Wie hält man die Klasse, Mike Hanke?

»Aus Abstiegskämpfen gewinnst du eine Menge Selbstvertrauen«

Wie kann sich eine Mannschaft nach vielen Rückschlägen in kurzer Zeit motivieren?
Wichtig ist natürlich immer die Unterstützung der Fans. Das war in Wolfsburg nur bedingt gegeben. Beim Verein und der Region herrschten weniger Tradition und Emotion. Wenn man in dieser Saison sieht, dass Partien in der Champions League nicht ausverkauft sind, ist das schon eine Frechheit. Da wurden Schulklassen eingeladen, damit dann auch was los ist.

Stuttgart und Bremen setzten in der Spielvorbereitung auf Trainingslager. Was halten Sie von besonderen Methoden in der heißen Phase der Saison?
Wenn Unruhe im Verein herrscht, was bei beiden Clubs nach Medienberichten der Fall war, halte ich das durchaus für sinnvoll. Der Druck im Abstiegskampf ist schon immens. In Hannover haben wir nach dem Tod von Robert Enke 2009 mannschaftsintern entschieden, Unterstützung durch einen Psychologen zu bekommen. Natürlich wollten wir auch für Robert spielen. Er wollte sicher nicht, dass wir am Ende absteigen. Der Gedanke hat uns enorm gepusht, nachdem wir zwei, drei Spiele zuvor gedanklich nicht wirklich auf dem Platz waren. Das half uns letztlich sehr und schweißte im Abstiegskampf zusammen.

Sie mit zwei Treffern in den letzten zwei Spielen entscheidenden Anteil am Klassenerhalt, wurden in den Wochen zuvor aber medial sehr kritisiert. War das eine Genugtuung für Sie?
Natürlich war ich schon ein bisschen angeknackst, habe über ein Jahr kein Tor erzielt. Ich hatte eine harte Zeit und wurde im eigenen Stadion ausgepfiffen. Das war schlimm. Aber Genugtuung? Würde ich nicht sagen. Ich versuchte in jedem Spiel meine Leistung zu bringen. Die Außenstehenden haben mich immer auf meine Ablösesumme reduziert, weil ich der teuerste Einkauf in Hannovers Geschichte war (4,5 Mio. €, d. Red.). Aber das durfte ich nicht an mich ranlassen - mit Erfolg.

Im Januar 2011 wechselten Sie zu Borussia Mönchengladbach. Die Mannschaft stand mit sieben Punkten Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz abgeschlagen am Tabellenende. Dennoch versprachen Sie: »Mit mir steigt Gladbach nicht ab.« Woher kam der Optimismus?
Ich hatte die gleiche Situation schon mit anderen Vereinen. Und aus erfolgreichen Abstiegskämpfen gewinnst du eine Menge Selbstbewusstsein.

In der damaligen Mannschaft liefen Sie neben Spielern wie Marco Reus, Marc-André ter Stegen, Roman Neustädter oder Tony Jantschke auf. Wie konnte eine so talentierte Mannschaft so weit untern reinrutschen?
Ich glaube jede Mannschaft braucht drei, vier Leader, die auch in schlechten Phasen die Mannschaft anführen. Die auch mal lauter werden in der Kabine. Da gab es vielleicht einen mit Filip Daems. Neben mir kam im Winter noch Martin Stranzl als erfahrener Mann. Nach einer Zeit der Eingewöhnung haben wir dann auch mal ein paar Takte in der Kabine gesagt und sind vorweg marschiert. Die Jungs, die in der Hinrunde gespielt haben, kannten die Situation nicht und buddelten sich immer tiefer ins Loch. Nichticht nur der Trainer, sondern auch Teile der Mannschaft sind dafür verantwortlich, die Spieler wieder aufzubauen.

Wie schnell ist man nach dem langen Kampf in der Bundesliga bereit für zwei weitere Partien in der Relegation?
Schon das wir die Relegation erreichten, nachdem wir bis zum 30. Spieltag Tabellenletzter waren, war eine Sensation. Wir freuten uns also auf die zwei Spiele und waren hochmotiviert. Und so muss man in die Relegation gehen.

Im Hinspiel gegen Bochum fiel das 1:0 nach dem Ablauf der Nachspielzeit. War das ein Zeichen des Willens oder einfaches Glück?
Auf jeden Fall der Wille. Wir haben ja nicht auf die Uhr geschaut. Der Treffer entstand aus einem Einwurf und keiner hektischen Situation. Ich stand im Strafraum. Der Ball fliegt zu mir, ich muss ihn kurz vor dem Tor nur noch einschieben. Mich ärgert noch immer, dass ich das Tor nicht gemacht habe. Dann hat Igor de Camargo ihn doch noch versenkt, das war schon sehr emotional.

Youngster Marco Reus verletzte sich im Hinspiel. Für das Rückspiel war er lange fraglich, stand dann aber überraschend doch in der Startelf und erzielte sogar den entscheidenden Ausgleichstreffer zum 1:1, der Gladbach schließlich die Klasse sicherte.
Er hatte richtig Bock auf das Rückspiel. Ich weiß nicht ob er im normalen Spiel gespielt hätte, aber das Spiel wollte er nicht verpassen. Mit dem Willen war er natürlich ein Vorbild für die Mannschaft. Und mit so einer Einstellung bleibt man in der Bundesliga.