Welche Folgen hat Englands verkürzter Transfersommer, Jörg Neblung?

»Es wird weniger Paniktransfers geben«

Für englische Klubs endet das Transferfenster bereits heute. Nach dem Saisonstart dürfen Spieler nur noch ins Ausland gehen. Jörg Neblung ist einer von Deutschlands bekanntesten Spielerberatern und erklärt die Folgen.

imago

Jörg Neblung, in England endet das Transferfenster zum ersten Mal am 9. August. Anschließend darf kein Klub neue Spieler kaufen. Was bedeutet das für den deutschen Markt?
Ich behaupte, der profitiert vom frühen Schluss der Briten, weil deutsche Vereine nach einem Spielerverkauf mindestens drei Wochen Zeit haben, um das Geld sinnvoll auszugeben. Wir hatten bisher immer eine Rallye in der letzten Augustwoche, in der sich die Ereignisse oft überschlagen haben. Angetrieben von der Premier League, die mit dem meisten Geld hantiert. Alle anderen mussten reagieren.

Und das ist nun anders?
In der Vergangenheit war es oft so, dass der Verein vor die Wahl gestellt wurde: Nehmen wir den absurden Preis an, haben aber im Einzelfall keinen adäquaten Ersatz? Gehen wir dieses Risiko ein? Das wird jetzt anders sein. Ein Spieler, der nach England geht, kann mit mehr Ruhe und ohne Hektik durch einen neuen Spieler ersetzt werden.

Max Eberl, Sportdirektor bei Borussia Mönchengladbach, glaubt, dass es zu einem Einbruch der Transfersummen kommen wird.
Davon gehe ich nicht aus. Ich glaube, es werden wieder Transferrekorde erreicht werden. Es wird wieder sehr viel neues Geld in den Markt gespült. Geld, das beim Verkäufer entsprechend weiterverarbeitet wird. Teilweise zur Finanzierung der Infrastruktur, aber eben auch für neue Spieler. Das Geld wird dann in verschiedenen Ebenen nach unten weitergereicht. Von einem großen zu einem mittleren Klub, von dort zu einem kleinen Klub. Deshalb sind diese Gelder für den deutschen Fußball auch so wichtig.

Trotzdem ist ein Großteil des Transfersommers am 9. August beendet, oder?
Es wird mehr Muße und Ruhe in den Markt kommen, und eben nicht mehr dieser hektische Aktionismus, den wir vom Deadline-Day kennen. Paniktransfers wird es weniger geben - weniger, weil ja immer noch Investorenclubs aus anderen Ligen teils spät shoppen gehen. Wir werden Spieler auf dem Markt sehen, die sich ausgemalt hatten, nach England zu gehen, aber keinen Vertrag finalisiert haben und nun hoffen, dass sie ein lukratives Angebot aus Italien erhalten. Ich bin da unter anderem sehr gespannt auf den AC Milan mit seinem neuen Investor, aber auch auf Inter und den SSC Neapel.

Stuttgarts Manager Michael Reschke hat prophezeit, dass es Ende August zu spannenden Transfers kommen wird, weil die Konkurrenz aus England fehlt.
Ich bin sicher, es wird nicht mehr so spannend wie im letzten Jahr. Wenn die reichste Liga der Welt seine Transferaktivitäten beendet hat, Italien sein Transferfenster am 18. August schließt und China schon seit einem Monat geschlossen hat, sind wichtige Antreiber bereits vom Markt. Spanien, Frankreich und Deutschland werden als Schlüsselmärkte bleiben, da könnte es noch ein paar Nice-Price-Optionen geben. Vielleicht meint Herr Reschke aber genau das mit »spannend«.

Die Briten haben selbst für diese künstliche Verknappung gesorgt. Können Sie das nachvollziehen?
Das ist keine Verknappung, denn der Gabentisch war in diesem Jahr für die Engländer genauso gut gefüllt wie eh und je. Die Engländer waren es gewohnt, nach der Saison in den Urlaub zu fahren und erst anschließend zu überlegen, welche Spieler sie benötigen. Vor zehn Jahren habe ich noch naiv geglaubt, dass sich die Engländer an uns orientieren und ihre Transferaktivitäten beschleunigen müssten. Das war ein Trugschluss.

Warum? 
Weil die Engländer mit so viel Geld um die Ecke kommen, dass sie sich Top-Gehälter und grosse Kader leisten können und somit alle Zeit der Welt haben. Mit diesem Polster sind sie immer sehr entspannt in den Transfersommer gekommen. In Deutschland fressen weiterhin die Reichen die Armen und die Schnellen die Langsamen. Arm, langsam und unkreativ ist und bleibt kacke.