Warum fühlen sich Fans von Ihnen nicht ernst genommen, Reinhard Grindel?

»Niemand will Stehplätze abschaffen«

Das Verhältnis zwischen Fans und Verband ist angespannt. Im Interview spricht DFB-Präsident Reinhard Grindel über den Dialog mit den Fans, Stehplätze und Helene Fischer.

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191

Das Interview mit Reinhard Grindel wurde im September für die 11FREUNDE-Ausgabe #191 geführt. 

Reinhard Grindel, im August haben Sie eine unerwartete Erklärung veröffentlicht. Vorläufig soll es keine Kollektivstrafen mehr geben, und Sie wollen mit den Ultras wieder ins Gespräch kommen. Da waren wir doch überrascht.
 
Wir waren immer mit den Fans über unsere »AG Fankulturen« im Gespräch. Dort waren nicht nur Ultras dabei, sondern auch Gruppen wie »Unsere Kurve«. In der letzten Sitzung wurde uns ziemlich eindrücklich vermittelt, wie vehement die Kollektivstrafen abgelehnt werden. Also haben wir gesagt: Wenn dieses Thema für so viele eine Hürde im Dialog darstellt, dann sind wir zu diesem Signal bereit.

Wie schwer ist Ihnen dieser Schritt gefallen?
Man kann nicht die Augen davor verschließen, dass unsere Ziele mit den bisherigen Strafen nicht immer erreicht worden sind. Also musste man über Alternativen nachdenken. An einem Dialog führt kein Weg vorbei. Deswegen habe ich ein klares, vertrauensbildendes Zeichen gesetzt – nach Rücksprache mit dem Präsidium und der Sportgerichtsbarkeit.

Sie sind zwei Tage nach den Ausschreitungen von Rostock an die Öffentlichkeit gegangen. Da hätte man eher markige Worte von Ihnen erwartet.
Unsere Überlegungen waren weit vor diesem Spiel abgeschlossen. Wir wollten eigentlich einen Tag nach dem Spiel die Erklärung abgeben, haben sie dann aber um einen Tag verschoben. Ich wollte mich aber nicht davon abbringen lassen, sondern gerade nach solch einem Spiel anders reagieren, als es die gängigen Klischees über den DFB eigentlich erwarten lassen. Das hat die Glaubwürdigkeit unserer Initiative verstärkt.

Lassen Sie uns mal an diesem Umdenkprozess teilhaben. Wurde er durch die lautstarke Kritik am DFB während des Pokalfinales ausgelöst?
Ich habe mich gefragt: Wie wirkt das nicht nur auf mich, sondern auf die vielen Ehrenamtler? Auf all die Menschen, die sich täglich an der Basis engagieren und die ein wichtiger Teil des DFB sind? Der Trainer der E-Jugend, der ehrenamtliche Platzwart und der Schiedsrichter in der Kreisliga, sie sind alle DFB und eben nicht »Scheiße«, sondern sehr wertvoll. Ich wollte vor Saisonbeginn aus eigener Stärke und nicht als Getriebener diese Entscheidung treffen, um die Chance für den Dialog zu eröffnen. Ich glaube nicht, dass wir alle Ultras erreichen, manche wollen sich partout nicht mit uns an einen Tisch setzen. Aber es ging auch um das Zeichen: Ja, auch wir hinterfragen uns! Ich hoffe, dass das anerkannt wird.

Beim Pokalfinale haben nicht nur die Ultras Parolen gegen den DFB gerufen, sondern große Teile des Stadions. Wa­rum solidarisieren sich Anhänger gegen den Verband?
Das habe ich wirklich anders wahrgenommen. Es waren besonders viele Fans von Frankfurt und Dortmund im Stadion. Beide Vereine hatten im Vorfeld Teilausschlüsse hinnehmen müssen. Die Atmosphäre schon während der Nationalhymne zeigte: Die Vorkommnisse beim Pokalfinale waren ganz konkret eine Reaktion auf die Strafen gegen die Klubs. Die neutralen Besucher haben sich nicht daran beteiligt. Das ist eine Geschichtsklitterung. Das hat auch nichts mit Helene Fischer zu tun ...

Nun ja, Frau Fischers Halbplayback-Gesang wurde gellend ausgepfiffen.
Wir bekamen das Angebot, dass sie kostenlos bei uns singt. Wir haben uns zusichern lassen, dass sie nicht nur ihre neuen Lieder singt, sondern auch die alten, die bei jedem Landesligisten aus dem Lautsprecher dröhnen. Und alle Vorkehrungen getroffen, dass die sportlichen Abläufe nicht beeinträchtigt werden. Ich nehme zur Kenntnis, dass dieser Auftritt Kritik hervorgerufen hat.

Wie reagieren Sie auf die Kritik?
Wir können im Rahmen des Dialogs gerne über Alternativen zu solchen Auftritten diskutieren, auch die Damen in goldenen Gewändern in Frage stellen. Vielleicht laufen stattdessen Ehrenamtler mit der Fahne ihres Klubs auf den Rasen. Oder wir bitten Fans zum Elfmeterschießen gegen Andy Köpke. Glauben Sie mir, ich habe mir über den Auftritt von Helene Fischer im Vorfeld null Gedanken gemacht und hätte nie für möglich gehalten, dass das mal ein Problem darstellt. Aber um es mit Bruno Labbadia zu sagen: Ich würde das jetzt auch nicht hochsterilisieren.