Was Schiedsrichter Manuel Gräfe über den Videobeweis denkt

«Wir sitzen in einem Keller in Köln«

Manuel Gräfe ist seit 2004 Bundesliga- Schiedsrichter. In der neuen Saison können er und seine Kollegen erstmals auf den Videobeweis zurückgreifen. Aber: Finden die deutschen Schiris das eigentlich gut?

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Manuel Gräfe, freuen Sie sich auf den Videobeweis?
Natürlich freuen wir uns alle darüber, dass wir von einer schweren Bürde befreit werden. Jeder Schiedsrichter hat als größte Sorge, dass er eine Jahrhundert-Fehlentscheidung treffen könnte - einen Pfiff, den du nie wieder loswirst. Zum Beispiel das Phantomtor von Bayerns Thomas Helmer gegen Nürnberg oder das Handspiel des Schalkers Oliver Held, durch das Köln absteigen musste. So etwas ist durch den Videobeweis ausgeschlossen. Aber ...

Aber?
Die ganz krassen Fehlentscheidungen werden verschwinden, aber wie viele hatten wir denn davon in der vergangenen Saison? Vielleicht eine gute Handvoll. Die Schwalbe von Timo Werner, den Ellenbogencheck von David Abraham gegen Sandro Wagner, das Abseitstor bei Dortmund gegen Hoffenheim, Lars Stindls Handtor - aber da bewegen wir uns schon in der Grauzone. War das wirklich eine aktive Handbewegung? Für mich schon.

Aber Ihr ehemaliger Kollege Peter Gagelmann hat als Experte bei Sky nach dem Studium der Fernsehbilder von einem korrekten Tor gesprochen.
Sehen Sie, da sind wir beim Problem, bei der Interpretation einzelner Szenen. Es wird viele Situationen geben, die die Videoschiedsrichter richtig auflösen. Aber es gibt eben auch viele, die für den einen klar falsch sind und für andere noch im Grenzbereich liegen. Jeder Schiedsrichter hat seine Sicht. Wenn wir bei Lehrgängen oder auch in der Testphase einzelne Szenen besprachen, kam es öfter vor, dass von gut 20 Bundesliga-Schiedsrichtern zehn so denken und zehn anders. In etlichen Fällen könnte es beim Videobeweis also zu einer Verlagerung der Diskussion und Verantwortung kommen. Vom Platz nach draußen. Ich hoffe nur nicht, dass es dann heißt: Jetzt haben Sie noch die Bilder und machen es immer noch falsch.

Welche Vorgaben gibt es für die Testphase in der kommenden Saison?
Der Eingriff von außen darf nur bei glasklaren Fehlern erfolgen, weil das Spiel sonst zu sehr zerfasert. Aber was ist glasklar? Da gibt es zwar theoretisch einen einheitlichen Bewertungsmaßstab, aber wie praktisch? Dann muss der Eingriff vor der nächsten Spielfortsetzung erfolgen, sonst geht das Spiel weiter. Insgesamt darf der sogenannte Video Assistant Referee auch nur bei vier verschiedenen Situationen eingreifen: bei Toren, Elfmetern, Spielerverwechslungen oder Roten Karten.

Nicht jedoch bei Gelben Karten.
Nein, selbst dann nicht, wenn Sie zu einer Gelb-Roten Karte führen, was für die betroffene Mannschaft dieselbe Konsequenz hat, nämlich einen Platzverweis. Die falsche Eckstoßentscheidung, die vielleicht zum entscheidenden 1:0 führt, kann ebenso wenig korrigiert werden wie falsche Freistoßentscheidungen, die 18 Meter vor dem Tor eben zu einem solchen führten, und so weiter und so fort. Ich fürchte, dieses System ist noch nicht ganz ausgereift, aber es ist ja auch nur ein Test.