Vier Kultfiguren über den Ruhrpott

»Ich war kurz vor der Anstalt«

_ Nach Ihren Karrieren haben Sie vier sehr unterschiedliche Wege eingeschlagen. Sie sind Lehrer, Herr Reinhardt.
_ Reinhardt: Als ich 2001 die Trainer-A-Lizenz gemacht habe, merkte ich, dass ich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten möchte. Ein Freund, der an der Grundschule unterrichtet, brachte mich auf diese Idee. Ich habe mir das alles einfacher vorgestellt, aber die fünf Jahre Studium waren ein ganz harter Weg.

_ Was war so hart?
_ Reinhardt: Ich musste lernen zu lernen. Im ersten Semester habe ich mich für acht Klausuren eingetragen - und bin dreimal durchgeflogen.
_ Közle: Dreimal durch alle acht, oder?
_ Reinhardt: Meine Frau war schwanger, es kam kein Geld mehr rein. Meine Ex-Kollegen haben mich ausgelacht, doch ich wollte das unbedingt machen. Ich musste etwa das Schwimmen neu trainieren. Morgens um sechs planschten die Rentner mit Plastikmütze im Nordbad, links daneben bin ich vorbeigekrault. Die haben auch gedacht: »Der ist nicht ganz sauber im Kopf.«

_ Hatten Sie Zweifel?
_ Reinhardt: Das war von der Anstrengung her wie zum zweiten Mal die Champions League zu gewinnen. Ich war kurz vor der Anstalt, habe Ginkowurzeltabletten eingeschmissen und konnte 14 Seiten auswendig aufschreiben. Jetzt bin ich an einer Schule mit fast 83 Prozent Ausländeranteil. Es ist mein zweiter Traumberuf. Wenn du benachteiligten Kindern Lesen und Schreiben beibringen kannst und siehst, dass sie im Leben zurechtkommen werden, ist das eine unglaubliche Erfüllung.

_ Gab es für die anderen ein Tief nach der Karriere?
_ Eigenrauch: Ich war zur rechten Zeit am rechten Ort und im Eventbereich der Arena tätig. In der Nachbetrachtung war das netter als der UEFA-Cup-Sieg. Später habe ich mich in einem Gelsenkirchener Kinder- und Jugendtheater um die Öffentlichkeitsarbeit gekümmert. Ich konnte mich allerdings nicht mit der Ausrichtung meines Arbeitsbereiches identifizieren. Seitdem beschränke ich mich darauf, zu sein und zu nörgeln, dass ich mit den Ausprägungen der Gesellschaft nicht einverstanden bin.
_ Reinhardt: Was machst du jetzt?
_ Eigenrauch: Ich kümmere mich um meinen dreijährigen Sohn und überlege, was ich beruflich machen soll. Ich bin nicht geneigt, von meinen Idealen abzuweichen, was die Jobsuche nicht gerade vereinfacht. Ich möchte das Spiel des Lebens nicht einfach mitmachen, nur um es einfacher zu haben.



Joachim Hopp. Foto: Thomas Rabsch.

Joachim Hopp, arbeiten Sie noch als DJ?
_ Hopp: Heute nicht mehr. Ich habe zu meiner aktiven Zeit abends Platten aufgelegt. Egal, was Trainer, Präsidenten und Mitspieler dazu gesagt haben. Das war meine Überzeugung. Andere gingen heimlich in den Puff oder ins Kasino, und ich habe mich hinter die Plattenteller gestellt. Aber das kann man nicht jahrelang machen, dann siehst du irgendwann aus wie der Közle. Und das will ja keiner. Jetzt arbeite ich in der Verkehrstechnik und stehe um sechs auf. Ich hatte nie ein Problem mit harter Maloche. Der finanzielle Druck ist da, wenn du Frau und Kind hast. Wenn ich alleine leben würde, dann wäre ich gar nicht mehr hier, sondern hätte ein Haus auf Sylt, Norderney oder so.

Schwer vorstellbar, dass Sie das Ruhrgebiet verlassen.
_ Hopp: Zu meiner Zeit als Spieler war das undenkbar. Aber jetzt hätte ich das durchgezogen. Einfach abhauen. Und tschüs.
_ Eigenrauch: Wenn ich nicht ebenfalls Frau und Kinder hätte, wäre ich wohl auch schon irgendwo an der See. Raus aus der Gesellschaft.

Peter Közle, Sie sind einen anderen Weg gegangen und sogar aus Miami wieder zurück ins Ruhrgebiet gezogen.
_ Közle: Ich hatte das Glück, dass ich keine Familie hatte und machen konnte, was ich wollte. Ich bin rumgereist, war fünfmal im Skiurlaub, zu oft besoffen, hab Party gemacht und gepennt. Ich habe im Alter von 33 bis 40 die Hälfte der Zeit geschlafen. Der einzige Stress war: Schaffe ich die ganze Staffel von »Two and a Half Men« an einem Tag? Jeder hat mich gefragt, wie man so leben kann. Doch ich war zufrieden. Heute habe ich hier im Pott ein Haus, einen Garten, ich muss Rasen mähen, mich jeden Tag um den Kleinen kümmern. Ich habe zum ersten Mal im Leben Verantwortung. Und ich bin zufrieden.
_ Hopp: Ich auch. Wenn ich mit dem Viereinhalbtonner durch Düsseldorf fahre, ist das super. Ich habe vorne in der Ablage ein Schild mit »Hoppi«, daneben meinen Kakao, und dann geht's ab. Schilder aufstellen. Ich bin total glücklich. Wenn mein Leben verfilmt würde, dann gäbe es zwei Teile. Den Titel hätte ich auch schon: »Vom Hochofen in die Bundesliga und zurück.«