Zu Bayern-Liverpool: Didi Hamann im Interview

Lewandowski »arbeitet« wieder

Beim FC Liverpool ist die Entwicklung genau anders herum: mit dem Kloppschen Vollgas-Fußball eroberte man in der Vorrunde die Premier League. Zwischenzeitlich betrug der Vorsprung sieben Punkte. Jetzt ist man mit einem  Zähler Rückstand hinter Manchester City auf Platz zwei. Kostet die Spielweise zu viel Kraft, vor allem in Anbetracht der vielen Spiele im englischen Profifußball?
In der vergangenen Saison hat die Mannschaft das ja auch gut hinbekommen und ist ins Champions League-Finale eingezogen. Aber es fällt schon auf, dass Liverpool sehr oft mit der selben Elf antritt – vor allem in der Offensive gibt es kaum Wechsel. Das kostet natürlich Kraft. Aber ich denke, der psychologische Aspekt ist viel wichtiger. Die Leichtigkeit ist abhanden gekommen – weil eben das Gefühl da ist, dass es etwas zu verlieren gibt.

Was ist für die Liverpool-Fans wichtiger: die Meisterschaft oder die Champions League zu gewinnen?
Die Meisterschaft. Die meisten Fans können sich noch an den letzten Champions League-Sieg 2005 erinnern, aber der letzte Meistertitel liegt 29 Jahre zurück. 

Englands Ex-Nationalspieler Gary Neville hat Liverpool empfohlen, sich aus der Champions League zu verabschieden, um sich voll auf die Liga konzentrieren zu können.
Das ist Unsinn. Ein Weiterkommen gegen den FC Bayern würde dem Team im Rennen um die Meisterschaft einen großen Schub verleihen, das würde die Chance auf den Meistertitel erhöhen. So etwas gibt Selbstvertrauen.

Aber die zusätzliche körperliche Belastung aufgrund weiterer Spiele.
Ich sehe darin eher einen positiven Aspekt. Wenn die Spieler unter der Woche auch ran müssen, bleibt weniger Zeit zum Nachdenken. Letzteres kann auch sehr viel Energie kosten.

Jürgen Klopp wird in Liverpool immer noch verehrt. Dabei hat er mit dem Klub noch nichts gewonnen.
Das ist eine gefährliche Situation. Er genießt Heldenstatus, obwohl er den letzten Schritt  über die Ziellinie noch nicht gemacht hat. Jürgen Klopp ist jetzt in seinem vierten Jahr in Liverpool, lässt attraktiven Fußball spielen und kommt mit seiner emotionalen Art bei den Fans sehr gut. Aber jetzt muss er auch einmal einen Titel gewinnen. Sonst kann die Stimmung auch schnell umschlagen. 

Als Sky-Experte hatten Sie Robert Lewandowski in der Woche vor dem Hinspiel in Liverpool kritisiert. 
Mir hat vor allem sein Lamentiere, das Abwinken, die ganze Körpersprache nicht gefallen.  Das ist nicht förderlich – vor allem wenn man zwei junge Spieler wie Coman und Gnabry an seiner Seite hat. Auf die muss man als erfahrener Spieler positiv einwirken. Gegen Liverpool war es schwer für Lewandowski. Aber er hat für die Mannschaft gearbeitet. Auch in den Spielen danach hat er gekämpft und Tore  geschossen – wobei ich ihn nicht allein auf die Tore reduzieren will. Wichtig ist, dass er für die Mannschaft arbeitet. Und das tut er jetzt wieder. Um das aber klarzustellen: ich würde nie behaupten, dass das mit meiner Kritik zu tun hat.