Wie die Chefdesigner von Adidas das DFB-Trikot entwarfen

»Es gibt 80 Millionen Bundesdesigner«

Gestern veröffentlichte Adidas das DFB-Trikot für die Weltmeisterschaft 2018. Es ist eine Hommage an den WM-Triumph von 1990. Wir trafen uns mit den Machern.

Tobias Ahrens

Ein Nachmittag auf dem Adidas-Campus in Herzogenaurach. Wir treffen uns mit Jürgen Rank, Chefdesigner von Adidas, und Christian Binger, als Design Director verantwortlich für die Grundlage jedes Trikots. Beim Stöbern im Archiv des Unternehmens, zwischen Fußballschuhen von Andy Brehme und originalen Bällen der WM-Finals, stößt Ina Franzmann zu uns, die vor 30 Jahren das erste farbige WM-Trikot für Deutschland und Adidas entwarf.

Ina Franzmann, Sie waren für das Design des Nationalmannschaftstrikots zur WM 1990 verantwortlich. Wie ist es dazu gekommen?
Ina Franzmann: Wir waren damals ein ganz kleines Team, vier Leute, die auch für Tennis und so verantwortlich waren. Was viele aber vergessen: das Trikot ist gar nicht zur WM 1990 entstanden. 

Sondern? 
Ina Franzmann: Zur Europameisterschaft 1988. Bis dahin waren alle Trikots der Nationalmannschaft klassisch Schwarz und Weiß. Keine Designelemente. Das neuartige Trikot wurde hervorragend aufgenommen. Und als wir zwei Jahre später über eine Neuauflage nachdachten, setzte sich Franz Beckenbauer persönlich dafür ein, dass wir beim vertrauten, farbigen Muster bleiben. 

1988 hatten Sie aber mit einem weißen Blatt Papier begonnen? 
Ina Franzmann: Genau. Horst Dassler (ehemaliger Firmenleiter von Adidas, d. Red.) hatte sich für farbige Designelemente eingesetzt und uns aufgetragen, Muster mit der Landesflagge auszuprobieren. Am Ende lagen 40-50 Handzeichnungen auf dem Boden, dann wurde ausgesucht. 

Und 30 Jahre später ist Ihnen, Jürgen Rank, dann einfach nichts besseres eingefallen? 
Jürgen Rank (lacht): Ja, wir haben einfach kopiert und Urlaub gemacht. Nein, jetzt ist unser Motto »from Authenticity to Progression«. Damit wenden wir uns wieder ein wenig vom Straßenfußballstil der vergangenen Jahre ab, wollen aber weiterhin, dass unsere Trikots in der Freizeit tragbar sind. Authentizität ist unser Zauberwort. 

Warum hat sich Ihr Team ausgerechnet für das 90er-Jahre-Trikot entschieden? 
Jürgen Rank: Das Design von 1988/-90 war eine Sensation. Wer sich den historischen Vergleich ansieht, blickt auf Schwarz und Weiß. Und dann kamen Ina und ihr Team - das war Wahnsinn. Und daran messen wir uns. 
Ina Franzmann: Es ist eine tolle Fortführung. Man erkennt Ursprung und Zeitgeist. 


Was macht ein Trikot zur Legende? Ina Franzmann (Mitte) erklärt es Jürgen Rank (links) und Christian Binger. 

Aber ist der Erfolg eines Trikots, dass sich Leute noch über Jahre daran erinnern, nicht immer vom sportlichen Erfolg abhängig?
Jürgen Rank: Ja stimmt, wenn wir uns das Trikot von 1994er-Trikot anschauen, den wir hier liebevoll »den Poncho« nennen, dann war das nicht ganz so erfolgreich. Mit dem Away-Trikot für die EM 2016 hatte die Nationalmannschaft nicht so viel Erfolg, und trotzdem hat sich dieses Wendetrikot toll verkauft. Das beliebteste Trikot in Russland ist das für die WM 2010 - da hatte sich die Sbornaja nicht einmal qualifiziert. 
Christian Binger: Ich glaube, die Reaktionen fielen bei euch auch nicht nur positiv aus, oder Ina? 
Ina Franzmann: Ja, das wurde sehr kritisch gesehen. Es war ja das erste Mal, dass die Flagge so im Vordergrund stand, das löste in Deutschland Erinnerungen an die Vergangenheit aus. Nicht auszudenken, hätte es damals schon das Internet gegeben. 

Heute gibt es ja das Internet. 
Jürgen Rank: Die negativen Kommentare haben extrem zugenommen. 
Christian Binger: … seit 2014 …
Jürgen Rank: Seitdem ist es brutalst. 

Wie gehen Sie damit um? 
Jürgen Rank: Du liest dir die längeren Passagen nochmal durch, die interessant sind. Es gibt 80 Millionen Bundestrainer in Deutschland. Und genauso viele Bundesdesigner (lacht). Die Rezeption ist immer ein Verlauf: im ersten Moment sind alle geschockt. Dann sehen sie es auf dem Platz. Und spätestens nach dem zweiten Spiel sind eigentlich alle begeistert.