Wie überlebt man so viele Schicksalsschläge, Dieter Eckstein?

»Ich war 13 Minuten tot«

Krebs, Herzinfarkt, Insolvenz: Kaum ein Fußballer hat so viele Schicksalsschläge erlitten wie Dieter Eckstein. Aber er ist immer wieder aufgestanden – und hat ein Rezept dafür.

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Dieter Eckstein, bereits in Ihrer ersten Profisaison erlebten Sie ein Stück deutscher Fußballgeschichte: die Nürnberger Spielerrevolte.
Ich kam von den Amateuren zu den Profis, die gerade abgestiegen waren. Unser Ziel war der Wiederaufstieg, aber nach ein paar Spielen waren wir Vorletzter. Nach einem 1:1 gegen Oberhausen rief mich Trainer Heinz Höher an und fragte, ob ich davon wüsste, dass das Team nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten wolle. Ich verneinte, aber im Fernsehen lief da schon ein Bericht über die Revolte.

Wollten Sie nicht revoltieren?
Nach Höhers Anruf fuhr ich zum Training. Dort fragte mich Udo Horsmann, ob ich mich am Aufstand beteiligen wolle. Aber ich hatte meinen ersten Profivertrag in der Tasche und mein Sohn war gerade geboren. Das Risiko, rausgeschmissen zu werden, war mir zu groß. Während ich mit den anderen jungen Spielern trainierte, diskutierte der Rest des Kaders am Stadion mit der Presse.

Gab es keinen Gegenwind von den anderen Spielern?
Sicher. Freitag nach dem Training war ein Termin im Sitzungssaal anberaumt. Ich war sicher, dass Höher entlassen werden würde. Wir jungen Spieler saßen schon im Saal, da ging die Tür auf und die Revoluzzer kamen rein. Sie haben uns als Verräter beschimpft und sich demonstrativ woanders hingesetzt.

Wie lief die Sitzung ab?
Der Saal war brechend voll. Vorne saß der Vorstand mit zwei Polizisten und zwei Anwälten. Präsident Gerd Schmelzer nahm die erste Akte und las vor: »Mit sofortiger Wirkung ist der Spieler Rudi Kargus entlassen. Bitte verlassen Sie das Gelände.« Kargus wurde von der Security abgeführt und bekam ein Jahr Stadionverbot. Dann kam die nächste Akte. Schmelzer ließ die Rädelsführer abführen, alle anderen Beteiligten wurden abgemahnt. Beim nächsten Spiel waren wir noch 13 Mann. Aber obwohl wir die Partie mit 1:2 verloren, war es die Geburtsstunde der jungen Mannschaft, mit der wir noch aufstiegen. Als die Stinker weg waren, lief es.

Hatten Sie nie Probleme mit Höher? Sie waren eher kein Musterprofi.
Nein, Höher hat mich gewähren lassen. Willi Entenmann hat mich später mal gebeten, vor Spielen nicht mehr zu rauchen. Habe ich dann auf dem Klo trotzdem gemacht. Ich habe sogar im Bus geraucht.

Im Mannschaftsbus?
Klar. Als junger Spieler heimlich auf dem Busklo, später auch auf meinem Sitzplatz. Unser Fahrer stellte mir sogar einen Aschenbecher hin. Sportlich hat das nie Auswirkungen gehabt. Mit dem Club qualifizierten wir uns 1988 sogar für den UEFA-Cup. Wenn dieses Team zusammengeblieben wäre, hätten wir um die Meisterschaft gespielt. Aber dann kauften die Bayern Roland Grahammer und Stefan Reuter weg.

1986 machten Sie Ihre ersten Länderspiele. Hat Sie Franz Beckenbauer persönlich angerufen?
Nein. Ich war mit der U21 in der Schweiz. Im Hotel klopfte Trainer Berti Vogts an die Tür und sagte: »Beckes hat angerufen, Allofs und Völler sind verletzt, er will dich nachnominieren.«

»Beckes«?
So haben wir Beckenbauer hinter seinem Rücken genannt. (Lacht.) Ich setzte mich direkt ins Flugzeug und spielte bei der Nationalelf sogar von Beginn an.