Wie ein LGBT-Aktivist die WM in Russland erlebt

»Prinzipiell sind alle Orte gefährlich«

Was erhoffen Sie sich von der WM?
Mehr Sichtbarkeit. Wir sind gut vernetzt mit internationalen Organisationen für LGBT-Sportfans und - Sportler, fahren zu Veranstaltungen wie den Gay Games 2010 in Köln. Wir freuen uns darauf, sie zur WM hier zu sehen und würden uns sehr wünschen, wenn Thomas Hitzlsperger noch einmal kommen könnte, wenn wir unser Fußballfest feiern. Er war schon im Mai hier und zeigte großes Interesse an unserer Initiative. Ich würde mir allerdings mehr Konsequenz von den Organisatoren und von der Fifa wünschen. Ich verstehe nicht, wie sie Grosny als Stützpunkt für die WM-Teams wählen konnten.

Sie spielen auf die Verschleppung von mehr als 100 mutmaßlich Homosexuellen und die Ermordung von drei Festgenommenen in Tschetschenien an?
Genau. Russland ist ein riesiges Land, in dem die Einstellung gegenüber LGBTQ stark variiert. Im muslimisch geprägten Tschetschenien ist die Repression schlimm, internationale Fans, die dort ihr Team unterstützen wollen, müssen vorsichtig sein. Außerdem sendet die Nominierung als Unterkunftsort ein Signal. Die Fifa sollte so etwas wissen und sich deutlich positionieren. Das gilt auch für die Bewerbung von Marokko für die WM 2026 - ein Land, das Homosexualität kriminalisiert.

Ist Russland also doch nicht so sicher, wie Sie vorhin sagten?
Es ist sicher, wenn man weiß, wie man sich zu verhalten hat. Prinzipiell sind alle Orte gefährlich, sogar Moskau und St. Petersburg. Als queerer Mensch in Russland baut man enge Freundeskreise um sich herum auf, man überlegt zwei Mal, wem man sich anvertraut. Denn auch wenn ausländische queere Fans hier kein Problem haben werden, weil die Regierung daran interessiert ist, eine makellose Oberfläche und straffe Sicherheitsvorkehrungen zu zeigen: Die Stimmung ist feindselig. Ein berühmter Werbespot gegen die liberale Kandidatin Xenia Sobchak zeigt einen Mann, der nicht wählen gehen will. Er wacht auf, vor der Tür stehen zwei Soldaten, einer davon schwarz, und verkünden, dass er zum Militär eingezogen werde. In der Küche sitzt ein tuntig aufgemachter Mann und informiert ihn, dass ein Gesetz ihn verpflichte, Schwule und Lesben bei sich aufzunehmen. Derselbe schwule Mann liegt danach bei ihm im Bett. Die Botschaft: Ein Schwuler in deinem Haus ist das absolute Horrorszenario und wenn du gar nicht oder liberal wählst, übernehmen sie dein Haus und belästigen dich sexuell. So denkt die russische Gesellschaft.