Warum Juso-Chef Kevin Kühnert alte Stadien besucht

»Die Gesellschaft ist ein Sitzplatzpublikum«

Trotzdem wird von vielen gefordert: Keine Politik in Stadien. Was halten Sie dagegen?
Dass man Fußball und Politik trennen kann, halte ich für eine naive Einschätzung. Das Stadion ist ein öffentlicher Raum mit einem offensichtlichen Machtgefälle. Jede Stadionordnung, die besagt, wer die Arena überhaupt betreten darf, ist ein Politikum als solches. Da kann man noch so oft behaupten, dass Fußball nichts mit Politik zu tun habe — das Gegenteil ist der Fall. Also stellt sich nur die Frage, ob das ein Fan ignorieren oder den Ort, seinen Lebensraum an dem er sich an jedem Spieltag aufhält, mitgestalten will. Das ist zumindest mein Anspruch.

Viele Zuschauer haben diesen Anspruch nicht. Die sitzen auf der Tribüne und wollen einfach nur das Spiel sehen.
Ja, stimmt, die Gesellschaft ist zu sehr zu einem gemütlichen Sitzplatzpublikum geworden. Ich habe im Rahmen der NoGroKo-Tour ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Leute sind nicht begeistert von dem Koalitionsvertrag. Aber vor allem wollen sie, dass endlich Ruhe ist. Und das ist ja die Parallele zum Stadion. Das Sitzplatzpublikum ist ja auch nicht von allem begeistert, die würden sicher auch gern weniger für ihr Ticket zahlen. Aber dort ist die Toleranzgrenze eben noch nicht erreicht.

Zurück zum Sport. Sie sind Fan von TeBe Berlin — warum?
Ich bin 1999 das erste Mal mit einem Opa bei TeBe gewesen, als Winnie Schäfer noch an der Seitenlinie stand. Opa ist kein TeBe-Fan, er hatte einfach Karten für ein Zweitligaheimspiel gegen den SSV Ulm bekommen. Eine 0:2-Niederlage, die einen möglichen Aufstieg in die Bundesliga verhinderte. Von dem Spiel habe ich einen lila-weißen Schal mitgebracht, der jahrelang im Schrank lag. Und als ich Mitte der 2000er zu den Jusos kam, begegneten mir immer wieder Menschen mit TeBe-Pullovern und ich dachte mir: Moment, das kenne ich doch! Also habe ich den alten Schal rausgekramt, mich mit dem Verein auseinandergesetzt, bin einfach mal hingegangen — und voll drauf kleben geblieben.

Ja, aber warum?
Liebe auf den ersten Blick. Das war atmosphärisch eine ganz andere Welt. Ich erinnere mich an ein Vorbereitungsspiel zur Saison 2005/06 gegen die Nationalmannschaft von Kuba. 2.000 Leute im Mommsenstadion, kubanische Cocktailbar, alle waren entspannt unterwegs. Das war wie ein Wohnzimmer.

Aus sportlicher Sicht ein eher ungemütliches Wohnzimmer.
Es hat seinen eigenen Charme.

Stimmt es eigentlich, dass Sie nach Kevin Keegan benannt wurden?
(Lacht.) Ja, das stimmt, meine Mutter war ein großer Fan.

In einem 11FREUNDE-Artikel von 2009 spricht TeBe-Fan Kevin Kühnert und sagt …
... Ah, das war die Pyrotechnik-Geschichte.

Nein, eigentlich nicht, es ging um die finanziellen Nöte des Vereins und Sie sagten: »Der Verein hat immer darauf gesetzt, das eine große Ding zu landen. Machen wir es lieber selbst.« Was war da los?
Wir hatten Jahre zuvor, nach Schalker Vorbild, eine eigene Fansektion gegründet, von der ich Vorsitzender wurde. Und TeBe hatte sich finanziell mal wieder hoffnungslos übernommen. 2008/09 waren wir wieder in der Regionalliga angekommen — und schon im Herbst pleite. Also haben wir die Saison noch zu Ende gespielt und sind in die Insolvenz gegangen. Wir haben dann auf eigene Faust Geld gesammelt und schnell gemerkt, dass dieses Engagement auch die Grundlage für den Wiederaufbau des Vereins sein muss. Also haben wir bei der nächsten Mitgliederversammlung den Aufsichtsrat rausgekegelt und den Verein übernommen.