WM-Fotograf im brasilianischen Fußballsommer

»Die FIFA wird immer absurder«

Brasilien gilt als große Fußballnation: War eine allgemeine Begeisterung für den Sport jenseits der Spielstätten und Fanmeilen spürbar?
Ja und Nein. Es besteht ein allgemein großes Interesse am Fußball - und doch habe ich viele Leute getroffen, die mit der Weltmeisterschaft wirklich gar nichts anfangen konnten.

Über die WM im eigenen Land war man sich uneins?
Die Stimmung war schon recht gespalten. Wer möchte ohne ein soziales Netz, ohne Zugang zur Gesundheitsversorgung oder ohne eine echte Perspektive leben und gleichzeitig dabei zusehen, wie mitten im Dschungel sinnlose Stadien entstehen? Doch wenn die Spiele der Seleção begannen, war plötzlich jeder Feuer und Flamme. Diese Ambivalenz verstärkt jedoch nur die Erkenntnis: Die WM kommt mit all ihrem Glitzer - und lässt die oft bittere Realität gnadenlos zurück.

Wollen Sie trotz der so unterschiedlichen Eindrücke eine bestimmte Geschichte mit Ihrem Bildband erzählen?
Die Weltmeisterschaft erzählte für mich, dass Fußball auch jenseits des Geschehens auf dem Stadionrasen sehr wichtig ist. Die Teilnahme an dem Phänomen ist für viele weitaus entscheidender und auch interessanter als die Turniere selbst. Dabei spielt es keine Rolle, ob man aktiv spielt - oder eine beobachtende, mitfiebernde, oder auch eine gänzlich teilnahmslose Position einnimmt. Diese Besonderheit herauszuarbeiten war mir ein großes Anliegen, das ich hoffentlich umsetzen konnte.

Wenn Sie die Teilnahme der Bevölkerung am Phänomen Fußball als so zentral erachten: Werden Sie nach Katar fahren?
Ja, definitiv. Mit der Vergabe der WM an Katar hat sich die FIFA unfassbar lächerlich gemacht - selbst für ihre Verhältnisse. Doch auch die Absurdität der Veranstaltung könnte der geeignete Stoff für eine großartige Geschichte sein. (lacht) 

Was war für Sie der emotionalste Moment der WM?
Der Sieg Costa Ricas gegen Italien. Auch wenn Italien nicht gut gespielt hatte, stand ihnen ein kleines Land ohne große Fußballtradition gegenüber. Die Begeisterung der Costa Ricaner auf den Rängen, doch vor allem die Freude in den Gesichtern der Mannschaft - diese Erfahrung war unbeschreiblich intensiv.

Haben Sie während der Weltmeisterschaft auch weniger freudige Dinge erlebt?
In Belo Horizonte sah ich, wie ein Mann auf der Straße starb. Sein Sohn hielt ihn heulend in den Armen, schüttelte ihn vor Verzweiflung. Und die Passanten liefen einfach vorbei. Dies ist ein anderer Umgang mit Leben, ein anderes Niveau von Armut, das ich bisher nicht kannte. Und gleichzeitig werden einige Kilometer die Straße hinunter Endrundenspiele ausgetragen. Wie die FIFA die Einnahmen des Turniers einfach mit nach Hause nehmen kann, ist nach all diesen Eindrücken noch viel unbegreiflicher.

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