Werder-Retter Skripnik im Interview

»Lobanowskyj war ein ganz Großer«

Haben Sie sich im Traum im Trikot des SV Werder gesehen?
Ein Wechsel in den Westen war für mich absolut unrealistisch. Ich war erst 19 Jahre alt, ein unbeschriebenes Blatt, der Militärdienst stand mir noch bevor. Ich war sehr froh, als ich ein Angebot von Dnipro Dnipropetrowsk bekam, meiner zweiten großen Liebe neben Werder. Als Vertragsfußballer musste ich nur ein statt zwei Jahre bei der Armee bleiben und durfte statt einer Uniform einen Trainingsanzug tragen. Und ich musste bloß bei der Vereidigung eine Waffe anfassen, danach nie wieder. Den Rest der Zeit durfte ich Fußball spielen. Mehr konnte ich mir nicht wünschen.

Sie haben in der Ukraine unter einem der größten Trainer überhaupt gearbeitet: Walerij Lobanowskyj.
Oh ja! Walerij Wassyljowytsch war wirklich ein ganz Großer. Ein revolutionärer Taktiker, vor allem aber ein kluger Psychologe. Von ihm habe ich gelernt, wie wichtig es ist, einem Spieler zuzuhören. Welche Rolle spielt Fußball in seinem Leben? Was motiviert ihn, was treibt ihn an? Seit damals weiß ich, dass es nichts Bedenkliches ist, wenn für einen Spieler der Fußball nicht die Nummer eins im Leben ist, sondern zum Beispiel seine Familie. Im Gegenteil, das ist gesund, das ist vernünftig. Für seine Kinder zu spielen kann viel mehr Kräfte freisetzen, als wenn man nur für den Ruhm spielt.

War das Mannschaftsklima in sowjetischen Mannschaften also gar nicht so streng und technokratisch, wie man es sich gemeinhin vorstellt?
Walerij Wassyljowytsch war eine Ausnahme. Die meisten Trainer waren eiserne Autoritäten, denen man als Spieler niemals widersprach. So etwas wie Demo
kratie gab es in diesen Mannschaften nicht. Wenn sie sagten »Lauft!«, dann liefen wir.

Wie landeten Sie, neun Jahre nach dem magischen Fernsehabend mit Ihrem Vater, schließlich doch beim SV Werder?
Bernd Stange war Trainer bei Dnipro geworden und sagte immer zu mir: »Viktor, du kannst es in die Bundesliga schaffen!« Ich lachte nur, weil dieses Ziel für mich so weit weg war. Aber er empfahl mich tatsächlich seinem alten Freund Dixie Dörner, der zeitgleich den SV Werder trainierte. Es war ein Zufall. Ein sehr glücklicher Zufall.

Von Dieter Eilts wurden Sie mit einer Blutgrätsche begrüßt.
Auf einem Schlackeplatz. Bei Frost. Und Dieter trug eine kurze Hose. Da wusste ich gleich, was auf mich zukommt: Hier darf man keine Mimose sein.

In Bremen galten Sie bald als »Beckham der Ukraine«. Hatten Sie sich beim Probetraining selbst so vorgestellt?
Nein, diesen Begriff hat unser Stadionsprecher Arnd Zeigler erfunden. Damit hatte ich nichts zu tun. Ich finde diesen Vergleich, ehrlich gesagt, auch etwas hochgegriffen. Meine Flanken waren ganz in Ordnung, aber alles in allem ist David doch ein ganz anderer Typ.

Er gilt jedenfalls nicht als der Skripnik Englands.
2009, da war ich schon längst nicht mehr aktiv, kam er mit dem AC Mailand für ein UEFA-Pokalspiel zu uns nach Bremen. Er saß zwar 90 Minuten auf der Bank, aber Arnd Zeigler ließ es sich trotzdem nicht nehmen, ihn als »Beckham – nicht aus der Ukraine« vorzustellen. Hinterher kamen die Leute zu mir und fragten, was ich Arnd für den Scherz versprochen hätte. Aber das war ganz allein seine Idee.

Wie wird man eigentlich Publikumsliebling?
Woher soll ich das wissen?

Sie waren es als Spieler, jetzt sind Sie es sogar als Trainer. Dahinter steckt doch Methode.
Da müssen Sie wirklich das Publikum fragen. Wenn das so sein sollte, freue ich mich über die große Wertschätzung, aber ich habe nie bewusst darauf hingearbeitet.