Was kostet die Welt, Roger Wittmann?

»Für Draxler waren 100 Millionen Euro im Gespräch«

Roger Wittmann ist ein dicker Fisch im Berater-Teich und vertritt Spieler wie Julian Draxler, Roberto Firmino oder Max Meyer. Im Interview spricht er über den Modeste-Deal und die Prozente, die einem Berater in China winken. 

imago

Roger Wittmann, seit zwei Jahren haben Sie ein Büro in Hongkong. Was war der Grund für die Eröffnung?
Uns interessiert vor allem, wie man in China eine neue Fußballkultur schafft. Das Land hat eine über 5000 Jahre alte Kultur, aber Fußball hat bis vor zwei Jahren nur eine geringe Bedeutung gehabt. 

Deutsche Spieler kicken nicht in der chinesischen Super League, dafür sind mit Felix Magath und Roger Schmidt zwei deutsche Trainer nach China gewechselt. Wie kommen die Spieler dort mit solchen Trainern klar?
Für die chinesischen Spieler ist es sehr anstrengend, weil in Deutschland viel körperlicher trainiert wird. Außerdem sind deutsche Trainier taktisch brillant ausgebildet. Felix Magath hat nicht ohne Grund als Trainer mehrere Male die Deutsche Meisterschaft und das DFB-Pokalfinale gewonnen. Für die chinesischen Spieler und Trainer ist das Taktikwissen der deutschen Trainer Gold wert.

Was ist das größte Defizit im chinesischen Fußball?
Das Defizit liegt in allem. Der chinesische Fußball ist jungfräulich. Auf keiner Ebene können die chinesischen Profifußballer mit europäischen mithalten. Die südamerikanischen Fußballer sind im technischen Bereich überlegen, die deutschen Fußballer sind im körperlichen. Deshalb plant man in China ja auch langfristig. Wenn 100 Millionen Kinder den Befehl bekommen haben: »Ihr spielt nicht mehr Tischtennis, sondern Fußball«, ist es nur eine Frage der Zeit, bis chinesische Talente zu den teuersten Spielern der Welt werden. Dass China bald Weltmeister wird, schließe ich zwar aus. Aber eine große Entwicklung wird das Land nehmen, wenn weiterhin so viel Geld in die Entwicklung investiert wird.

Wie kann man sich die Spielqualität in der chinesischen Super League derzeit vorstellen? Bestimmen die europäischen Stars die Spiele, so wie in den 70er Jahren Beckenbauer oder Pelé Spiele in den USA im Alleingang entschieden haben?
Ich glaube schon, dass man die Situation vergleichen kann. Allerdings werden heute die Spieler viel seltener vor Ort angeschaut als früher. Das Internet macht den Markt viel größer, dadurch ist auch die Fehlerquote höher. In den USA wurden mit Beckenbauer, Johan Cruyff oder Pelé Vorbilder verpflichtet, das macht man in China nicht. Hier ist es wichtig, dass man mit drei guten Spielern Stabilität in die Mannschaft bringt.

Welche Spieler sind für die Chinesen dann interessant?
Man probiert Spieler zu holen, die aktuell ein hohes Niveau haben. In der Bundesliga ist es anders. Da gibt es mit Bayern München nur einen Kauf-Verein, alle anderen sind Verkauf-Vereine, bei denen die Jugendarbeit wichtig ist. Ein junger deutscher Spieler würde aber nicht nach China gehen, es sei denn, er ist nicht gut genug für den deutschen Markt und versucht sich in China zu kapitalisieren.

Wenn einem chinesischen Spieler in China und in Deutschland das gleiche Gehalt gezahlt wird, wo würde er spielen?
Die jungen, chinesischen Spieler wollen schon raus aus dem Land. Der Spieler würde also nach Deutschland gehen. Wobei sich das derzeit verändert, in der Zukunft kann das ganz anders aussehen.

Nach langem Hin- und Her ist Antony Modeste nach Tianjin Quanjian gewechselt. Der Transfer hat sich gezogen, weil seit kurzem die gleiche Summe, die für einen ausländischen Spieler gezahlt wird, auch an den chinesischen Fußballverband fließen muss. Das sind im Fall von Modeste um die 30 Millionen Euro. Stoppt diese neue Regelung die Supertransfers von Europa nach China?
Ich finde diese ganze Diskussion ums Geld scheinheilig. So sind eben die Märkte, was regen wir uns darüber auf. Der Verein soll sich über das Geld freuen, er kann es in neue Spieler investieren. Sie haben vorhin den nordamerikanischen Fußballmarkt der Siebzigerjahre angesprochen. Damals wurden verhältnismäßig ähnlich hohe Gehälter gezahlt wie in China heute und das bei einem Land mit einer viel niedrigeren Einwohnerzahl. Ich halte eine Ablösesumme von 30 Millionen Euro nicht für übermäßig hoch. Für Gareth Bale hat Real Madrid 100 Millionen gezahlt, für Paul Pogba zahlte Manchester sogar 105 Millionen Euro. Chinesische Vereine haben viel mehr Kapital zur Verfügung als europäische Clubs. Im Vergleich sind die Ablösesummen noch moderat. Was diese Regelung angeht. Für den Moment stoppt sie vielleicht die großen Transfers, es ist ein Aufruf an die reichen Clubs, die sich die Spieler kaufen. Ihnen sagt man damit: »Hey, vergesst unsere Kinder nicht, hier ist das Investment!« Ich finde das nicht schlecht. Allerdings bringen europäische Stars auch Potenzial für den chinesischen Fußball, weil es sich hier um Spieler handelt, von denen die chinesischen Spieler lernen können. Deutsche Clubs profitieren von den hohen Ablösen, die sie in die eigene Jugendarbeit investieren können. Es ist eine Winwin-Situation, immer vorausgesetzt die Jugendarbeit kommt nicht zu kurz. 

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!