Zum 60. Geburtstag: Das große Karriere-Interview mit Karlheinz Förster

»Bei ihm bekamen nur die Spieler ihr Fett weg, nie der Trainer«

Wenn Sie Ihre beiden EM-Turniere 1980 und 1984 und die WM 1982 und 1986 vergleichen. Wann war die Kameradschaft am besten?
Beim Titelgewinn in Italien 1980.

Obwohl Bernd Schuster ein Führungsspieler war?
Der wurde immer als Rebell dargestellt, hat sich aber voll in den Dienst der Mannschaft gestellt. Als Bernd aufhörte, wurde es schwieriger. Derwall holte Leute zurück, die den Zusammenhalt stark beeinträchtigten.

Horst Hrubesch hat mal gesagt, wenn er eine Sache in seiner Karriere rückgängig machen könnte, würde er seine Einstellung vor und während der WM 1982 überdenken.
Zurecht. Im Trainingslager am Schluchsee zog nur ein kleiner Teil der Spieler mit. Da gab es morgens einen freiwilligen Lauf, wo immer dieselben Leute kamen. Eine kleine Gruppe von sieben oder acht: Co-Trainer Vogts, mein Bruder, Hans-Peter Briegel, Uli Stielike, ich und noch einige. Viele von den anderen waren nachts lange aufgeblieben und hatten gepokert. Ich bin bis heute überzeugt, wenn sich alle professionell vorbereitet hätten, wären wir 1982 Weltmeister geworden.

Vom Schluchsee sind Rotweinexzesse überliefert. Haben Sie davon was mitbekommen?
Da wurde Karten gespielt, Rotwein getrunken, und der Portier hat nachts auch mal vierzig Spiegeleier machen müssen. Und das Pokern ging in unserem Lager in Gijon weiter. Bis wir das Auftaktspiel gegen Algerien verloren hatten. Dann ist bei einigen der Groschen gefallen.

Wie sehr empfinden Sie das Spiel gegen Österreich bei der WM 1982, bekannt als »die Schande von Gijon«, als schwarzen Fleck in Ihrer Karriere?
Mich ärgert es immer noch. Natürlich war beiden Teams durch das 1:0 geholfen, aber wenn ich 3:0 oder 4:0 gewinnen kann, muss das mein Anspruch sein. Wir haben es den Österreichern ermöglicht, weiterzukommen. Das war nicht in Ordnung. Die Spielweise war zudem ein Risiko: Ich spielte gegen Hans Krankl, und wenn der nur einen Ball gekriegt hätte – er hätte ihn versenkt, ganz sicher. Und dann hätten wir in die Röhre geguckt.

Ihre wohl traurigste Niederlage erlebten Sie im WM-Finale 1986. Sie hatten einen 0:2-Rückstand gegen Argentinien aufgeholt und verloren dennoch im letzten Moment.
1986 war Franz Beckenbauer noch in seiner Anfangszeit als Trainer. Im Finale stellte er mich als linken Verteidiger gegen Valdano auf, obwohl ich ihm gesagt hatte, es sei besser, wenn ich gegen Maradona spiele. Denn der kam immer wieder über die Mittelstürmerposition. Stattdessen spielte Matthäus gegen ihn, so dass Lothar nach vorne kaum Akzente setzen konnte. Ein krasser Fehler. In der zweiten Halbzeit hat Franz dann umgestellt. Ich spielte gegen Maradona und Lothar offensiver. So konnten wir noch aufholen.

Nach dem Finale gaben Sie mit 28 Jahren einen »vorläufigen Verzicht« auf die Nationalmannschaft bekannt. Sie kamen nie zurück.
Im Prinzip wollte ich nicht laut sagen, dass ich nicht mehr will.

Warum denn nicht?
Ich habe immer ein Umfeld gebraucht, in dem es gerecht zugeht. Es gab damals einige Dinge im inneren Zirkel der Nationalmannschaft, die mir nicht passten.

Ihr Abschied aus der Nationalelf fiel zusammen mit Ihrem Wechsel zu Olympique Marseille. Der dubiose Mäzen Bernard Tapie holte Sie in die Hafenstadt.
Das Angebot kam drei Tage vor unserer Abreise zur WM. Ich hatte mich gerade noch beim Laufen in der Sportschule Kaiserau mit Felix Magath über die Situation beim VfB unterhalten, dass ich keine Perspektive mehr sähe und bei einem guten Angebot wechseln würde. Und zwei Tage später kamen Tapie und Sportdirektor Michel Hidalgo mit dem Privatjet nach Stuttgart. Meine Frau hatte einen Obstkuchen gebacken. Bernard Tapie drückte bei den Verhandlungen seine Zigarette auf der Kuchenplatte aus und ich dachte: »Wo kommen wir denn hier hin?«

Aber sein Angebot konnten Sie nicht ausschlagen.
Er nannte eine Zahl, bei der ich sagen konnte: Zu diesen Konditionen komme ich nicht. Am Ende hat er mir exakt das Doppelte gegeben.

Sie hatten noch drei Jahre Vertrag beim VfB Stuttgart.
Ich habe sofort Manager Ulrich Schäfer angerufen, die rechte Hand von Mayer-Vorfelder, und ihm gesagt, dass ich weg will. Der meinte nur: »Wenn wir dich weglassen, fackeln sie uns hier das Klubhaus ab.« Da rief ich Mayer-Vorfelder an. Es winkten 3,5 Millionen Mark Ablöse, also holte er bei Trainer Egon Coordes das Okay.

Wie unterschied sich der Sonnenkönig Tapie vom Sonnenkönig Mayer-Vorfelder?
Tapie war ein Mensch zwischen Genie und Wahnsinn. Sehr engagiert, ein Motivator, aber manchmal schoss er übers Ziel hinaus. Als es nicht lief, kam er mit seinem Privatjet angeflogen und maßregelte die Mannschaft einschließlich Trainer.

Sowas maßte sich MV nicht an?
Bei ihm bekamen nur die Spieler ihr Fett weg, nie der Trainer.

Karlheinz Förster, wenn Sie Ihre Karriere auf einen glücklichen Moment verdichten müssen, welcher wäre das?
Schwer zu sagen. Das Gefühl, als wir nach dem 0:0 am letzten Spieltag 1977 in Trier im Bus zurück nach Stuttgart fuhren, werde ich sicher nie vergessen. Ich war 18, wir waren zurück in der Bundesliga, mein erster großer Erfolg. Ein Team mit einem leidenschaftlichen Trainer wie Jürgen Sundermann. Wir hielten an einer Raststätte und versuchten, noch etwas Trinkbares aufzutreiben. Unvergessliche Momente.