Was Effes Stinkefinger bedeutete

»Weltschmerz in zwei Mittelfingern«

Jan Skudlarek ist Philosoph, Autor und Beleidungsexperte. Im Interview spricht er über Beleidigungen im Sport und analysiert den berühmtesten Mittelfinger der Fußballgeschichte, der in dieser Woche seinen 25. Geburtstag feiert.

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Herr Skudlarek, vor 25 Jahren reagierte Stefan Effenberg bei der WM 1994 in den USA mit ausgestrecktem Mittelfinger auf »Effenberg raus«-Rufe der Fans auf den Tribünen. Angemessene Reaktion oder übertriebene Provokation?

Vor allem sehen wir hier ein häufiges Element im Kontext von Beleidigungen, nämlich ein Machtgefälle. Fans sind im Fußball zwar strukturell das A und O, aber Fans wechseln niemanden ein oder aus. In dem Sinne haben sie höchstens indirekt etwas zu sagen, wenn sich der Trainer beeinflussen lässt. Aber der Mittelfinger ist eine Dominanzgeste von Effenberg. Ihr könnt mich mal, was ihr denkt, ist egal. Ihr habt keine Macht. Hier ist mein Finger. Das hat man ganz oft, dass Beleidigungen die Asymmetrie der Macht repräsentieren.

Wie funktioniert das?

Das sehen wir heute zum Beispiel häufig bei Donald Trump, der aus einem Platzhirschgehabe, aus der Dominanz heraus beleidigt. Der Mittelfinger ist die klassische Dominanzgeste, wird häufig als Phallussymbol gedeutet, also klassisch: als Schwanz. Es kann auch eine Penetrationsdrohung sein. Ein »Fick dich!« im Sinne von »Pass auf, oder ich ficke dich!«. Die Obszönität wird kultur- und zeitübergreifend verstanden. Außerdem ist es eine Grenzüberschreitung, um sich als stark zu positionieren und Aggressionen zu kanalisieren.

So wie Diego Maradona, der bei der WM 2018 das Tor zum 2:1 von Argentinien gegen Kroatien mit beiden Mittelfingern feierte und fast über die Balustrade stürzte. Eine »Ihr wurdet gerade gefickt«-Geste?

Interessant ist daneben auch, dass andere ihn offensichtlich festhalten wollen. Da sehen wir den Ausbruch der körperlichen Aggression und die Beleidigung als mögliche Vorstufe der Gewalt, wenn er schon so zurückgehalten wird. Oft folgt auf eine Beleidigung als sprachliche auch der Einsatz körperlicher Gewalt. Wer in der Kneipe den Maradona macht, muss damit rechnen, dass danach Schlimmeres passiert. 

Maradona sagte bei der WM 2010, damals als argentinischer Nationaltrainer: »Ich danke den Fans und den Spielern, aber niemandem sonst. Die anderen sollen weiter Schwänze lutschen. Mir egal, was die Hurensöhne schreiben.«

(lacht) Da haben wir es mit einer homophoben, sexualisierten Beleidigung zu tun, die ganz typisch ist für den Machismus und die heterosexuelle Hypermaskulinität, wie wir sie nicht nur im Fußball, sondern auch allgemein aus dem Sport kennen. Es gibt leider wenig Unmännlicheres in dieser heterosexuellen Welt als Schwänze zu lutschen, was ein echter Mann natürlich nicht macht, so der Subtext von Maradona. Andere Männer werden degradiert, indem man sie feminisiert oder homosexualisiert. Maradona macht klar, dass das nicht zu seinem Wertesystem gehört.

Wenn wir die homophobe Beleidigung und den Vorlauf zur Gewalt verbinden, landen wir bei Marco Materazzi. Der sagte im WM-Finale 2006 zu Zinedine Zidane »Lass mich, du Schwuchtel. Ich bevorzuge deine Nuttenschwester«, woraufhin Zidane ihm den Kopf in den Brustkorb rannte.

Im professionellen Kontext, wo Provokationen dazugehören, gehören offensichtlich auch Beleidigungen zum Wettbewerbscharakter. Die Tätlichkeit anschließend ist die Reaktion auf Materazzis indirekte Beleidigung. Sich gegen die weibliche Ehre von Familienmitgliedern zu richten, ist ein klassisches Motiv, um insbesondere Männer zu beleidigen. Für Frauen hat es sich etabliert, gegen ihre Sexualehre oder das sexuelle Verhalten zu schießen. Diese Themen beziehen sich auf alte Scham- und Prüderievorstellungen. Der Mann darf Sex haben und alles machen, die Frau hingegen nicht. Dass Zidane der Kragen platzte, ist einerseits menschlich verständlich, fast schon sympathisch. Aber körperliche Gewalt ist eine andere Ebene. Deshalb ist es andererseits schade, dass er sich nicht kontrollieren konnte. Schade für ihn und für den Sport insgesamt.

Wo ist ein Mittelfinger zwischen sprachlicher und körperlicher Gewalt einzuordnen?

Der Mittelfinger bleibt im gestischen, auf der semantischen Ebene, selbst wenn das Phallussymbol, das Sexuelle mitschwingt. Es ist anders, als wen man jemanden am Kragen packt und drohend die Faust hebt. Das kann schon ein Teil der Gewalt sein. Noch ein Wort, und diese Faust kracht auf deine Lippe; das geht über das Allegorische, den übertragenen Sinn hinaus.