Wie spielt man eine EM, Per Mertesacker?

»Trainer, ich dachte, Sie vertrauen mir«

Vier Jahre später fuhren Sie unter ganz anderen Voraussetzungen zur Europameisterschaft. Drei Monate fielen Sie wegen einer Knochenabsplitterung im Sprunggelenk aus, kurzzeitig war sogar unklar, ob Sie es überhaupt zur EM schaffen würden. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Ich war mir tatsächlich eine Zeitlang nicht sicher, ob ich es wirklich packen würde. Dann wurde ich rechtzeitig gesund, wurde nominiert und fuhr zur Vorbereitung in der festen Überzeugung, das Turnier als Stammspieler zu bestreiten.

Am 7. Juni 2012 erschien ein Artikel in der »Financial Times«. Überschrift: »Fest im Sattel – Per Mertesacker ist in der DFB-Abwehr gesetzt«. Nur fünf Tage später stand in der »Hamburger Morgenpost«: »Interview mit Per Mertesacker ›Ich helfe jetzt als Wasserträger‹ – der Verteidiger über seine Ausbootung und die neue Reservistenrolle«. Was ist damals in dieser Zeit passiert?

Irgendwann bat mich Jogi Löw zum Gespräch und erklärte mir, dass er mich aufgrund meiner Verletzung und meiner fehlenden Spielpraxis auf der Bank lassen werde. Natürlich war ich zunächst geschockt, fragte: »Ich dachte, Sie vertrauen mir?« Nachts lag ich wach, durch meinen Kopf rasten viele negative Gedanken. Bin ich jetzt ein schlechterer Mensch? Was denken die anderen? Was für Auswirkungen hat das auf meine Karriere? Doch schnell relativierte sich das dann. Ich nahm mir vor, die neue Situation positiv anzugehen.

Und wie schafft man das?
Ich war zwar nicht mehr gesetzt, aber ja noch immer Teil des EM-Kaders. Also erinnerte ich mich daran, wie sich unsere Ersatzspieler bei den vorangegangenen Turnieren verhalten hatten. Wer wie was gemacht hatte. Und ich stellte fest, dass man auch als Reservespieler Einfluss auf den Erfolg haben kann. Dementsprechend suchte ich mir meine Rolle als Zulieferer und Unterstützer von der Bank – natürlich immer vor dem Hintergrund, dass ich darauf brannte, doch eingesetzt zu werden.

Tatsächlich kamen Sie bei diesem Turnier nicht eine Minute zum Einsatz. Wie enttäuscht waren Sie wirklich?
Ehrlich: gar nicht. Ich versuchte stattdessen, meine Erfahrungen zu teilen, viel mit den anderen Jungs zu sprechen, zu motivieren, über Stärken und Schwächen von Gegenspielern aufzuklären. Hansi Flick kam auf mich zu und fragte: »Wie und wo kannst du uns jetzt weiterhelfen?« Eine unglaublich lehrreiche Zeit, ich machte neue Erfahrungen, von denen ich glaube, dass sie mir bis heute im Leben weiterhelfen.

Wir nehmen Ihnen trotzdem nicht ab, dass Sie als Spieler mit 81 Länderspielen nicht doch enttäuscht von dieser neuen Rolle waren.
Die Enttäuschung kam erst beim Ausscheiden im Halbfinale gegen Italien. Hätte ich der Mannschaft nicht doch helfen können? Solche Fragen spukten durch meinen Kopf. Aber nach einem solchen Ausscheiden wird erstmal alles in Frage gestellt. Woran hat es gelegen? Sind wir noch nicht weit genug? Und vor allem: Ist das noch der richtige Trainer? Der damalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach reagierte damals genau richtig: Gleich abends beim Bankett nach dem Halbfinal-Aus stellte er klar: »Jogi bleibt unser Mann!« Eine ziemlich weise Entscheidung, wie heute jeder weiß.



Für unser Fotoshooting als Fußball-Rentner im EM-Spezial trugen Sie ein DFB-Trikot von Benedikt Höwedes – warum?
Weil er ein guter Freund ist. Vielleicht hat uns die EM 2012 erst richtig zusammen wachsen lassen, Benni saß wie ich das komplette Turnier nur auf der Bank. Wir konnten uns gemeinsam dieser Aufgabe stellen, da kommt man sich natürlich näher.

Wie bewerten Sie heute, vier Jahre und eine gewonnenen WM später, das Aus bei der EM 2012?
Im Nachhinein betrachtet war es ein »gutes Ausscheiden«. Es hat unsere letzten Fehler offenbart und alle Beteiligten nur noch hungriger auf einen Titelgewinn gemacht. Der Sieg 2014 ist auch eine Folge der Halbfinal-Niederlage von 2012.

Die aktuelle Mannschaft hat nach dem WM-Sieg einen Umbruch verkraften müssen. Sie, Philipp Lahm und Miroslav Klose traten zurück, auch der Hunger nach einem großen Titel ist gestillt. Nicht unbedingt die idealen Voraussetzungen, oder?
Naja, eine gewisse Beunruhigung hat uns schon immer gut getan. Das war 2006, 2008, 2010 und 2012 auch schon so – und immer hat die Mannschaft die Erwartungen im Vorfeld übertroffen. Das wird auch bei diesem Turnier so sein. Das Team ist sehr stabil, hat viele großartige Spieler und Siegertypen. Der Druck, als Weltmeister bei der Europameisterschaft was zu reißen, ist da. Aber genau das liegt der Nationalmannschaft ja – sich freizuschwimmen, in den entscheidenden Momenten abzuliefern und damit schließlich Erfolg zu haben. Warum sollen wir uns nicht am Vorbild Spanien orientieren? Die holten 2012 auch als Weltmeister den Titel. Ich sage mal: Das können wir auch.

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