Wie sich die Sprache der Fußballreporter verändert

»Elf Sekunden Ruhe«

Prof. Dr. Friederike Kern untersucht die Sprache von Fußballreportern im Radio. Ein Gespräch über den Unterschied zwischen Ost- und West, Rhythmik, Melodie und die Stille nach Weltmeistertoren. 

imago

Prof. Dr. Friederike Kern, wodurch zeichnet sich eine gute Fußball-Livereportage im Radio aus?

Die Stimme muss lebhaft eingesetzt werden. Sie erzeugt die Dramatik und vermittelt die Spannung von dem, was sich auf dem Fußballplatz abspielt. Was gesagt wird, ist oft gar nicht so wichtig. Es kommt eher auf das Wie an. Die Radioreportage ist eine ganz besondere Gattung. Wenn man das Radio anmacht und es läuft eine Fußballreportage, braucht man gar nicht zuhören und versteht trotzdem, dass es sich um eine solche handelt.

Woran liegt das?

An dieser bestimmten Art des Sprechens. Die Sportreportage hat eine ganz eigene Prosodie, also eine eigene Rhythmik, Akzentuierung, Melodie und Geschwindigkeit. Besonders deutlich wird das, wenn etwas Spannendes passiert.

Wie verändert sich dann die Sprache?

Wenn die Reporter eine normale Spielsituation beschreiben, sprechen sie in einer mittleren Tonlage. Technisch ausgedrückt, sind das um die 150 Hz. Sobald sie Spannung vermitteln wollen, geht die Stimme stückweise immer etwas höher. Der Höhepunkt ist dann bei ca. 450 Hz. Das sind Frequenzen, in denen eigentlich Kinderstimmen unterwegs sind. Wenn das Spiel schnell nach vorne geht, ein Angriff schnell zu Ende gespielt wird, kann diese Steigerung innerhalb von wenigen Sekunden passieren. So wird die Spannung an den Zuhörer weitergegeben. Das war 2010 so, 1954 und auch 1930.

Die Sprache der Reporter hat sich in so einem langen Zeitraum also nicht verändert.

Meine Kollegen und mich hat das Ergebnis sehr überrascht, vieles hat sich über die Jahre hinweg kaum verändert. Aber natürlich gibt es auch Dinge, die heute komplett anders sind.

Zum Beispiel?

Die Sprechgeschwindigkeit. Früher wurden viel mehr Pausen gemacht. Das findet man heutzutage gar nicht mehr, die Reporter reden eigentlich ohne Punkt und Komma. Wenn wir uns die berühmte Weltmeisterschaftsreportage von 1954 anhören...

»Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, Rahn schießt...«

Genau. Das Interessante ist, dass nach dem Torruf eine Pause ist, wo einfach gar nichts passiert. Wir sind auf dem Höhepunkt der Spannung. Dann kommt der Torruf und man hört nur noch das Stadion. Da hört man die Zuschauer, den Lärm, die Atmosphäre und das reicht. Noch deutlicher wird das bei dem WM-Tor von Gerd Müller 1974, da dauerte die Pause elf Sekunden.

Und das ist heute nicht mehr so?

Nein, Das gibt es gar nicht mehr. Heute wird nach dem Tor einfach weiter geredet. Und was sich noch geändert hat, ist der Satzbau. Die Sätze heute sind viel komplexer und länger. Früher sprachen die Reporter vor allen Dingen im Telegrammstil.

Sie hatten auch die Unterschiede bei den Weltmeistertoren 1954 und 1974 die Unterschiede zwischen westdeutschen und ostdeutschen Kommentatoren untersucht.

Wir hatten die Vermutung, dass es da große Unterschiede geben würde, weil der eine ja die Siegermannschaft »seines Landes« kommentierte, der andere nicht. Die Unterschiede waren überraschenderweise sehr gering. Offensichtlich haben beide Kommentatoren die Nationalmannschaft als ihre Landesmannschaft angesehen. Das ist ein Indiz dafür, dass die emotionale Trennung zwischen den beiden Deutschlands doch nicht so groß war, wie man es angenommen hat.