Welche Folgen hat Englands verkürzter Transfersommer, Jörg Neblung?

»Frankfurt sollte eine Alternative haben«

Warum haben die Briten diese komfortable Position verlassen?
Ich kann das nur mutmaßen. Einerseits soll es der Wunsch der Fans gewesen sein, den Transferschluss vorzuziehen. Die FA, der englische Fußballverband, arbeitet andererseits extrem professionell und innovativ bei der Förderung von Talenten und der Einführung von Statuten zum Wohle des Spiels, Gelb und Rot für einen Trainer einzuführen beispielsweise. Die Vorverlegung der Transferfrist wird der Chancengleichheit dienen, damit die Manager die Kader vor dem 1. Spieltag nachhaltig finalisieren.

Wieso nützt das den englischen Talenten?
Die Engländer haben eine Philosophie vorangestellt und gesagt: Baut ihr eure Schlösser und wenn alles schlüsselfertig ist, dann beginnt unser Schönheitswettbewerb. Schnell noch einen neuen Baldachin dran zu basteln, das geht dann eben nicht. Das ist sehr bildlich gesprochen, aber wenn ein Verein denkt, dass sein talentierter Rechtsverteidiger gut genug für die Liga ist, dann wird am 3. Spieltag eben nicht mehr mit einem Fingerschnippen nachverpflichtet.

Und dann beginnt die Saison…
Sollte dann eines der Talente eben doch nicht im Premier-League-Kader funktionieren, kann man ihn immer noch bis 31.08. in die Championship oder ins Ausland verleihen. Die Chance auf Einsätze wird somit erhöht. Und für die kleineren Vereine ist so auch gesorgt, da niemand die gute Vorarbeit einfach nach Saisonbeginn aufkaufen kann. Gute und durchdachte Planung soll belohnt werden.

Auch die DFL und die Manager der Liga hatten diese Änderung angedacht, nehmen nun aber wieder Abstand davon. Warum?
Weil in Deutschland zurecht die Angst herrscht, dass die ausländischen Klubs die eigenen Kader im letzten Moment porös kaufen. Deutsche Vereine - mit Ausnahme der Bayern - können sich gegen diese Transfersummen à la Ousmane Dembele nur schlecht wehren, doch wenn sie verkaufen, ist der Transfermarkt unter Umständen geschlossen und ein Schlüsselspieler weg. Das Konzept funktioniert nur in einer europäischen Lösung, wenn alle Ligen nahezu gleichzeitig starten.

Wenn aber alle Ligen das Transferende vorverlegen würden, wären dann nicht altbekannte Verhältnisse eingekehrt?
Ja, aber unter der Prämisse, dass kein Verein nach Wettbewerbsstart nachrüsten kann. Gutes Scouting würde stärker belohnt werden.

Herr Neblung, auf welche Transfers dürfen wir uns in der kommenden Woche freuen?
Die WM-Finalisten Andrej Kramaric und Ante Rebic müssten hoch im Kurs stehen. Ich habe gehört, dass für Rebic noch kein einziges Angebot aus England vorliegt. Kurios, weil er doch in der Liga und bei der WM furios aufgespielt hat. Ich möchte wetten, dass sich das in der nächsten Woche ändern wird. Wenn am Freitagmorgen jemand in Frankfurt anruft und 50 Millionen Euro bietet, sollte Frankfurt also bereits eine Alternative in der Hinterhand haben.

… vielleicht einen Spieler aus England, das wäre ja noch möglich.
Kein Club oder Investor in England wird eine echte Kaderlücke zulassen, dazu fehlt die finanzielle Notwendigkeit. Es werden nur Spieler aus der zweiten Reihe gehen dürfen, aber die sind teilweise hochinteressant. Ob sie bezahlbar sind, steht auf einer anderen Blatt Papier.