Werder-Retter Skripnik im Interview

»Schaaf ist Schaaf. Skripnik ist Skripnik«

Sind Sie jetzt der neue Papa der Werder-Familie?
Nein, ich bin bloß ein Teil davon. Wenn es im Verein so etwas wie einen Papa gibt, dann ist das schon eher unser Ehrenpräsident Klaus-Dieter Fischer. Er ist seit 60 Jahren Mitglied des Vereins, hat hier alles erlebt, die guten und die schlechten Zeiten.

Tauschen Sie sich mit Thomas Schaaf aus, der 14 Jahre lang der Erziehungsberechtigte der Mannschaft war?
Thomas Schaaf hat einen großen Einfluss auf mich gehabt, den größten überhaupt in meiner Karriere. Wir sind zusammen Meister und Pokalsieger geworden, ich habe viel von ihm gelernt. Aber täuschen Sie sich nicht: Wir sind keine Freunde, die täglich miteinander telefonieren. Er hatte in der vergangenen Saison genug in Frankfurt zu tun, ich hier in Bremen. Er hat sein Leben, ich habe meines. Ab und zu tauschen wir SMS aus, mehr nicht.

Der Boulevard vermeldete bei Ihrem Amtsantritt: »Werder klont Schaaf!« Welche Gefühle löste das in Ihnen aus?
Ehrlich gesagt, ich kann diese Vergleiche nicht mehr hören. Thomas Schaaf und ich haben beide nicht mehr viele Haare auf dem Kopf. Aber sonst? Mehr Ähnlichkeiten fallen mir nicht ein. Schaaf ist Schaaf, Skripnik ist Skripnik. Wir sind keine Brüder. Ich lasse mich ungern mit jemandem gleichsetzen.

Bleiben Sie auch 14 Jahre im Amt wie Thomas Schaaf?
Langsam, langsam! Ich habe gerade mal ein halbes hinter mir. Ich bin ganz am Anfang – und werde mich hüten, jetzt schon Parallelen zu Thomas Schaafs überragender Arbeit beim SV Werder zu ziehen.

Holt der SV Werder in Ihrer Amtszeit wieder mal die Schale?
Darüber mache ich mir jetzt noch keine Gedanken. Wir haben erst einmal andere Ziele. Aber ausschließen kann man so etwas natürlich nie. Wer hätte denn 1999, als Thomas Schaaf sein Amt antrat, damit gerechnet, dass der SV Werder fünf Jahre später Meister wird. Natürlich sind wir von unseren finanziellen Möglichkeiten her kein Titelkandidat. Aber wenn, wie 2004, alles passt, sich eine Eigendynamik entwickelt – warum nicht? Nicht immer schießt nur das Geld die Tore.

Für einen solchen Sensationscoup muss sich Ihre Mannschaft aber noch ein gutes Stück weiterentwickeln. Der Wechsel von Davie Selke zu RB Leipzig ist da ein ordentlicher Rückschlag.

Davie ist ein talentierter, junger Spieler. Ich wünsche ihm für die Zukunft alles Gute. Solche Transfers gehören nun mal zu unserer Philosophie. Schon immer hat Werder Talente entwickelt und sie später an finanzkräftigere Vereine abgegeben. Dadurch ergeben sich auch andere Möglichkeiten in der Gestaltung unseres Kaders.

Aber behalten hätten Sie den Selke schon gern, geben Sie’s ruhig zu.
Ohne Frage, ich habe eine gute Zeit mit ihm gehabt. Aber als Trainer darf ich den wirtschaftlichen Aspekt nicht aus dem Auge verlieren.

Sind Sie neidisch auf andere Vereine, die bessere finanzielle Möglichkeiten haben?
Zu solchen Gefühlen neige ich überhaupt nicht. Wissen Sie, mein Vater hat sein Leben lang sehr hart für sein Geld gearbeitet, in einer Fabrik, jeden Tag von morgens bis abends. Ich bin jetzt in einer Branche tätig, in der alle Beteiligten mehr als genug verdienen. Ich habe überhaupt keinen Grund, mich zu beschweren.

Aber wenn Sie im Spiel gegen den VfL Wolfsburg Kevin De Bruyne, der auch mal für den SV Werder gespielt hat, zur Hochform auflaufen sehen…
…dann muss ich mir überlegen, wie wir ihn stoppen. Was hilft es, mir zu wünschen, er würde noch bei uns spielen? Ich habe meine Jungs, und denen traue ich auch einiges zu.

Das Spiel ging 3:5 aus, es war toll anzusehen. Wie war es für Sie?
Unsere Fans spendeten der Mannschaft hinterher Applaus – und das vollkommen zurecht. Die erste Halbzeit war vorbildlich, und auch nach dem 3:5 haben wir uns nicht aufgegeben, sondern mit dem Herzen in der Hand weiter angegriffen. Es ist aber auch klar, dass ich lieber drei Punkte gehabt hätte als eine tolle Schlagzeile.

Solche Wahnsinnsspiele liefert der SV Werder in schöner Regelmäßigkeit ab. Liegt die Neigung dazu in der DNA des Vereins?
Es scheint fast so. Das Bremer Publikum möchte schnellen, aggressiven Angriffsfußball sehen. Ein 5:4 ist ihm lieber als ein 1:0, und niemand sagt hinterher: »Die Abwehrspieler waren heute aber schlecht!« Nein, alle loben die Stürmer! Das hat mich und auch mein Trainerteam über Jahre geprägt. Es ist zu unserer Philosophie geworden. Auch wir wollen unsere Fans unterhalten. Dafür zahlen sie schließlich Eintritt.

Ist es Ihnen persönlich denn auch so wichtig, dass Ihre Mannschaft schön spielt?
Die oberste Priorität ist, dass wir drei Punkte holen. Fußball ist nun mal ein Ergebnissport.

Aber Sie spielen schon lieber 4:3 als 1:0.
Ich denke, das gilt für mich genauso wie für den gesamten SV Werder.

Nach der Klatsche gegen den FC Bayern sagten Sie, Sie seien »stolz auf das 0:4«. Warum das denn?
Weil wir es den Bayern dennoch schwer gemacht hatten. Schwerer als viele andere Gegner.

Es hieß dann, Sie hätten kein Problem damit zu verlieren.
Das ist natürlich Unsinn! Ich bin ja sogar traurig, wenn ich montags in der Presseschau sehe, dass unsere Tischtennismannschaft verloren hat. Ich wollte einfach die positiven Aspekte dieses Spiels herausstellen.

Die da wären?
Auch aus einem 0:4 kann man Selbstvertrauen ziehen, wenn man sich gegen eine derart überragende Mannschaft achtbar geschlagen hat. Wem hilft es, wenn meine Jungs beim ersten Training nach einem solchen Spiel mit hängenden Köpfen dastehen, weil ich sie öffentlich runtergemacht habe? Nein, sie sollen sich aufs nächste Spiel freuen! Und außerdem: Wenn uns das Umfeld jetzt schon wieder zutraut, den FC Bayern zu schlagen, und enttäuscht ist, wenn uns das nicht gelingt, dann sind wir auf einem ganz guten Weg.

Von Thomas Schaaf wird ein Bild in Erinnerung bleiben: wie er im Mai 2004, nach dem 3:1-Sieg in München, der die Meisterschaft brachte, am Bremer Flughafen mit einer Werder-Fahne in der Hand aus dem Cockpit einer OLT-Maschine grüßte. Wie soll man sich eines Tages an Sie erinnern, Viktor Skripnik?
Auch diese Frage kommt nach nur einem halben Jahr im Amt viel zu früh. Unser erstes Ziel ist es, nicht abzusteigen und den Gegnern unsere Stärken zu zeigen. Sie sollen wieder großen Respekt vor dem SV Werder haben. Darauf wäre ich schon mal sehr stolz.

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Hinweis: Das Interview ist in unserer Ausgabe 11FREUNDE #162 im Mai erschienen