Warum läuft es bei Ihnen wieder, Sandro Wagner?

»So eine Ehrlichkeit habe ich noch nie erlebt«

Bei Hertha vom Hof gejagt, bei Darmstadt Stammspieler: Sandro Wagner spielt in Hessen die beste Bundesliga-Saison seiner Karriere. Was ist dort anders als bei vorherigen Stationen?

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Sandro Wagners Karriere verläuft in Wellenbewegungen. Nachdem der Stürmer 2009 mit Özil, Hummels und Neuer die U21-EM gewann, brachte ihn ein Kreuzbandriss aus dem Tritt. Nach einer kurzen Hochphase bei Werder Bremen und einem missglückten Ausleihgeschäft nach Kaiserslautern kam Wagner zwischen 2012 und 2015 bei der Hertha kaum zum Zug. Dann holte ihn Dirk Schuster nach Darmstadt - und Wagner blühte auf. 11FREUNDE sprach mit dem 28-Jährigen über seine Probleme als Einwechselspieler und sein Verhältnis zu Thomas Schaaf.

Sandro Wagner, schafft Darmstadt den Klassenerhalt?
Sagen wir mal so: Er ist definitiv möglich. In der Winterpause habe ich mich noch sehr zurückgehalten mit solchen Aussagen, da ich erst den Rückrundenstart abwarten wollte. Aber jetzt muss ich ehrlich sagen: Wenn du in Hannover und Hoffenheim so überzeugend gewinnst wie wir, dann ist das schon ein Ausrufezeichen.

Sie sind mitverantwortlich dafür, dass es für Darmstadt derzeit so gut läuft. In 17 Spielen von Anfang an haben Sie in Liga und Pokal sieben Tore erzielt. Warum klappt es bei den Lilien besser als etwa zuvor bei der Hertha? In den letzten zwei Spielzeiten trafen Sie dort nur zwei Mal.
Entscheidend ist für mich, das Vertrauen des Trainers zu spüren. So weiß ich, dass ich nicht Gefahr laufe, sofort aus der Rotation zu fliegen, wenn ich mal ein schlechtes Spiel mache. Ich glaube, das geht vielen Spielern so: Du darfst nicht die Pistole auf die Brust gesetzt bekommen. Das ist in Darmstadt nicht der Fall.

Welchen Anteil hat Dirk Schuster an Ihren guten Leistungen?
Einen sehr großen. Eine solche Ehrlichkeit und Gradlinigkeit, wie er sie mir vom ersten Tag an entgegengebracht hat, habe ich in der Bundesliga noch nie erlebt. Er hat schon in meiner Anfangszeit in Darmstadt Gespräche mit mir geführt, in denen er mir klar gesagt hat, wie er mich und meine Situation einschätzt.

Das kann aber auch unangenehm sein, wenn es mal nicht so gut läuft.
Klar. Aber der Erfolg gibt ihm doch Recht. Was Dirk Schuster hier erreicht hat, ist keine Eintagsfliege. Er hat diesen Verein quasi von der vierten Liga in die Bundesliga geführt und jetzt spielen wir dort sogar eine ordentliche Rolle. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Darmstadt steht vor allem so gut da wegen Dirk Schuster. Ich bin mir sicher, dass sein Weg ihn irgendwann zu einer Spitzenmannschaft führen wird.

Wie äußert sich denn sein Vertrauen in Ihre Person?
Das sind oft Kleinigkeiten. Etwa darin, dass er mir gewisse Freiheiten zugesteht, die für mich enorm wichtig sind. In der vergangenen Winterpause hatte ich eine Blessur am Sprunggelenk – da hat mir Dirk Schuster einfach gesagt: Junge, geh hin, wo du dich am besten fühlst und werde fit. Das hat super geklappt, ich war nach drei Wochen wieder fit. Eben, weil das Vertrauen da war. Aber das Entscheidende ist natürlich, dass ich bei ihm von Anfang spielen kann.

Sie haben während Ihrer ganzen Karriere Ihre Tore vor allem dann gemacht, wenn Sie in der Startaufstellung standen. Auch in Darmstadt, wo Sie an den ersten fünf Spieltagen jeweils eingewechselt wurden, gelang Ihnen kein Jokertor. Was ist so schwer daran, von der Bank zu kommen?
Ich brauche einfach Bindung zum Spiel – und das benötigt nun mal Zeit. Da bin ich sicher nicht der einzige Stürmer, dem es so geht. Ich fühle mich tausend Mal wohler, wenn ich von Anfang spiele, und ja, ich gebe zu, ich bin kein guter Einwechselspieler. In fünf oder zehn Minuten Einsatzzeit komme ich einfach nicht in ein Spiel rein, daher lasse ich mich auch nicht an meiner Torquote als Joker messen. Bei Hertha war das die letzten drei Jahre teilweise extrem. Da hieß es dann: Der Wagner hat die letzten fünf Spiele schon wieder nicht getroffen. Ja gut, in den Partien hatte ich dann vielleicht zusammengenommen 20 Minuten auf dem Platz gestanden. So was sagen nur Leute, die keine Ahnung von Fußball haben.

Jetzt spielen Sie von Anfang an und es läuft für Sie. Im Winter soll sogar ein 10-Millionen-Euro-Angebot für Sie aus England vorgelegen haben. Ehrt Sie so eine Summe?
Klar freut es mich, wenn meine Arbeit wertgeschätzt wird. Völlig unabhängig von der Summe ist es doch schön, wenn Vereine kommen und zu verstehen geben, dass sie dich auf Grund deiner Leistungen sehr gern verpflichten würden.