Warum müssen Sie immer aufs Feld flitzen, Mark Roberts?

»Ich werde nicht gerne bevormundet«

Er ist in Manchester und Wembley gelaufen, mit Stieren in Pamplona, war beim Super Bowl, beim Curling, beim Snooker. Mark »The Streaker« Roberts ist der berühmteste Flitzer der Welt.

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Mark Roberts, warum machen Sie das?
Ich will die Leute zum Lachen bringen. Dir passiert so viel Schlechtes im Leben, du siehst Leute krank werden, sterben, und am Ende stirbst du auch.

Das klingt nicht nach jemandem, der an viel Spaß glaubt.
Es geht darum, das Leben anzunehmen. Ich habe 2004 bei Real Madrid gegen Barcelona einen streak gemacht. Die Beamten nahmen mich fest und brachten mich in eine Zelle. Ich fragte nach meinen Klamotten, die hatten sie ja eingesammelt. Ein Beamter sagte: »No!« Um zwei Uhr nachts schmissen sie mich auf die Straße. Ich dachte an einen Scherz, aber ich bekam mein Zeugs nicht wieder. Also stand ich da, nackt, frierend, ohne Ausweis, Telefon und Geld. Und was tut man da?

Anfangen zu heulen?
Ich habe mir gesagt: Ich gönne denen das nicht, ich werde es verdammt noch mal genießen. Also habe ich mein Lächeln aufgesetzt und bin durch Madrid gerannt.

Wurden Sie wieder festgenommen?
Nein. Ein Mann kam auf mich zu: »Du warst das vorhin im Stadion! Das war großartig!« Er rief ein Taxi, gab mir 20 Euro und schickte mich zu einem Hotel. Der Portier gab mir Klamotten und was zu essen. Man muss eben eine Tür aufmachen, um zu sehen, was dahinter ist.

Manchmal verfolgt Sie ein Dutzend Sicherheitsleute. Macht das einen Teil des Spaßes aus?
Wissen Sie, ich war an einer christlichen Schule und wurde dort geschlagen. Immer mit dem Stock auf die Hände. Ich bekam auch Schläge, wenn ich nichts gemacht hatte. Also hab ich mir gesagt: Scheiß drauf, dann will ich mir die Dresche wenigstens verdienen.

Das verfolgt Sie bis heute?
Ich werde nicht gerne bevormundet. Wenn ich durch ein Stadion laufe, nackt, verletzlich, und werde von bewaffneten Polizisten verfolgt, dann ist das doch großartig. Es ist meine Art, der Obrigkeit zu zeigen, dass sie mich mal gerne haben kann.

Sie sind bei Polizisten sicher nicht besonders beliebt.
Manche mögen mich nicht, ja. Aber vielen sagen hinterher: »Das war toll!« Ich musste viele Jahre bei jedem England-Länderspiel meinen Pass abgeben und am Tag des Spiels aufs Revier in Liverpool kommen. Mit manchen Polizisten bin ich heute befreundet.

Sie haben das so oft gemacht, sind Sie überhaupt noch nervös?
Machen Sie Scherze? Mein Herz wummert wie verrückt. Kurz vor dem Moment laufe ich wie auf Autopilot. Ich setze ein Grinsen auf, juble, springe, wüte, gestikuliere, all das, was die Leute um mich herum auch machen. Aber das ist eine Hülle. Eigentlich suche ich den Weg, wie ich auf den Platz kommen kann.

Wie genau machen Sie das?
Ich beobachte die Ordner, suche nach Schwachstellen. Egal was du machst, es muss so aussehen, als sei alles ganz normal. Und dann muss es schnell gehen. Ich habe Klamotten mit Klettverschluss, die kann man einfach so aufreißen. Darunter trage ich dann nichts, außer vielleicht einen lustigen String. Ich werde also in zwei, drei Sekunden vom angezogenen Fan auf der Tribüne zum nackten Flitzer.

Hatten Sie nie Angst, dass Ihnen etwas passiert?
Beim Super Bowl 2004 hatte ich Angst. Das war relativ kurz nach dem 11. September. Ich hatte im schlimmsten Fall damit gerechnet, dass mir jemand in die Beine schießt. Die hatten bestimmt Scharfschützen auf dem Dach.