ZDF-Mann Figgemeier über Heysel

»Kollegen, hier passiert was«

Heyselstadion, Brüssel, am 25. Mai 1985. Als die Fans von Liverpool und Juventus Turin vor dem Endspiel im Europapokal aufeinander losgehen, kommt es zur Katastrophe. Und Eberhard Figgemeier muss für das ZDF kommentieren. ZDF-Mann Figgemeier über Heysel

Eberhard Figgemeier, vor 25 Jahren saßen Sie im Brüsseler Heyselstadion, um für das ZDF das Europapokal-Endspiel zwischen Liverpool und Juventus Turin zu kommentieren. Wie haben Sie sich auf diese Partie vorbereitet?

Eigentlich so wie immer. Wir waren zu zweit, der Filmemacher Hans-Joachim Gally und ich. Wir haben die Technik überprüft, mit den Kollegen in Mainz telefoniert, und ich habe meine Unterlagen noch einmal durchgesehen.

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Wissen Sie noch, was auf den Zetteln stand?

Ganz genau kann ich Ihnen das nicht sagen. Aber die Notizen passten zum Fußball – und zu nichts anderem. 

Wann haben Sie bemerkt, das etwas auf den Tribünen passiert?

Zwischen 19 Uhr und 19.20 Uhr. Im ZDF lief da gerade das »heute journal«, die Zuschauer hatten also noch kein Bild aus Brüssel. Ich habe in Mainz angerufen: »Kollegen, hier passiert was.«.

Wann waren Sie live auf dem Sender?

Um kurz vor halb acht, nach dem »heute journal«. Inzwischen hatte ich auch Agenturmeldungen zu den ersten Krawallen vorliegen – ich konnte ja nicht von meinem Platz.

Was haben Sie den Zuschauern gezeigt?

Die Szenen auf den Rängen, ohne allerdings mit Großaufnahmen ins Detail zu gehen. Und trotzdem konnte jeder Mensch sehen, dass offensichtlich Schreckliches passierte.

Die Katastrophe wurde angeblich auch deshalb ausgelöst, weil Liverpool-Fans auf dem Schwarzmarkt an Karten der Italiener gelangt waren.

Richtig. Noch schlimmer war allerdings, dass beide Lager nur von einem offenbar provisorisch aufgestellten Maschendrahtzaun getrennt wurden. Die Liverpooler hatten keine Schwierigkeiten, das Teil in wenigen Minuten niederzureißen. Hunderte Engländer sind also auf die Juve-Fans losgegangen, und als die Massenpanik ausbrach, wurde uns auf der Pressetribüne klar, dass dort auf den Rängen gleich etwas Furchtbares geschehen würde.

Woran haben Sie das erkannt, es war doch sicherlich nicht das erste Mal, dass Sie Massenschlägereien beim Fußball beobachten mussten?

Aber das hier war etwas ganz anderes! Das war eine Massenflucht, das war echte Panik. Wir konnten es an den Schreien der Flüchtenden hören, an den Reaktionen der Ordner und der anderen Fans, die sofort nach Sanitätern riefen. Glücklicherweise wurden relativ schnell die Stadiontore geöffnet, so dass die meisten Menschen in den Innenraum fliehen konnten. Sonst hätte es noch mehr Tote und Verletzte gegeben. 

Sie haben das alles live kommentieren müssen. Was haben Sie den Zuschauern in Deutschland erzählt?

Wir haben versucht, mit Augenzeugen zu sprechen, und dank der hervorragenden Arbeit vom Kollegen Gally klappte das auch. Ich sprach unter anderem mit einem deutschen Busfahrer, der ganz in der Nähe stand, als die ersten Menschen niedergetrampelt wurden. Er hatte vor dem Spiel noch italienische Fans zum Stadion gebracht. Gleichzeitig wurde ich von meinem Sender informiert: Was macht das ZDF, was schreiben die Agenturen, gibt es Verletzte, gibt es Tote? Und dann bekam ich einen Anruf von Harry Valerien, der damals das »Aktuelle Sportstudio« moderierte.

Was hat er Ihnen gesagt?

Dass ich weiter beschreiben soll, was da in Brüssel passiert. Dass ich meine Betroffenheit zeigen darf, denn genauso wie ich fühlten ja auch die Zuschauer vor dem Bildschirm.

Zu welchem Zeitpunkt wussten Sie, dass Menschen auf den Rängen gestorben waren?

Spätestens nach 15, 20 Minuten war uns allen klar, dass es Tote gegeben haben musste. Kurz danach kam die Bestätigung über die Agenturen. Das Ausmaß der Katastrophe konnte zu diesem Zeitpunkt aber noch keiner ahnen. Das Schlimmste für mich war, den Toten ins Gesicht blicken zu müssen. Auf der Tribüne waren wir alle noch relativ weit entfernt vom Geschehen, aber die Situation änderte sich gewaltig, als ich meinen Platz verlassen hatte und vor dem Stadion stand. Ich bin 47er-Jahrgang, Nachkriegsgeneration – so ähnlich wie vor dem Stadion in Brüssel habe ich mir ein Feldlazarett immer vorgestellt: Eine riesige Zeltstadt, überall lagen Leichen, überall schrien Verletzte. Es war einfach nur furchtbar.


Wann haben Sie das Stadion verlassen?

Noch vor den Anpfiff. Mein Chefredakteur Reinhard Appel hatte sich dazu entschieden, das Spiel nicht im ZDF zu übertragen. Dafür bin ich ihm noch heute dankbar. Ich wäre auch nicht dazu in der Lage gewesen. Ich wollte raus aus dem Stadion, Hans-Joachim Gally und ich sind in unser Hotel gegangen.

Das Spiel wurde dennoch angepfiffen. Für viele eine desaströse Entscheidung der Veranstalter.

So habe ich zunächst auch gedacht, ich konnte es nicht fassen, dass man ein Endspiel auf einem Platz anpfiff, auf dem zuvor Zuschauer gestorben waren. Dann habe ich mir die Argumente angehört, und heute muss ich sagen: Wahrscheinlich war es die richtige Entscheidung. Das Spiel hat die Menschen von der Tragödie abgelenkt. Sonst wäre am Ende das ganze Stadion aufeinander losgegangen.

Wie haben Sie den restlichen Abend verbracht?

Wir wollten eigentlich nur raus und irgendwo noch ein Bier trinken gehen. Aber als wir aus unserem Hotel kamen – das Spiel war bereits beendet – raste die Hooligan-Meute immer noch durch die Straßen. Das war uns zu gefährlich. Wir sind wieder nach oben und ins Bett.

Welche Folgen hatte die Heysel-Katastrophe für Sie und das ZDF?

Am Montag nach dem Finale saßen wir in einer großen Konferenz zusammen und haben darüber diskutiert, ob es überhaupt noch Sinn macht, jemals wieder ein Fußballspiel live zu übertragen. Ich bekam ein Lob von meinem Intendanten und habe mich trotzdem viel mehr über die Zuschriften der Zuschauer und Politiker gefreut, die sich für die menschliche Art der Übertragung bedanken wollten. Das hat meiner wunden Seele ganz gut getan. Im Herbst 1985 saß ich schließlich gemeinsam mit Fangruppen-Vertretern im Bundestag und habe über das Hooligan-Problem gesprochen. Viele von den Politikern hörten ganz offensichtlich das erste Mal von organisierten Fußballfans.

Heysel und vier Jahre später Hillsborough haben neue Debatten über die Sicherheit im Fußballstadion ausgelöst. Was hat sich im Laufe der Jahre geändert?

Die Stadien sind sicherer, die jeweiligen Fanlager werden wesentlich besser voneinander getrennt, und die Gewalt im Stadion ist zurückgegangen. Aber gewaltbereite Menschen suchen sich noch immer den Fußball als Schauplatz für ihre Aggressionen, die Gewalt ist nicht verschwunden. Die Idioten sind auch durch die Toten von Heysel nicht schlau geworden. Sie können vielleicht die Stadien ändern, aber nicht die Menschen.


Eberhard Figgemeier, geboren am 2. Januar 1947 in Bochum, beginnt seine journalistische Karriere beim ZDF 1972. Er arbeitet als stellvertretender Leiter der Sendungen »Sport Aktuell« und »Das aktuelle Sportstudio«, von 1989 bis 1993 leitet er das »Sportstudio«. 2009 beendete er seine Karriere.