Wie spielt man eine EM, Per Mertesacker?

»Ballack hat damals alles absorbiert«

Inwiefern hat das Ihren Aufstieg beschleunigt?
Das brachte mir ein unglaubliches Selbstbewusstsein, was sicherlich entscheidend dafür war, dass ich 2006 so ein gutes Turnier spielte.



Vor der EM 2008 erzählten Sie in einem Interview mit 11FREUNDE davon, wie Klinsmann im Vorfeld des Turniers zu Ihnen sagte: »Per, du bist am längsten dabei. Du musst die Jungs führen!« Da waren Sie erst 23 Jahre alt.
Und trotzdem schon seit vier Jahren Nationalspieler. Außerdem seit zwei Jahren bei Werder Bremen und damit Dauergast in der Champions League. Meine Karriere machte unglaubliche Sprünge nach vorne. Ich war zwar jung, fühlte mich aber wie ein alter Hase auf dem Platz. Auch in der Nationalmannschaft schlüpfte ich eine neue Rolle, war Teil des Mannschaftsrates und spürte plötzlich richtig Verantwortung auf meinen Schultern. Zum Glück hat mir das nie etwas ausgemacht. Wenn es hieß: Per, wir verlangen das und das von dir, dann brachte ich die erwünschten Ergebnisse.

Und mutierten zum Platzhirsch in der DFB-Auswahl?
2006 lastete nicht wirklich Druck auf mir. Da hat Michael Ballack alles absorbiert – und wir Jungen waren sehr dankbar dafür. 2008 war Michael noch immer die unumstrittene Führungsfigur, aber wir konnten ihm jetzt auch Verantwortung abnehmen.

Vor dem Turnier verteilte Klinsmann Bücher an jeden Spieler, die Presse hypte das damals zu einer Art geheimen DFB-Bibel hoch – auch, weil sich alle Akteure weigerten zu verraten, was wirklich drin stand. Jetzt können Sie ja endlich mal Licht ins Dunkle bringen.
Ach, das war viel harmloser, als die meisten vermutlich dachten. Grob gesagt ging es darum, wie sich der Nationaltrainer den idealen Fußball vorstellte. Wie wir auftreten, uns auf dem Platz zeigen wollen. Motivierende Worte. Aber auch so banale Fakten wie Telefonnummern von Betreuern und Ärzten, allgemeine Hinweise zur Grundlagenarbeit – es gab uns einfach ein gutes Gefühl, dass all diese Dinge in verschriftlichter Form zur Verfügung standen. Aber Sie dürfen jetzt nicht denken, dass ich da jeden Abend vor dem schlafen gehen ein paar Kapitel gelesen habe.


»Na, also! Geht doch!« (Bild: Alan Powdrill)

2008 verpassten Sie bei der EM nicht eine Minute – verraten Sie uns, wie intensiv man als Spieler solch ein Turnier wahrnimmt.
Schon die Vorbereitungszeit ist extrem: Wochenlang hockst du mit den gleichen Gesichtern Tag für Tag aufeinander, fühlst dich auch mal zusammen gepfercht. Das Risiko, das schlechte Stimmung entsteht, ist hoch. Wenn sich innerhalb der Gruppe kleinere Grüppchen bilden, die sich voneinander abgrenzen, kann es ganz schnell krachen. Auch wir hatten 2008 kritische Phasen: Nach der holprigen Gruppenphase (erst Ballacks Freistoßtor im letzten Gruppenspiel gegen Österreich brachte Deutschland ins Viertelfinale, d. Red.) krachte es ordentlich im Gebälk. Da trafen viele verschiedene Meinungen aufeinander, die Anspannung war offensichtlich.

Wie haben sie das gelöst?
Indem wir uns ausgesprochen haben. Die Niederlage gegen Kroatien, das Spiel gegen Österreich, unsere Spielweise, alles – nur mit einer offenen und ehrlichen Diskussion kann man dann verhindern, das wirklich schlechte Stimmung aufkommt. Das haben wir damals geschafft – mit Erfolg.

Über die Erfolge gegen Portugal im Viertelfinale und die Türkei im Halbfinale zog die DFB-Auswahl ins Endspiel ein.
Gerade das Türkei-Spiel hatte alles, was zu so einem Turnierspiel dazu gehört: Wir spielten nicht wirklich gut, zeitweise waren die Türken besser – aber wir kamen immer zurück, setzten immer noch einen drauf, wenn es schon niemand mehr für möglich hielt. Schweinis 1:1 kurz nach dem Führungstreffer durch Boral, die Führung durch Miro Klose (79. Minute, d. Red.) und natürlich der Siegtreffer von Philipp Lahm. Und genau wegen solcher Spiele wird die deutsche Nationalmannschaft als Turniermannschaft bezeichnet. Nur schade, dass Spanien damals noch eine Nummer zu groß für uns war.