Waren Sie früher ein Rüpel, Martin Schulz?

»Jeder Fußballfan ist auch Horst-Eckel-Fan«


Der Ort des Spektakels: Ein Speisesaal in Kaiserslautern. Foto: Richard Pflaume

Sollten Sie tatsächlich Kanzler werden, treffen sie wahrscheinlich auch öfter auf den Bundestrainer. Was halten Sie von Joachim Löw?
Schulz: Joachim Löw imponiert mir. Ich glaube, dass er mit einem hohen Maß an Einfühlungsvermögen auf seine Spieler eingehen kann. Die Spieler sind heutzutage sehr ausgeprägte Individualisten. Da brauchst du als Trainer ein tief ausgeprägtes psychologisches Feingefühl. 

Wer steht unter größerem Druck: Spitzenpolitiker oder der Nationaltrainer?
Schulz: Schwer zu sagen, ich habe die Nationalmannschaft ja nie trainiert. Aber ich denke, dass auch Spitzensportler unter enormen medialem Druck stehen. Wo er jetzt größer ist, vermag ich nicht zu sagen. In der Politik schauen die Medien zu Recht sehr genau hin und auch beim Bundestrainer wird jede Geste genauestens beäugt.

Gibt es Dinge, die Sie beim Fußball gelernt haben und die ihnen in der Politik weiterhelfen?

Schulz: Klingt banal, ist aber so: Teamgeist. Du kannst nur erfolgreich sein, wenn es einen Mannschaftsgeist gibt. Fußballer sind Individualisten, die es schaffen, sich einzugliedern in ein System. Das brauchst du auch in der Politik. Du brauchst eigene, klare Positionen - aber alleine schaffst du trotzdem nichts. Du musst zusammenarbeiten. Und: Man darf nie aufgeben. Horst Eckel ist das beste Beispiel dafür. 0:2 hinten im WM-Finale - aber er hat nicht aufgesteckt. 
Eckel: Wenn man das so handhabt, kann man sehr viel erreichen. Nicht nur im Fußball.
Schulz: Selbst wenn man im Wahlkampf 0:2 hinten liegt, ist noch nichts verloren. Ein Spiel dauert 90 Minuten.

Sie beide treffen Sich heute nicht zum ersten Mal. Wie haben Sie sich kennengelernt?
Schulz: Im Europawahlkampf vor drei Jahren hatten wir die Gelegenheit, uns im Stadion in Kaiserslautern zu treffen. Da haben wir zwei Stunden geredet und uns prächtig verstanden.
Eckel: Wir sind eben beide Fußballer. Da geht so etwas schnell.
Schulz: Wir haben uns damals auch ein Wiedersehen versprochen. Zu seinem 85. Geburtstag vor ein paar Wochen konnte ich leider nicht kommen, aber mir war es wichtig, dass ich das nachhole.

Sie haben in drei Jahren viermal den Papst getroffen. Sie sind oft umgeben von Prominenten aus aller Welt. Warum sind Sie so erpicht auf Horst Eckel?
Schulz: Ganz einfach: Jeder deutsche Fußballfan ist auch Horst-Eckel-Fan.

Nach einer halben Stunde muss Martin Schulz eine kurze Telefonpause einlegen. Wer ihn wohl anruft? Kurt Beck? Oder doch der Papst? Oder beide in der Konferenz? Egal. Zeit für ein Zwischenfazit: Der Mann hat tatsächlich eine Schwäche für Fußball. Währenddessen tritt verschüchtert ein recht trainierter Mann aus der Security-Riege an Horst Eckel heran und fragt nach einem Autogramm. Sein Vater sei riesengroßer Horst-Eckel-Fan. 1:0 für Martin Schulz.

Was für Bilder von Horst Eckel haben Sie aus Ihrer Kindheit im Kopf?
Schulz: Es gab eine unfassbare Zahl an Publikationen über das Finalspiel von 1954. Und auch bei meinen Eltern lag ein Buch mit Fotos von dem Spiel herum. Ein wunderbares Bild zeigte Werner Liebrich beim Kopfball und ein anderes Horst Eckel beim Tackling. Ich konnte noch gar nicht lesen, aber dieses Fotos fand ich toll.