Zum 60. Geburtstag: Das große Karriere-Interview mit Karlheinz Förster

»Hättst wengstens Bier gtrunke, dei Fanta war teuer.«

Sie wohnen bis heute in Schwarzach. Die Orte Ihrer fußballerischen Initiation liegen also in unmittelbarer Umgebung.
Den Bolzplatz gibt es immer noch unten im Dorf. Als Kind habe ich hier Zeitungen und Medikamente ausgetragen, habe beim Tierpark an der Kasse gesessen. Und wenn mein Vater sonntags ein Spiel hatte, sind mein Bruder Bernd und ich in der Halbzeit in unseren Sonntagsklamotten auf den Platz des Vereins und haben gekickt.

Sie waren als Junge so ein Überflieger, dass Sie mit acht Jahren schon in der C-Jugend gespielt haben.
Es soll nicht unbescheiden klingen, aber hier im Dorf war die Klasse nun mal nicht so groß.

Welche Position spielten Sie damals?
Eigentlich war ich zu dieser Zeit überall auf dem Platz. Manchmal habe ich mir hinten den Ball genommen und bin nach vorne durchgegangen. Als C-Jugendlicher habe ich dann am Wochenende oft an einem Tag zwei Spiele gemacht: mittags mit meiner Mannschaft und nachmittags bei der A-Jugend als Mittelstürmer oder Torhüter.

Sie waren Keeper?
Ich hatte eine gute Sprungkraft, das Auge und ein solides Stellungsspiel.

Wann reifte in Ihnen der Gedanke, mit Fußball Ihren Lebensunterhalt zu verdienen?
Lange Zeit war es eine Spaßsache. Ich wollte nur gut spielen. Erst als ich nach Stuttgart ging, fing ich an, mir Gedanken zu machen, dass ich Profi werden könnte. Und auch da hatte ich anfänglich Zweifel.

Warum? Sie waren doch sehr erfolgreich.
Weil es nicht so einfach war. Ich war gerade 17 geworden. Mit dem Wechsel nach Stuttgart verließ ich das Elternhaus. Das war damals noch eine große Sache.

Wie lief der Wechsel ab?
Ein VfB-Scout hatte mich mit den Nationalmannschaftsjunioren in Monaco gesehen. Eines Tages kamen ein Präsidiumsmitglied und der damalige Trainer Hermann Eppenhoff nach Schwarzach. Ich wollte nicht so recht weg. Mein Vater hat das gemerkt, er war ganz ruhig, aber irgendwann stand meine Mutter auf und sagte: »Auf jetzt, Karlheinz, alla« – wie man es bei uns in Ableitung vom französischen »Allez« sagt. Mayer-Vorfelder (VfB-Präsident, d. Red.) sprach später deshalb immer von »Mutter Alla«.

Und in Stuttgart hatten Sie Heimweh?
Natürlich. Das war mir am Anfang nicht geheuer. Nach drei Monaten habe ich zu Hause angerufen und gesagt, dass ich zurück will.

Sie hatten sportlich aber doch keine Anschlussprobleme.
Aber ich hatte mich verletzt. Bänderriss. In Stuttgart bekam ich einen Gips, der sechs Wochen draufblieb, dann stellten sie fest, dass es ein Riss und kein Bruch war. Frustrierend. Bei den Profis ließ mich Trainer Istvan Sztani anfangs links liegen. Ich begrüßte ihn, und er sprach mit den Leuten weiter. Er sagte nur: »Junn-ggge, hol mal die Bälle.«

Lehrjahre sind keine Herrenjahre.
Ich wohnte bei einer Gastfamilie in Hedelfingen. Zum Glück durfte ich mit Sondergenehmigung meinen Führerschein mit siebzehneinhalb machen. Vom Verein bekam ich einen alten Käfer, der nur Winterreifen hatte, was aber nicht schlimm war, weil er ohnehin nur 115 km/h fuhr. Und dann bin ich ständig von Stuttgart nach Schwarzach gefahren.

1977 stiegen Sie unter Coach Jürgen Sundermann mit dem VfB zurück in die Bundesliga auf.
Er galt damals als »Wundermann«. Es war die Begeisterung, die er entfachte. Dabei achtete er extrem auf Disziplin. Er sorgte dafür, dass wir überall einheitlich gekleidet aufliefen. Er war der Erste, der anordnete, dass wir nur stilles Wasser trinken durften. Einmal haben wir auf der Fahrt zum Freundschaftsspiel in Freiburg an der Raststätte Achern angehalten. Kaffee und Kuchen. Markus Elmer, ein Außenverteidiger, lud sich ein Stück Schwarzwälder auf. Da hat der Sundermann ihn zur Sau gemacht. Aber diese Schule hat uns junge Spieler geprägt. Im Training war immer gute Stimmung. Beim Spiel Fünf gegen Zwei hat Sundermann mitgemacht und ständig Beinschüsse probiert.

Nach seinem Weggang in die Schweiz kam Sundermann 1980 noch einmal zum VfB. Das klappte aber nicht mehr.
Wir hatten uns weiterentwickelt, er war der Alte geblieben. Einmal hat er uns verboten, aufs Volksfest zu gehen, obwohl das nächste Spiel erst zehn Tage später war. Fast aus Protest sind wir mit acht Leuten dahin und haben Bier getrunken. Nur Erwin Hadewicz blieb bei Fanta. Sundermann kriegte es mit, am nächsten Tag war Mannschaftssitzung, und wir wurden zu 400 Mark Strafe verdonnert. Da habe ich zum Erwin gesagt: »Hättst wengstens Bier gtrunke, dei Fanta war teuer.«