Wie die afghanische Frauennationalelf entstand

»Sie bewarfen uns mit Steinen«

Khalida Popal erhielt Morddrohungen und erlebte Bombenanschläge. Warum? Weil sie Fußball spielte in einem Land, in dem der Sport verpönt ist.

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Khalida Popal, Sie waren die erste Spielführerin der afghanischen Frauennationalmannschaft. Unter welchen Umständen haben Sie angefangen, Fußball zu spielen?
Das erste Mal habe ich im Jahr 2004 in Kabul zusammen mit ein paar Freundinnen nach der Schule gekickt. Zu der Zeit war die afghanische Gesellschaft allerdings noch nicht daran gewöhnt, dass Frauen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Deswegen haben wir hinter der Schulhofmauer gespielt, um kein Aufsehen zu erregen.

Die Taliban hatten drei Jahre zuvor die Macht verloren. Unter ihnen wurden Stadien nicht für Fußball genutzt, sondern um Menschen hinzurichten. Vor wem mussten Sie sich danach noch verstecken?
Es gab noch genügend konservative Gruppen aus jedem gesellschaftlichen Milieu, die ein patriarchales System beibehalten wollten. Als Mädchen wurde ich bereits auf dem Weg zur Schule belästigt und darauf hingewiesen, dass Bildung für mich überflüssig sei. Wie in vielen anderen Ländern wurde der Fußball als Männersport betrachtet. Selbst für die meisten Frauen war es undenkbar, dass Frauen Sport ausüben, besonders in der Öffentlichkeit.

Blieben Ihre fußballerischen Aktivitäten unentdeckt?
Wer Fußball spielt, weiß, dass man nicht völlig emotionslos spielen kann. Obwohl wir um Zurückhaltung bemüht waren, konnten wir manchen Torjubel nicht verhindern. Relativ häufig sprangen Männer über die Mauer, beschimpften uns und klauten unsere Schulbücher. Manche bewarfen uns sogar mit Steinen.

Hatten Sie keine Angst vor weiteren Konsequenzen?
Mich hat es eher bestärkt, den Fußball weiter auszuüben. Allerdings haben sich meine Spielmotive geändert. Während zunächst der Spaß im Vordergrund stand, ging es mir ab einem gewissen Zeitpunkt um Grundsätzliches. Der Fußball wurde für mein Team und mich ein Werkzeug im Kampf für Gleichheit in der afghanischen Gesellschaft. Warum sollten Frauen keinen Sport ausüben dürfen?

Sie waren damals 16 Jahre alt. Welche Mittel standen Ihnen zur Verfügung?
Mein Team und ich haben andere Schulen in Kabul aufgesucht, um uns mit mehr Mädchen zu vernetzen. Nach und nach haben wir so viele Mädchen rekrutiert, dass wir beim afghanischen Fußballbund acht Mannschaften registrieren konnten. Keramuddin Karim (Präsident des afghanischen Fußballbunds seit 2004, d. Red.) hat uns dabei von Beginn an unterstützt. Auf seine Initiative geht auch die Einberufung der ersten afghanischen Nationalmannschaft der Frauen im Jahr 2007 zurück.

In die sie gewählt wurden. Wie hat sich Ihr Training dadurch verändert?
Wenn wir öffentlich trainiert haben, wurden wir weiterhin bedroht, sodass unser Training auf das NATO-Gelände in Kabul verlegt wurde. Unser Spielfeld war gleichzeitig ein Hubschrauber-Landeplatz. Hin und wieder wurden Bombenanschläge vor den Toren verübt. Aus Sicherheitsgründen war und ist weiterhin die Austragung eines Heimspiels einer Nationalmannschaft in Afghanistan undenkbar, weder von Frauen noch von Männern. Aber nicht nur die Trainingsumstände haben sich verändert, sondern auch das mediale Interesse.