Wie die Chefdesigner von Adidas das DFB-Trikot entwarfen

Farbe? Das Trikot war völlig überladen!

Wieso ist das so? 
Jürgen Rank: Weil wir ja etwas Neues bringen wollen. Das soll ja schocken. Schauen wir uns das 2014er-Trikot an. Wir haben einen Riesenshitstorm geerntet. Viel zu rot, die weißen Hosen und sowieso. Aber wenn du dir nichts zutraust, kannst du auch nichts Neues schaffen.

Lassen Sie uns noch einmal zurückgehen. Auf dem weißen Blatt Papier starten. Warum fährt Adidas zurzeit auf dieser Nostalgieschiene?  
Jürgen Rank: Stimmt schon, die Reminiszenzen sind auch in der Bundesliga erkennbar. Für uns war wichtig: Die Weltmeisterschaft soll ein Adidas-Turnier sein. Wir wollen zeigen, dass wir dem Fußball seit jeher verbunden sind. Und deshalb haben wir die legendären Trikots genommen und in die neue Welt gebracht. 

Wieso fiel die Wahl für Deutschland auf dieses Trikot? 
Jürgen Rank: Wenn ich mit Shirtsammlern gesprochen habe, dann haben alle dieses Trikot genannt. Bisher kannte ja auch keiner die Geschichten dahinter. 
Ina Franzmann: Stimmt, wir haben uns gestern zum ersten Mal kennengelernt.
Jürgen Rank: Der Erfolg dieses Designs ist erstaunlich. Später haben die Boca Juniors, natürlich in anderen Farben, darin gespielt. Viele britische Teams haben es gewählt. Und nebenbei war es 1990 auch die erste WM, zu der ich als Fan gereist bin. 


Ein dicker Hauch von Weltmeisterschaft: der Schuh, den Andy Brehme 1990 im Finale trug.

Im 1990er-Trikot zeigte der Trend, die Form der Flagge, nach oben. 
Ina Franzmann: Genau, der symbolische Aufwärtstrend kam damals sehr gut an. 

Diesmal ist ein Knick zu sehen. Ist das die EM 2000? 
Jürgen Rank (lacht): Wir haben das Trikot quasi gespiegelt. Was aber auch an den peniblen Bestimmungen der Fifa liegt, ansonsten hätten wir die Nummern nicht in der geforderten Größe und die Wappen nicht an der richtigen Position anbringen können.  Christian Binger: Es war uns aber schon extrem wichtig, die Kurve oben enden zu lassen. Wir haben ganz schön geschwitzt, ehe das Trikot dann genehmigt wurde. 

Die ersten Reaktionen zeigen: viele wünschen sich die Farben zurück. 
Jürgen Rank: Wir haben es ausprobiert - und es war völlig überladen. Nummern, Wappen, die Logos an den Seiten, das goldene Logo des Weltmeisters und dann auch noch das Datum des jeweiligen Spiels. Da haben wir uns ganz bewusst für den dezenteren Look entschieden. Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass wir damit richtig liegen. 
Christian Binger: Die Veränderungen liegen wirklich im Detail. Da haben wir uns zentimeterweise angenähert. 
Jürgen Rank: Das sieht man zum Beispiel daran, dass aus den Rauten zwischen den Linien nun Quadrate geworden sind. Übrigens: Großen Respekt an dich, Ina. Das alles mit der Hand zu zeichnen - heute unvorstellbar. 

Gab es eigentlich schon Auftraggeber, die bei der Vorstellung eines Entwurfs völlig verdattert waren? 
Jürgen Rank: Nein, dafür wird heute alles zu oft kommuniziert. Auch wenn wir eigentlich freie Hand haben, gibt es keine Überraschungen mehr. 
Ina Franzmann: Das war bei uns noch anders. Wir haben uns nicht abgesichert, manchmal auch einfach drauflos gemalt. Am Ende wurden die besten Entwürfe ausgesucht und dem DFB präsentiert. Aber gut, da war Adidas natürlich auch noch ein überschaubares Familienunternehmen. Und für unsere Inspirationen sind wir eben viel gereist.  

Wer war für Sie stilprägend?
Ina Franzmann: Zu der Zeit war Neville Brody, ein Grafikdesigner und Typograf, sehr prägend. Den fand’ ich klasse! Aber in den 80er-Jahren war ja auch Tennis medial sehr wirksam. Ivan Lendl, Stefan Edberg, Steffi Graf. Das waren Sportler, die Sport mit Street-Art verbanden. 

Steffi Graf ist also für das heutige Nationalmannschaftstrikot verantwortlich? 
Ina Franzmann: Mittlerweile hat sich das ja total gedreht. Aber klar, seitdem haben Fußballtrikots zum Beispiel eine ganz andere Brustbetonung. Und Farbe!
Jürgen Rank: Bei den Torhütertrikots wurde es oft ganz wild. 
Ina Franzmann: Für die Torhüter durften wir uns austoben. Da war viel kreative Kraft gefordert. 

Wenn Sie ein Trikot Ihrer Wahl neu designen dürften, welches wäre es? 
Christian Binger: Sei ehrlich, Jürgen… 
Jürgen Rank: SpVgg Bayreuth. Das ist mein Heimatverein, aber ich hatte noch nie die Gelegenheit. Da würde ich echt ’was raushauen. 

Und eine Weltmeisterschaft mit völlig irrsinnigen Trikots? 
Christian Binger: Naja, meine Empfehlung wäre: wartet auf das Auswärtstrikot.