Wie funktioniert Ihr Powerfußball, Roger Schmidt?

»Mehr Leidenschaft geht nicht«

Beim Dribbling geht Ihr Team aber durchaus ins Risiko, in der Bundesliga dribbeln nur die Bayern häufiger.
Aber unsere Dribblings finden meistens in der gegnerischen Hälfte statt, im torgefährlichen Bereich auf den letzten 30 Metern. Da muss ich insbesondere bei Gegnern, die viele Beine hinterm Ball haben, irgendwann Kettenreaktionen erzeugen. Dazu gibt es unterschiedliche Möglichkeiten: ein gutes Vertikalspiel, mit dem ich mal ein paar Linien überspiele, flexible Kombinationen oder eben ein gewonnenes Dribbling.

Sie lassen für ein Spitzenteam ungewöhnlich viele lange Bällen spielen, während einige ihrer Trainerkollegen das ausdrücklich verbieten, weil es dabei nur eine 50:50-Chance gibt, den Ball zu behalten. Was würden Sie denen erwidern?
Für mich ist der lange Ball eine gute Form der Spielentwicklung, insbesondere wenn der Gegner früh attackiert. Ich will schließlich in den torgefährlichen Raum vor die gegnerische Viererkette kommen oder nach Möglichkeit sogar dahinter. Das kann ich durch viele kurze Pässe vorbereiten. Aber auch durch tiefe lange Bälle oder wenn wir auf den zweiten Ball gehen, sind wir mit relativ wenig Risiko schon da. Und wir versuchen aus dem 50:50 ein 70:30 zu machen. Das ist eine Option, die wir sehr gut beherrschen.

Keine Mannschaft in der Bundesliga bestreitet so viele Zweikämpfe wie Bayer Leverkusen. Ist Fußball für Sie ein Kampfsport?
Fußball ist manchmal ein ästhetischer Sport, elegant und geschmeidig, aber es muss auch rappeln.

Damit in Leverkusen endlich die berühmte »Komfortzone« geschlossen wird, die Ihr Vorvorgänger Bruno Labbadia ausgemacht hatte?
Die ist für mich eine Legende. Wenn ich daran denke, wie sich die Mannschaft gegen Atlético Madrid präsentiert hat, kann von Komfortzone keine Rede sein. Atlético steht wie keine Mannschaft in Europa für die Mentalität, alles zu geben, um mit allen Mitteln ein Spiel zu gewinnen. Gegen die will niemand spielen, weil sie quasi nur lange Bälle spielen und auf Standards und zweite Bälle setzen. Damit rauben sie fast jedem Gegner den Nerv, aber wir haben in Leverkusen ein sehr gutes Spiel gemacht, vielleicht sogar zu niedrig gewonnen und sind im Rückspiel am Ende möglicherweise Opfer unserer Unerfahrenheit geworden. Aber: Mehr Leidenschaft, als wir gegen sie gezeigt haben, das geht nicht.

Seit März hat Ihre Mannschaft kaum noch Gegentore kassiert, haben Sie die Spielweise still und heimlich modifiziert?
Man muss sie immer optimieren, das hört nie auf. Entscheidend ist aber, dass die Abstimmung einfach besser geworden ist, und wir jetzt so über 90 Minuten spielen können. Vorher hat sich der eine oder andere manchmal noch gedanklich ausgeklinkt, und dann entstanden Räume für den Gegner. Außerdem bekommen wir einen besseren Rhythmus im Spiel hin. Wir filtern im Ball besitz die Situationen heraus, in denen wir erkennen: Der Topball ist jetzt nicht möglich, also machen wir was Neues, ohne dabei einzuschlafen.

Oft sieht es aber sehr hektisch aus.
Unsere Spiele sehen für alle, die das nicht gewohnt sind, manchmal hektisch und nervös aus. Dann sollten Sie sich besser erst gar nicht unser Training angucken. Da spielen beide Mannschaften so und es kommt eine ungeheure Aktionsdichte und ein hoher räumlicher wie zeitlicher Druck zustande. Für die Spieler ist das eine super Schule.

Im Grunde fordern Sie jedes Mal »Vollgasfußball«, ohne das so zu nennen. Aber nicht in jedem Spiel kann man nur Gas geben, und nicht jede Partie ist ein Saisonhöhepunkt. Wie findet man das richtige Maß?
Wir haben das schon ganz gut gemacht, es war schließlich die erste Saison unter diesen Vorgaben und für einige Spieler auch die erste internationale Saison. Aber es stimmt schon: Ein Trainer muss erkennen, was möglich ist und was nicht. Natürlich wünscht man sich immer 100 Prozent von seiner Mannschaft, aber das ist natürlich nicht möglich, weil das auch eine mentale Anstrengung ist und nicht nur die physische.

Muss man für Ihre Spielweise eigentlich mehr laufen?
Eher: mehr sprinten. Ich kenne nur die Statistik nach der Hinrunde, da sind wir in der Bundesliga pro Minute Nettospielzeit am meisten gelaufen und gesprintet. Dafür jedoch war unsere Nettospielzeit deutlich niedriger als etwa die beim FC Bayern, weil bei uns das Spiel häufiger unterbrochen und der Ball im Aus ist.

Ihre Mannschaft muss viel sprinten, dauernd Zweikämpfe bestreiten und muss ständig konzentriert sein. Ist es für einen Fußballprofi eigentlich karriereverkürzend, so intensiv zu spielen?
Nein, so gewaltig ist der Unterschied nicht. Aber die Regeneration und der Lebenswandel müssen natürlich perfekt sein. Und man muss die Spieler athletisch auf höchstes Niveau entwickeln.

Für die Fitness spricht, dass Leverkusen trotz Dreifachbelastung viel weniger Ausfälle durch Verletzungen hatte als Bayern München, Borussia Dortmund und Schalke 04. Liegt es am richtigen Training? Hat es damit zu tun, dass die Mannschaft relativ jung ist, oder hatten Sie einfach Glück?
Zu den anderen Klubs kann ich nichts sagen. Aber wir versuchen, die Spieler sehr gewissenhaft in eine gute gesamtkörperliche Verfassung zu bringen, denn ein Körper ist letztlich immer nur so stark wie der schwächste Muskel.

Ihre erste Saison in Leverkusen war mit dem Erreichen eines Champions-League-Platzes, dem Viertelfinale im DFB-Pokal und Achtelfinale in der Champions League sehr erfolgreich. Haben Sie die Sorge, dass Ihre Spielweise in der kommenden Saison entschlüsselt ist?
Nein. Wie wir spielen, ist sowieso leicht zu entschlüsseln. Aber unserer Spielweise kann man sich trotzdem nur schwer entziehen.