalke wurden Sie zum Nationalspieler. Ihr Zusammenspiel mit Klaus Fischer war legendär.
Ich habe als junger Spieler sehr viele Extraschichten mit Friedel Rausch geschoben. Den Klaus habe ich immer gut getroffen, er war nicht groß, hatte aber einen sehr guten Bewegungsablauf.




Sie legten Fischer das Tor des Vierteljahrhunderts auf, ein Fallrückzieher im Länderspiel gegen die Schweiz 1977.
Die Hereingabe ist mir aber total verrutscht, sie war viel zu hoch. Schließlich hatte ich fünf Mann gegen mich, ich war in Bedrängnis. Und eigentlich hätte Klaus auf den ersten Pfosten laufen müssen. Alles lief falsch, da sieht man mal, wie viel Zufall im Fußball steckt.

In Ihrer Nationalmannschaftskarriere erlebten Sie die Schmach von Cordoba bei der WM 1978. Welche Erinnerungen haben Sie an dieses Spiel?
Da hat der eine oder andere auf der falschen Position gespielt: Manni Kaltz lief zum ersten Mal in seinem Leben als Libero auf, Berti Vogts wuselte plötzlich vorne rum. Der Trainer Helmut Schön hat uns zu sehr nach vorne gepeitscht. Wir hätten einfach viel cleverer spielen müssen. Als ich Jahrzehnte später Trainer in Österreich war, haben mich immer noch fast täglich Leute auf dieses besondere Spiel angesprochen. Die waren wie verrückt danach.

Das Turnier fand im Zeichen der argentinischen Militärdiktatur statt. Wie erlebten Sie die Situation?
Wir mussten als Spieler immer eine Plakette tragen, ohne die wir wohl verhaftet worden wären. Ein einziges Mal sind wir rausgefahren. Wir saßen mit der GSG 9 im Bus, über uns kreiste ein Hubschrauber, vor und hinter uns fuhr ein Militärauto.

Die deutsche Studentin Elisabeth Käsemann wurde vom Regime gefoltert und ermordet. Ihr Mitspieler Karl-Heinz Rummenigge sagte in der Dokumentation »Das Mädchen«: »Wenn die Nationalmannschaft mit dem DFB und der Politik Druck gemacht hätte, hätten man dieses Mädchen befreien können.«
Der DFB wusste sicherlich mehr als wir und hätte das eine oder andere bewegen können. Doch woher hätten wir das wissen sollen? Wir waren einkaserniert. Wir kamen von unserem Gelände so gut wie nicht weg. Günter Netzer wollte uns einmal besuchen und hatte echte Probleme, überhaupt durchzukommen. Ganz ehrlich: Wir haben von der Außenwelt nicht viel mitbekommen.

Insgesamt liefen Sie nur 19 Mal für die Nationalmannschaft auf. Haben Sie sich durch Ihre direkte Art mehr Einsätze verbaut?
Vielleicht. Nach einem Spiel in Malta kam mein »spezieller Freund« Hermann Neuberger, der damalige DFB-Präsident, zu mir. Er sagte, ich hätte schlecht gespielt. Ich meinte nur: »Sie haben doch überhaupt keine Ahnung.« Neuberger war total eingeschnappt und ist erst zum Bundestrainer Helmut Schön, dann zum Ältestenrat gelaufen. Ich wurde abgesägt und bestritt in der Folge nur noch zwei Länderspiele. Klar, wenn ich meine Fresse gehalten hätte, wäre ich locker auf 50 Länderspiele gekommen.