Warum wir irische Fußballfans lieben

»Angela Merkel thinks we're at work!«

Auch Fans können bei der Euro berühmt werden. Wer wüsste das besser als Richie Tuohy und seine Freunde.

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Richie Tuohy, interessieren Sie sich für Politik?
Nicht übermäßig. Aber ich schaue natürlich die Nachrichten und halte mich auf dem Laufenden, was auf der Welt so passiert.

Vor vier Jahren haben Sie sich über die deutsche Bundeskanzlerin lustig gemacht und wurden damit berühmt. Wie ist es dazu gekommen?
Über die Wirtschaftskrise, die zu der Zeit besonders bei uns im Land herrschte, wurde allgemein viel berichtet. Meine Freunde und ich wollten einen Witz darüber machen, dass Deutschland in Gestalt von Frau Merkel den Iren aus der Patsche hilft. Die deutsche Kanzlerin war damals eine Art Lokomotive Europas, und daher beschlossen wir, sie mit unserem Spruch »Merkel thinks we’re at work« ein bisschen auf die Schippe zu nehmen.

Wieso gerade dieser Satz?
Wir haben lange und ausführlich diskutiert, weil wir die verschiedensten Ansätze im Kopf hatten. Irgendwo sah ich dann ein Transparent mit der Aufschrift »My boss thinks I’m at work«. Daran haben wir etwas gebastelt und wollten unbedingt das damals aktuelle Verhältnis zwischen Irland und Europa mit einfließen lassen. Irgendwann stand dann die Idee mit der Merkel-Flagge.

Haben Sie für möglich gehalten, was Sie damit auslösen würden?
Es war verrückt, besonders vor dem Hintergrund, dass wir am Flughafen auch jede Menge andere lustige Flaggen gesehen hatten. Eine trug die Aufschrift »Spanien, Irland und Italien – die Schuldengruppe«, eine andere »Fuck the recession, we are on a session«. Unsere kam zuerst ins Internet, und dann nahm alles seinen Lauf.

Inwiefern?
Wir flogen zunächst von Dublin nach Prag. Bevor wir in den Flieger stiegen, luden meine Freunde das Foto hoch. Als wir zwei Stunden später in Prag ankamen, schalteten wir unsere Handys ein und fielen aus allen Wolken. Unser Foto war überall – auf Twitter, den Websites der irischen Zeitungen, und außerdem hatten wir zahlreiche verpasste Anrufe von Medienvertretern. Mein Kumpel wartete gerade auf seinen Koffer, als ihn ein Reporter der BBC anrief. Selbst in Kanada, China oder Südamerika waren wir ein Thema, und das kaum zwei Stunden, nachdem wir das Bild ins Internet gestellt hatten. Unglaublich!

Wie ging es weiter?
Während der Euro sprachen uns die Leute überall an und wollten unbedingt ein Foto mit der Fahne machen. Einen der besten Momente hatten wir am Tag des Gruppenspiels gegen Kroatien. Viele irische Fans waren in einer Bar in Posen, um sich angemessen auf das Spiel vorzubereiten. Als wir die Flagge im Obergeschoss aus dem Fenster hielten uns sie dort befestigten, ist die Menge komplett ausgerastet. Wir mussten länger am Fenster stehen bleiben, weil alle Fotos mit uns machen wollten – auch Italiener, Spanier und Kroaten. Spätestens da haben wir gemerkt, was für eine große Geschichte das mittlerweile geworden war.

Ein kurzlebiger Ruhm?
Wir waren sicher, dass man uns spätestens nach dem ersten Europameisterschaftsspiel der Iren vergessen würde, aber dem war nicht so. Als wir wieder zu Hause waren, erhielten wir einen Anruf von RTE, dem größten irischen Fernsehsender. Wir verabredeten uns für ein Interview, und so kam eines Abends ein großes Kamerateam in das Haus meines Freundes. Während wir interviewt wurden, hatte ich ein Gespräch mit dem deutschen Botschafter in Dublin. Am Abend wurde das Interview in den Hauptabendnachrichten gezeigt, was wirklich verrückt war. Anschließend wurden wir auf viele Partys eingeladen, wo es glücklicherweise auch Freibier gab.

Auch in der deutschen Botschaft? Dorthin wurden Sie ja ebenfalls eingeladen.
Der Botschafter hat uns zunächst sein Büro und die Räumlichkeiten der Botschaft gezeigt. Dann sind wir zu ihm nach Hause gefahren, wo es Bier und leckeres Essen gab. Dabei wurden wir natürlich auch von den Medien begleitet. Eine Woche später, als Deutschland im Halbfinale gegen Italien spielte, wurden wir ein weiteres Mal in die Botschaft eingeladen. Wir haben zusammen das Spiel geschaut und viele Deutsche kennengelernt – ein ziemlich cooler Abend, auch wenn Mario Balotelli die Party dann doch ein wenig versaut hat.

Gab es irisches oder deutsches Bier?
Auf jeden Fall deutsches. Ich erinnere mich nicht mehr an den Namen, aber es war extrem lecker. Der Botschafter ist ein großer Dortmund-Fan, und ich konnte mich mit ihm ganz gut über die Rivalität zwischen Bayern und dem BVB unterhalten, weil meine Freundin Bayern-Fan ist. Sie ist nämlich in Deutschland geboren und erst mit sechs Jahren nach Irland gezogen.

Wurde ausschließlich über Fußball geredet? Schließlich hat man nicht jeden Tag die Chance, mit dem deutschen Botschafter zu sprechen.
Wir haben auch viel über die Kanzlerin und unsere Flagge gesprochen. Der Botschafter sagte, dass er vom irischen Humor begeistert sei, und dass es gerade in schwierigen Zeiten wichtig sei, seinen Humor nicht zu verlieren.

Gab es auch eine Reaktion von der Bundeskanzlerin selbst?
Direkt reagiert hat sie nicht. Ihr Pressesprecher wurde von irischen Journalisten darauf angesprochen und gefragt, was sie davon halte. Er sagte, dass die Kanzlerin nicht zu jeder Kleinigkeit Stellung nehmen könne, aber dass sie einige Sachen doch deutlich witziger fände als andere. Diese Botschaft haben wir verstanden.