Was Norbert Elgert über Leroy Sané denkt

»Willst du Model, Schauspieler oder Profi werden?«

Schalkes Norbert Elgert gilt als Ikone im Jugendfußball. Im Interview verrät er, was Talente für den Sprung zum Profi benötigen, wie er trainieren lässt und was Leroy Sané von anderen unterscheidet.

imago

Herr Elgert, Sie gelten als Ikone im Jugendtrainerbereich. Wenn man sich die Liste der Spieler anschaut, die es unter Ihnen zum Profi geschafft haben, kann man ja kaum vom Zufall sprechen. Was ist ihr Erfolgsrezept?
Zunächst einmal betone ich immer wieder, dass die Knappenschmiede keine Norbert-Elgert-One-Man-Show ist. Kein Mensch erreicht kleine und große Ziele alleine. Wir haben auf Schalke viele richtig gute Trainer und Mitarbeiter. Aber zu Ihrer Frage fällt mir ein Lied ein, welches meine Jungs häufig in der Kabine hören und das ich auch gut finde. Es ist von Kontra K und der Refrain lautet: »Erfolg ist kein Glück, sondern nur das Ergebnis von Blut, Schweiß und Tränen«. Und das stimmt. Ich glaube, Glück ist ein Talent für das Schicksal. Glück muss man schon verursachen. Ich bin sicherlich niemand, der die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Aber ich befasse mich mit der Ausbildung seit über 20 Jahren und mit dem Fußball seit 56 Jahren. Ich glaube nicht an den Erfolgsfaktor Zufall. Gewisse Dinge muss man einfach verursachen. Ich bin allerdings kein Geheimnisträger. Wenn es eine Formel für den Erfolg gäbe, würde ich sie Ihnen verraten. Erfolg ist nach meiner Auffassung aber vor allen Dingen das Ergebnis harter und intelligenter Arbeit. Aber auch das haben wir auf Schalke nicht exklusiv. 


Worauf legen Sie bei der Entwicklung ihrer Spieler besonderen Wert?
Im Bereich Technik versuchen wir, auf absolut höchstem Niveau zu arbeiten. Das bedeutet, unter größtem Raum-, Gegner- und Zeitdruck mit dem Ball zu trainieren. Ganz wichtig sind natürlich das taktische Verständnis, die Spielintelligenz und die mentale Geschwindigkeit. Top Spieler müssen das Spielfeld ständig 360 Grad scannen können. Wo sind die Mitspieler, wo sind die Gegner, wo ist der Ball? Mit jeder Bewegung des Balles oder eines Spielers verändert sich alles wieder. Die Jungs müssen lesen und verstehen, was da passiert. Und sie müssen dann die richtigen Entscheidungen treffen. Um diese durchführen zu können, braucht es wiederum eine herausragende Technik. Hinzu kommt die Athletik, die Fitness. Aber der wahrscheinlich wichtigste Punkt liegt woanders. 


Was meinen Sie?
Es heißt nicht umsonst: »Kopf gewinnt – der Erfolg liegt zwischen deinen Ohren«. Wenn Spieler alle Aspekte, die ich gerade aufgezählt habe, perfekt beherrschen, aber im Kopf nicht stark genug sind, dann bringt das alles nichts. Sie müssen mental belastbar sein. Die Spieler müssen in der Lage sein, unter höchstem Druck so häufig wie möglich ihr volles Potential zu entfalten. Gut sein, wenn es darauf ankommt. Auch emotionale Kontrolle spielt eine große Rolle. Man muss während des Spiels die eigenen Emotionen kontrollieren, sonst kontrollieren sie dich. Dazu kommt Teamfähigkeit. Heutzutage musst du in der Lage sein, dich in einem Kader von 25 Spielern zu behaupten, auch die Ellenbogen mal auszufahren, aber trotzdem bleibt Fußball ein Mannschaftssport. Im Training positive Konkurrenz, aber wenn ein Spiel angepfiffen wird, dann heißt es: »Team zuerst!« 


Was ist mit Willen?
Bereitschaft, immer alles zu geben, ist ein ganz wichtiger Punkt. Viele wollen heute auf der Erfolgsleiter gleich ein paar Sprossen überspringen. Wir haben nichts gegen Spieler, die auch schon früher bei den Profis spielen, aber nur, wenn sie dort schon helfen können. Aber es braucht die Bereitschaft dazu. Erst Lehrling, dann Geselle, dann Meister. Es gibt diese ca. 10.000-Stunden-Regel: Wenn du in einem Bereich wirklich Spitze werden willst, musst du 10.000 Stunden Zeit investieren. 10.000 Stunden hartes und vor allem intelligentes Training. Jeder Erfolg braucht seine Vorlaufzeit und jedes Talent entfaltet sich nur durch Betätigung. 


Was genau meinen Sie mit »intelligente Arbeit«?
Michael Jordan hat mal etwas Großartiges gesagt: »Wenn ich 2000 Würfe am Tag mache und mache die immer mit der falschen Technik, werde ich schlechter.« Man muss nach Perfektion streben, ohne perfektionistisch zu sein. Und man muss geduldig sein. Niemand kommt schnell zum großen Erfolg. Man muss bereit sein, Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden, Berge zu besteigen. Vielleicht nicht sofort den Mount Everest, sondern erst die Zugspitze, dann den Mont Blanc usw. Schritt für Schritt, da kommt jeder mit.


Die Beziehung zu ihren Spielern gilt als besonders. Eine Mischung aus Vater-Figur und harter Hund. Wie würden Sie das Verhältnis zu ihren Spielern beschreiben?
Ich mache es ihnen nicht leicht. Denn es ist nicht leicht, Profi zu werden. Es ist sauschwer. Du willst in den schönsten Stadien der Welt spielt, Schauspieler-Status genießen, mehr Geld als alle Generationen vorher verdienen und das mit dem, was du am liebsten machst? Das muss schwierig sein. Deswegen ist der erfolgreiche Weg auch ein harter Weg. Keine Rose ohne Dornen. Das Verhältnis zu meinen Spielern ist auch deswegen sehr gut, weil ich ihnen genau das aufzeige. Keine Abkürzungen, keine Ausreden. Ob ich eine Vater-Figur bin, weiß ich nicht. Das Verhältnis wird aber eher noch besser, wenn die Spieler nicht mehr in der U19 sind.