WM-Fotograf im brasilianischen Fußballsommer

»Zurück bleibt die bittere Realität«

Der japanisch-deutsche Fotograf Ryu Voelkel hat einen Bildband zur Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien herausgegeben. Wir sprachen mit ihm über seine Erlebnisse und Eindrücke rund um das Turnier.

Ryu Voelkel

Ryu Voelkel, Sie sind Fotograf, arbeiten jedoch hauptsächlich im Rahmen von Fußballveranstaltungen. Worin gründet Ihre Affinität zu diesem Sport?
Ursprünglich galt mein Interesse der Sportfotografie im Allgemeinen. Der Fokus auf Fußball ergab sich eher aus seinem europäischen, vielleicht sogar weltweitem Status als größter und beliebtester Sport.

Was macht für Sie den besonderen Reiz der Fußballfotografie aus?
Eigentlich fotografiere ich am liebsten Amateurspiele. Man ist viel näher dran, kann die Emotionen besser festhalten, die Atmosphäre des Spiels eindrücklicher vermitteln. Aber auch die WM ist wirklich einzigartig: Ein solches Feuerwerk an Eindrücken wollte ich dieses Mal nicht nur erleben, sondern auch in einem Buch festhalten.

Ihre persönlichen Eindrücke zu bewahren - ist das der zentrale Gedanke hinter Ihrem kürzlich erschienenen Bildband »No Hands«?
Zunächst war das Projekt ein guter Vorwand für einen Brasilienbesuch während der Weltmeisterschaft. (lacht) Ich möchte mit meinen Aufnahmen aber auch einen alternativen Blickwinkel auf das Großereignis anbieten - denn der Fotojournalismus im Fußball ist stark geprägt von vordefinierten Motiven. Die Vielfalt der Faszination, die der Fußball auf uns ausübt, geht zu oft unter. Darunter leidet unsere Wahrnehmung des Sports.

Inwieweit haben Sie diese Vielfalt in Brasilien erlebt?
Neben meinen beruflich bedingten Stadionbesuchen hatte ich auch mit den Einheimischen jenseits des Events regen Kontakt. Ich habe die Angewohnheit, auf meinen Reisen das »Couchsurfing«-Netzwerk zu nutzen. Der große Vorteil ist, dass man viel mehr über Land und Leute erfährt. Dass ich in der Lage war, Dinge zu sehen und zu fotografieren, die andere nicht zu Gesicht bekommen, wäre ohne die unglaubliche Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Menschen vor Ort niemals möglich gewesen.

Haben Sie dadurch auch Spiele abseits der WM-Stadien sehen können?
In Cuiabá habe ich jemanden kennen gelernt, der mich zu einem Fußballspiel in eine Favela mitnahm. Man fährt erst lange durch die engen Gassen des scheinbar unendlichen Labyrinths - plötzlich öffnet sich der Raum und man steht vor einem großen Fußballfeld. Auf Beton spielten alle grundsätzlich barfuß - selbst wenn sie brauchbare Schuhe dabeihatten. Bei einem Kick haben mein Kollege und ich mitgespielt: Ich beschreibe lieber nicht, was danach mit unseren Füßen passierte.