Wie funktioniert Ihr Powerfußball, Roger Schmidt?

»Wir haben es auf die Spitze getrieben«

War es schwer, der Mannschaft eine derart radikal andere Spielweise zu verpassen, Sie hatten es schließlich nicht mit Berufsanfängern zu tun?
Ich musste sie natürlich davon überzeugen, dass wir so erfolgreich sein können.

Dann dürften die ersten neun Sekunden dieser Saison mit dem Rekordtor von Karim Bellarabi in Dortmund das Beste gewesen sein, was Ihnen passieren konnte?
Selbst wenn ich es mir hätte erträumen können, wäre ich darauf nicht gekommen, das war fast schon zu gut. Aber eigentlich ging es bereits nach nur einer Trainingswoche beim Testspiel in Jena los. Wir hatten besprochen, dass wir einen Anstoß machen, der zu unserem Spiel passt, also gleich von Beginn an entschlossen und klar nach vorne. Der Gegner sollte sofort merken: »Achtung, hier ist was anders.« Und dann hat Julian Brandt gleich nach 20 Sekunden ein unglaubliches Tor durch einen Seitfallzieher gemacht.

Müssen die Sechser im defensiven Mittelfeld eigentlich noch mehr schuften als vorher?
Nein, für sie ändert sich am wenigsten, aber wir ziehen alle anderen Positionen auf deren Niveau. Jetzt müssen alle genauso viel machen wie früher nur die Sechser.

Wie schwer ist es, einen verdienten Mittelstürmer wie Stefan Kießling zu vermitteln, dass er sich im Spiel aufreiben muss und weniger Tore schießt?
Aber er hat doch vorher schon vorne geackert, nur öfter alleine und eher intuitiv. Eigentlich müssten durch unsere Spielweise für ihn mehr Tore rauskommen, und das wird hoffentlich auch noch passieren. Aber von uns bekommt er die komplette Wertschätzung, zumal unsere Zehner wie Bellarabi und Son von seiner Arbeit stark profitieren und viele Tore schießen.

Woher kommt eigentlich die Idee dazu, so spielen zu lassen, wie Sie das tun?
Wir haben bereits in Paderborn versucht, mutig zu spielen, selbst in der Dritten Liga in Münster und der vierten in Delbrück haben wir offensiven, aktiven Fußball als Ziel gehabt. Aber die zwei Jahre in Salzburg und der Austausch mit Ralf Rangnick, für den das Spiel gegen den Ball schon lange ein wichtiger Schwerpunkt ist, haben mich noch mal deutlich weitergebracht. Wir haben es da wirklich auf die Spitze getrieben.

Was heißt das?
Der Ansatz bei gegnerischem Ballbesitz ist nicht mehr: Wir müssen hinten sicher stehen und versuchen, vorne den Ball zu erobern. Ich habe mir irgendwann die Frage gestellt: Wie viele Spieler brauche ich vorne, um mit einer hohen Wahrscheinlichkeit den Ball zu erobern? Erst dann schaue ich, wie ich das hinten mit dem Rest geregelt bekomme. Die österreichische Liga war perfekt, das zu entwickeln, weil nicht alle Fehler sofort bestraft worden sind. Im zweiten Jahr hat es dann auch international funktioniert, wir haben zehn Spiele in der Europa League hintereinander gewonnen.

Besonders spektakulär war im Februar 2014 der 3:0-Sieg bei Ajax Amsterdam, die aus der Champions League kamen und von Ihrer Mannschaft einfach überrannt wurden.
Ja, das war ein Meilenstein, zumal wir das Rückspiel fast auf gleiche Weise mit 3:1 gewonnen haben.

War Ajax damals nicht klar, was sie erwartet?
Auf uns kann man sich eigentlich sehr gut vorbereiten, aber es fühlt sich auf dem Platz anders an, als es im Video aussieht. Man unterschätzt, wie intensiv es werden kann und wie schnell für unsere Gegner auf dem Platz die Optionen weg sind. Außerdem trafen zwei Welten aufeinander: unser extremes Spiel gegen den Ball und Ajax Amsterdam mit Ballbesitzfußball der holländischen Schule.

Das war bei Ihrem 3:0-Sieg über Bayern in einem Testspiel ähnlich, und Pep Guardiola sagte anschließend: »Ich habe noch nie eine Mannschaft erlebt, die mit so einer hohen Intensität gespielt hat wie Salzburg.«
Das Spiel hat uns damals sehr viel Mut gegeben.

Ist Ballbesitzfußball schwieriger als das Spiel gegen den Ball?
Schwer zu sagen, aber wer den Schwerpunkt im Ballbesitz hat und außergewöhnlich erfolgreich sein will, braucht auch außergewöhnlich gute Spieler auf dem Niveau, wie sie die Bayern haben, Barcelona oder Real Madrid. Allerdings gibt es sowieso selten die reine Lehre, sondern meistens Mischformen. Unter Guardiola wurde beim FC Barcelona reiner Ballbesitzfußball um dieses fantastische Gegenpressing erweitert. Und das frühe Attackieren des Gegners ist nur ein Teil unseres Spiels, das wir häufig gar nicht einsetzen können, weil die Gegner das Spiel gezielt mit langen Bällen eröffnen. Folglich kommen wir weniger in die Pressingsituationen und müssen andere Schwerpunkte setzen.

Kommt Ihre Spielidee dann an Grenzen?
Nein, das Spiel gegen den Ball bleibt die Basis auch fürs Spiel mit Ball. Es sind viele Spieler in Ballnähe und dadurch gibt es nach Balleroberung viele Möglichkeiten für schnelle Kombinationen.

Meistens geht es dann sofort nach vorne, ist bei Ihnen der Querpass verboten?
Nein, aber er ist gefährlich. Im falschen Moment gespielt, kann er abgefangen werden und damit viele unserer Spieler aus dem Spiel nehmen, weil sie vor dem Ball sind.