Wie der Castor-Transport die Regionalliga belastet

»Unzumutbarer Schaden«

Weil der Castor-Transport am Wochenende tausende Polizisten in Alarmbereitschaft versetzt, fehlen in der Regionalliga die nötigen Sicherheitskräfte. Der TSV Havelse muss die Konsequenzen tragen. Wie der Castor-Transport die Regionalliga belastet

Eigentlich sollte es der große Wurf werden: Mehr als 2000 Zuschauer hatten die Verantwortlichen des TSV Havelse am Sonntag zum Regionalligaspiel gegen den 1. FC Magdeburg erwartet. Ein Spiel, an dem der kleine Verein aus Niedersachsen sehr gut verdient hätte. Doch der ebenfalls für Sonntag geplante Castor-Transport zum Atommüll-Zwischenlager im nahen Gorleben veranlasste den Nordostdeurtschen Fußball-Verband (NOFV) das Spiel zu verlegen. Havelses Geschäftsführer Stefan Pralle zeigt wenig Verständnis für das Vorgehen des Verbands. Wir sprachen mit ihm.

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Stefan Pralle, wie haben Sie von der Verlegung des Spiels erfahren?

Zunächst habe ich über die örtliche Polizei mitbekommen, dass unser Spiel wegen des Castor-Transports verlegt werden muss. Davon wusste aber die Spielleitung (des NOFV, d. Red.) zunächst nichts. Anscheinend war es ein weiter Weg von der Polizei bis zum Spielleiter.

Und warum dieser unglückliche Ausweichtermin?

Wegen des Castortransports, der am Wochenende stattfindet, stehen nicht genügend Polizeikräfte zur Verfügung um für Sicherheit zu sorgen. Der Spielleiter hat gesagt, dass unser Spiel deshalb in der Woche vor dem 7. November stattfinden muss und zwar bei Tageslicht, weil wir kein fernsehtaugliches Flutlicht besitzen. Und nun kommt das Fernsehen nicht einmal zu unserem Spiel!

Wie haben Sie reagiert?

Ich war wütend. Das Spiel gegen Magdeburg ist für uns das Spiel der Spiele. Da mache ich mir ein rotes Kreuzchen in meinen Kalender. Magdeburg liegt nur 150 km entfernt und hat sehr reisefreudige Fans. Auch für unsere Fans ist das ein sportlich attraktiver Gegner. Normal haben wir in Havelse 600 Zuschauer, gegen Magdeburg wären es sicherlich 1500 gewesen. Dieses Spiel hat für unsere Haushaltsplanung eine besondere Bedeutung.

Kann ein einziges Spiel so schwer ins Gewicht fallen?

Wir haben einen Etat vom 375 000 Euro. Der Durchschnitt der Regionalliga-Nord liegt bei 2,4 Millionen Euro. Bei uns gibt es kein Profitum, unsere Spieler arbeiten, stehen in einer Berufsausbildung, oder studieren und betreiben ihren Sport nebenbei. An dem Spiel gegen Magdeburg hätten wir im Idealfall 10.000 Euro verdient. Das Geld hätten wir gut gebrauchen können.

Aber selbst bei einem so kleinen Etat machen die 10.000 Euro doch nur wenige Prozent aus.

Hinzu kommt aber auch, dass wir bei einem so interessanten Spiel Sponsoren an Land ziehen, die konkret im Rahmen dieses Spiels werben wollen. Das Geld fehlt uns jetzt auch. Außerdem arbeitet ein Großteil des Stadionpersonals ehrenamtlich. Die haben unter der Woche natürlich keine Zeit. Also müssen wir einen professionellen Dienstleister beauftragen, um diese Aufgaben zu übernehmen. Dadurch entstehen wesentliche Zusatzkosten.

Ist der Schaden der Ihnen entsteht von existenzieller Bedeutung?

Nein. Unser Etat ist sehr seriös geplant. Außerdem haben wir enorme Anstrengungen im Verein unternommen ehrenamtliche Helfer zu finden, um den Schaden so gering wie möglich zu halten. Der Verlust im Vergleich zum Regeltermin wird aber trotzdem zwischen 8000 und 10.000 Euro liegen. Das ist zwar nicht existenziell, aber unzumutbar.



Haben Sie sich nicht um eine Alternative zum Mittwochsspiel gekümmert?

Natürlich. Ich habe mehrere konstruktive Vorschläge gemacht, wie wir das Problem lösen können. Aber alles wurde entweder vom Verband oder von den Magdeburgern abgelehnt. Daraufhin habe ich Beschwerde beim DFB-Spielausschuss in Frankfurt eingereicht und neue Vorschläge gemacht, etwa das Spiel an einem Nachholspieltermin auszutragen. Aber auch das wurde abgelehnt.

Was war die Begründung des DFB?

Das ist ein schriftlicher Umlaufverkehr, bei dem sie keine Begründung bekommen. Ich habe  meine Beschwerde eingereicht und der Spielleiter hat eine schriftliche Stellungnahme dazu abgegeben. Daraufhin entscheidet der DFB-Spielausschuss über die Beschwerde per Mehrheitsbeschluss. Und am 20. Oktober habe ich dann eine E-Mail bekommen in der mir mitgeteilt wurde, dass unserer Beschwerde nicht statt gegeben wurde.

Haben Sie nie überlegt auf Schadensersatz zu klagen?

Nein, da hätten wir ohnehin keine Chance gehabt.

Es heißt, Sie hätten nach der Entscheidung des DFB-Spielausschusses ernsthaft überlegt das Spiel nicht vor Publikum auszutragen um Kosten zu sparen. Stimmt das?

Ja. Ich habe als Geschäftsführer auch den Auftrag das Vereinskapital zu schützen und dafür zu sorgen, dass bei uns kein Geld verbrannt wird. Ohne Publikum hätten wir eben auch keine Ordner oder Kassierer bezahlen müssen. Unsere Sponsoren, der Verein und die Fans waren übrigens dafür, dass Spiel ohne Publikum auszutragen. Wirtschaftlich gesehen, wäre es die beste Wahl gewesen.

Und warum haben Sie sich anders entschieden?

Unsere Spieler wollten auf keinen Fall vor einer Geisterkulisse spielen. Deshalb haben wir unsere wirtschaftlichen Interessen hinten angestellt. Mein erster Auftrag ist es den sportlichen Klassenerhalt sicher zu stellen. Wenn uns am Ende der Saison zwei Punkte zum Klassenerhalt fehlen, möchte ich mir nicht den Vorwurf machen, die gegen Madgeburg aus Prinzipientreue verschenkt zu haben. 

Und wie wollen Sie das Stadion jetzt voll bekommen?

Wir haben unsere Sponsoren gebeten, Kartenkontingente aufzukaufen und haben der Arbeitsagentur und den Schulen in unserer Umgebung Freikarten zur Verfügung gestellt um Schichten zu erreichen, die auch um 15 Uhr zum Spiel kommen können.

Wie viele Zuschauer erwarten Sie?

250 bis 300. Mehr leider nicht.