Willi Koslowski und Aki Schmidt über das Revierderby

»Bis du eigentlich bekloppt?«

Die Zuschauer saßen früher nah am Spielfeldrand, war das eine noch intensivere Derbystimmung?
Koslowski: Die Stadien hatten eine Laufbahn. Ihr doch auch, Aki, oder?

Schmidt: Ja, da standen Bänke drauf, da saßen se dann alle. Wenn du anne Seite hingeflogen bis, da lagse inne Zuschauer drin.

Koslowski: Oft war das schon kribbelig, aber nicht gefährlich. Wenn der Ball in die Ränge flog und der Gegner mit 1:0 führte, da haben die Fans den Ball nich’ rausgegeben. Und es gab ja nicht viele Bälle ...

Schmidt: Ach, überhaupt nicht, vielleicht war ein Ball da, mal zwei.

Koslowski: Der Linienrichter hatte noch einen, wenn Not am Mann war.

Schmidt: Die Fans haben den Ball nich’ rausgerückt, egal ob BVB oder Schalke.

Koslowski: In Aachen wollte ich einma’ den Ball holen. Einer warf ihn nach hinten, dann hat der andere mir mit dem Krückmann die Beine weggezogen. Auch bei Eckbällen mussten wir alle zur Seite schieben, um überhaupt schießen zu können.

Schmidt: Dann haben se dir gesagt, wie du schießen solls’. »Hau ihn kurz rein, Junge« und so was.

Eine solche Nähe wäre heute undenkbar. Und es gibt wenige Identifikationsfiguren wie Kevin Großkreutz.
Schmidt: Aber ich weiß auch nicht, ob er sich da immer richtig verhält. Er nimmt sich zu viel raus. Ich finde das prima, wie er mit unseren Fans umgeht, aber gerade vor dem Derby schießt er drüber hinaus. Er stachelt sie zu sehr an. Mein Ding ist das nich.

Koslowski: Aber klar, die meisten Spieler wechseln ständig den Verein ...

Schmidt: … du kriegs’ doch keine Traditionsmannschaft mehr zusammen. Die meisten bleiben doch nur im Pott, solange sie hier spielen, und dann geht’s ab woanders hin. Aber die wären auch blöd, wennse es nich’ machen würden.

Koslowski: Die ganze Kohle, das kann doch auch nicht gut gehen. Es kommt doch in der Bundesliga auch Neid auf. Da sitzt der Stammspieler mit seiner Frau am Küchentisch, beide lesen Zeitung und da sagt die Frau: »Kumma wat der verdient! Und wat verdiens’ du? Geh auch mal hin und klopf mal an.« So geht dat doch, woll’n we doch ma ehrlich sein. Der Neid wird immer schlimmer. Wo soll dat hinführen?

Schmidt: Das frage ich mich auch, früher haben wir 400 Mark verdient, im Monat, danach gab es etwas mehr.

Was glauben Sie: Hemmt die Rivalität beide Klubs oder beflügelt sie sie?
Schmidt: Wir können uns freuen, dass es zwei Vereine gibt, die so stark sind. Beim Thema eingefleischte Fans gibt es nur diese zwei Vereine. Wen gibt es denn noch? Leverkusen? Wolfsburg? Ach, komm hör auf. Und Bayern brauchen wir gar nich’ rechnen.

Koslowski: Ich krieg das ja hier auf der Geschäftsstelle täglich mit. Die Leute im Pott kommen auch in schlechten Zeiten. Die Fans standen hier und schimpften sich die Seele aus dem Leib. Als sie fertig waren, haben sie gefragt: »Gibt’s noch Karten für Samstag?«

Schmidt: So, jetzt stelle noch mal deine Frage, ich muss auch los.

Was war denn Ihr schönstes Derby?
Schmidt: Wir haben mal in Dortmund mit 7:0 gewonnen. Das Spiel fand im dichten Nebel statt, doch der Schiri hat einfach nich’ abgepfiffen. Ich konnte nur zehn Meter weit gucken. Dann fällt mir ein Spiel auf Schalke ein, da haben wir mal nach 20 Minuten mit 6:0 geführt, hast du damals eigentlich mitgespielt, Willi?

Koslowski: Wann war das?

Schmidt: ’64. Da war jeder Schuss ein Treffer. Danach haben wir es locker angehen lassen, Endstand war, glaube ich, 2:6.

Koslowski: Ich mein’ ja, ich war dabei. In diesem Jahr sind sind wir ja sportlich abgestiegen. Der Schmedeshagen vom DFB hat sich noch für uns eingesetzt, dass wir drin bleiben. So wurde die Bundesliga auf 18 Mannschaften aufgestockt. Ich erinnere mich noch an ein Heimspiel gegen Dortmund 1957. Damals habe ich noch in der Glas- und Spiegel-Manufaktur gearbeitet und bin am Tag vor dem Spiel in einen rostigen Nagel getreten. Der Fuß war dick und die Schmerzen groß. Doch es ging gegen Dortmund, da hat mir der Arzt eine Spritze reingejagt. Das Spiel ging dann 2:2 aus, doch ich habe zwei Tore gemacht. Aber danach habe ich ersma’ zwei Wochen krankgefeiert. In der gleichen Saison wurden wir am Ende Deutscher Meister. Ich weiß noch: Bei der Rückfahrt vom Endspiel in Hannover hat unser Sonderzug in Dortmund gehalten. Dort wurden wir vom Vorstand und den Spielern des BVB mit Blumensträußen empfangen, bevor es nach Gelsenkirchen ging.

Schmidt: Genau, ich weiß noch, wie ich danach auf dem Weg zur WM in Schweden dem Willi Schulz zur Meisterschaft gratuliert habe.

Koslowski: Wir hoffen ja hier, dass es mit der Deutschen Meisterschaft noch etwas wird. Es wird immer schwieriger von Jahr zu Jahr. Da muss es schon optimal laufen und der liebe Gott nachhelfen.

Schmidt: Natürlich. Und wenn es so weit kommen sollte, gratuliere ich dir als Erster, Willi. Wir haben noch viel vor. Ich werd’ jetzt 80 Jahre alt. Wenn ich morgens aufstehe, denke ich: »80! Bis du eigentlich bekloppt, jetzt has’ du nur noch dreißig Jahre!«

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Das Interview stammt aus dem 11FREUNDE SEPZIAL »Erzrivalen« – jetzt erhältlich am Kiosk, im Shop oder im App-Store.