Wer ist Wolfsburgs neuer Trainer Andries Jonker?

»Magath plante nichts im Voraus«

Andries Jonker ist der neue Trainer in Wolfsburg. In unserem Interview verrät er, was er als Co-Trainer von Louis van Gaal und Felix Magath gelernt hat. Reicht das für die Bundesliga?

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Andries Jonker, in Deutschland kennt man Sie aus Ihrer Zeit beim FC Bayern und in Wolfsburg. Trotzdem wissen die Leute nicht viel über Sie. Wie wurden Sie überhaupt Trainer?
Als ich Anfang der Siebziger in Amsterdam aufwuchs, träumte ich von einem Leben als Profifußballer. Es war schließlich die große Zeit von Ajax, das dreimal in Folge den Pokal der Landesmeister gewann. Mit 17 bekam ich eine Chance beim FC Volendam, doch nach einem Jahr musste ich wieder gehen, und das war das Ende meines Traumes. Ich wurde Sportlehrer und habe diesen Beruf fünf Jahre ausgeübt. Dabei habe ich viele nützliche Erfahrungen über die Zusammenarbeit mit Menschen gesammelt und nebenbei meine Trainerscheine gemacht. Mit Ende Zwanzig habe ich mich beim holländischen Verband für den Posten eines Stützpunkttrainers beworben und wurde genommen.

Wie kam der Kontakt zu Louis van Gaal zustande?
Es gehört zur Ausbildung, dass man bei einem Profiverein hospitiert. Da ich vorher schon mal mit Ajax zu tun hatte, habe ich Louis van Gaal gefragt, ob ich in seinem Trainerteam mitarbeiten dürfte. Ich bekam einen guten Einblick, wie bei einem europäischen Spitzenklub gearbeitet wird. Die Qualität der Spieler war unglaublich. Es war zwei Jahre, nachdem Ajax die Champions League gewonnen hatte, also 1997.

Sie haben mit Van Gaal auch in Barcelona und beim FC Bayern gearbeitet. Auf beiden Stationen gab es zunächst Probleme.
Die Aufgabe in Barcelona war eine Herausforderung, weil wir eine relativ alte Mannschaft hatten. In der Champions League lief es gut, aber weil wir in der Liga nicht genug Punkte holten, musste Van Gaal gehen. Bei Louis kann es immer eine Zeit dauern, bis Mannschaften sich an seine Methoden gewöhnen. Er legt viel Wert auf Passspiel und Ballbesitzübungen, er lässt im Training oft in kleinen Teams spielen. Die Spieler sind stets angehalten, beide Füße zu benutzen. Das alles kann ziemlich anspruchsvoll sein, wenn ein Spieler die Übungen nicht versteht oder sie einfach nicht ausführen kann. Aber in der Regel sieht man schnell, wie die Spieler sich verbessern. Genau das ist bei den Bayern passiert. Nach einer Weile reagierten die Spieler sehr gut auf seine Ideen.

Sie scheinen eine besondere Verbindung zu Van Gaal zu haben.
Ich bin ihm sehr dankbar, weil er mir bei meiner Karriere sehr geholfen hat. Aber ich denke auch, dass ich meinen Beitrag als Mitglied seines Trainerteams geleistet habe. Ich war wertvoll für ihn, was den Kontakt zu den Spielern anging. Spieler gehen nicht immer direkt zum Trainer, wenn sie reden möchten. Auch bei der individuellen Arbeit mit den Spielern konnte ich helfen. Ein gutes Beispiel ist Thomas Müller. Ich habe ihm die Rolle eines falschen Rechtsaußen erklärt, der zwischen den Positionen agieren muss. Es ist nicht einfach, das zu erklären, aber er hat es sofort verstanden. Ich weiß noch, wie Van Gaal rief: »Er kapiert’s!« In seinem ersten Jahr kam Müller jedes Mal in der Pause eines Spiels zu mir und fragte, ob er sich richtig verhält. So konnte ich ihm immer Feedback geben.

Welchen Eindruck haben Sie vom FC Bayern gewonnen?
Uli Hoeneß versteht total, wie man einen Verein führt. Er versteht, dass der Klub für die Menschen da ist. Kurz nach unserer Ankunft haben wir erfahren, dass wir ein Freundschaftsspiel gegen einen Fanklub austragen würden. Louis und ich waren nicht glücklich darüber, weil das kein vernünftiger Gegner ist. Aber Uli bestand darauf, dass wir die Partie spielen. Louis brachte dann noch mal seine Bedenken vor und Uli schlug ihm etwas vor: Wir würden unter der Bedingung spielen, dass Van Gaal das Spiel im nächsten Jahr absagen könnte, wenn es ihm nicht passt. Am Ende haben wir in einem kleinen Ort vor 10 000 Fans gespielt, erst gegen einige ziemlich gut austrainierte Mitglieder des Fanklubs, in der zweiten Halbzeit gegen einen lokalen Amateurverein. Es war eine rundum positive Veranstaltung und Louis hat Uli sofort Bescheid gegeben, dass wir das im nächsten Jahr wiederholen würden. Uli weiß, worum es geht. Man sieht es auch daran, wie er seinen Job als Manager machte. Als die Bayern Mario Gomez aus Stuttgart holten, sagte mir Uli, dass er nicht versucht habe, die Ablösesumme von 30 Millionen Euro zu drücken. Er erklärte mir, dass Stuttgart das Geld in den Nachwuchs investieren würde, was am Ende dem deutschen Fußball zugute käme – und damit auch den Bayern. Man kann den Verein als Katalysator des deutschen Fußballs verstehen.