Vier Kultfiguren über den Ruhrpott

»Er hatte natürlich einen Pfeil im Kopf«

_ Sie wurden wegen Ihrer nächtlichen Ausflüge damals heftig kritisiert, Peter Közle. Stimmt es, dass Fans Ihnen eine tote Katze an die Haustür genagelt haben, um Sie zu verjagen?
_ Közle: Totaler Quatsch. Das war ein Zebra. (Grinst.)
_ Hopp: Das muss ein großer Nagel gewesen sein.
_ Közle: Wenn du auf dem Platz nichts hinkriegst und dann feiern gehst, musst du mit dem Ärger der Leute rechnen. Ich war selbst schuld. 1994 etwa spielten wir mit dem MSV gegen Bayern ...
_ Hopp: Passt auf, es war so: Ein Bombenspiel, Kahn muss normalerweise die Rote kriegen, und Peter verschießt in der vierten Minute den Elfer. Wir verlieren 0:3. Da kannst du dich ja nicht verkriechen. Was haben wir also gemacht? Ich sag: »Harro« - ich habe Peter immer »Harro« genannt - ich sag: »Harro, komm vorbei, wir trinken einen Jacky auf Cola«. Dann ins Taxi, im Landschaftspark war eine fette Party. Da waren Fans, die Peter zum Sündenbock machen wollten. Also habe ich Peter gesagt, er soll mal besser nach Hause gehen.
_ Közle: Ich habe geschworen, dass ich nach Hause fahre, bin aber zur nächsten Disco gefahren. Da gab es auch Ärger. Wenn du das nicht verträgst, musst du zu Hause bleiben. Aber ich bin immer wieder raus, immer wieder gab es Anfeindungen. Das ging so weit, dass aufgebrachte Fans zu mir nach Hause gekommen sind. Sie riefen: »Schneid dir die Haare, du Schwuler, dann triffst du auch wieder.« Es hieß, dass ich wegen meiner Tattoos nicht laufen könne, weil meine Arme zu schwer seien.


Peter Közle. Foto: Thomas Rabsch.

_ Hopp: Im ersten Jahr wurde er geliebt, im zweiten Jahr plötzlich gehasst. Warum? Weil er natürlich auch einen Pfeil im Kopf hatte und in Hamborn eine Kneipe eröffnete.
_ Közle: Ich habe mich saudämlich verhalten. Einmal erzählte ich morgens in einem Radiointerview, wie geil es ist, so früh morgens mal die Sonne aufgehen zu sehen. Die Malocher denken sich aber: »Wie ist der denn drauf? Hat der noch nie eine Sonne gesehen? Ich sehe die jeden Tag und finde das nicht geil, weil ich danach nämlich zehn Stunden ackern muss.« Erst heute verstehe ich das. Damals habe ich alles gemacht, worauf ich Bock hatte. Erst war das okay, dann wurde mir das vorgehalten.
_ Eigenrauch: Ich musste mich auch mal bespucken lassen, weil ich etwas vermeintlich Falsches gesagt hatte.
_ Közle: Das kann ich mir bei dir gar nicht vorstellen.
_ Eigenrauch: War aber so. Damals ging es um die Entlassung von Trainer Jörg Berger. In der Presse wurde kolportiert, dass die Mannschaft dafür verantwortlich gewesen sei. Wir wurden von den eigenen Fans massiv beschimpft. Nach dem nächsten Spiel habe ich dann auf eine Frage eines TV-Reporters geantwortet mit: »Ich denke nicht, dass wir den Fans Rechenschaft schuldig sind.« Gesendet wurde lediglich meine Aussage, die Frage wurde unterschlagen. So funktionierte der Boulevard schon damals. Daraufhin haben sich etliche Fans vor den Kopf gestoßen gefühlt und sich fürchterlich über mich aufgeregt. So kam es dann auch dazu, dass ich bespuckt wurde.

_ Herr Reinhardt, wie war das Verhältnis zu den BVB-Fans?
_ Reinhardt: Nach dem letzten Spieltag 1992 ist der Teambus ohne mich abgefahren. Da hat mich ein Fan mit zurück nach Dortmund genommen. Später mit den Titeln wurde der Hype größer. Wenn man sich da ein Brot geholt hat, blieben die Leute stehen, als sei man das achte Weltwunder. Wir sind damals oft nach Spielen gemeinsam in die Kneipe gegangen. Im Trainingsanzug. Auch wenn wir verloren hatten. Der normale Arbeiter muss nach einem harten Tag auch mal abschalten.
_ Hopp: Das geht heute nicht mehr. Wenn du mit einem Pils am Tresen stehst, liest du das fünf Minuten später im Internet.

_ Entfremdet sich der Fußball zunehmend von den Menschen?
_ Eigenrauch: Er lässt kaum noch Raum für Enttäuschungen und Fehler. Es wird eine traute, heile Welt skizziert. Die Trikots sitzen schön eng, die Schuhe sind poliert, die Haare topgestylt. Wahrscheinlich sind die Haarmittel auch besser geworden.
_ Közle: Woher willst gerade du das denn wissen? (Beide lachen.)
_ Reinhardt: Früher gingen die Reichen zum Boxen, heute zum Fußball. Das ist ein Riesenkommerz. Die Topvereine brauchen keine Zuschauer mehr, weil alles schon vorfinanziert ist. Aber man darf den Fußball nicht von den Leuten wegziehen.
_ Közle: Was soll der Fan denn machen?
_ Eigenrauch: Zu Hause bleiben.
_ Hopp: Aber er fiebert die ganze Woche auf das Spiel hin. Meine jetzigen Arbeitskollegen fahren im Achtsitzer zum Auswärtsspiel des MSV nach Chemnitz. Für die ist das wie Urlaub.
_ Reinhardt: Wenn Dortmund in Marseille spielt, fahren 5000 Leute hin, kommen morgens zurück und gehen direkt zur Arbeit.
_ Hopp: Im Sommer (2013, die Red.) gab es Kundgebungen für den MSV. Da waren auch Dortmunder und Schalker mit dabei. Ich hab gesagt: »Guckt euch das an: Du steigst ab, und es kommen mehr Leute als in der ersten Liga.« Da kriegst du eine Gänsehaut. Das zeigt, dass die Menschen hier trotz aller Rivalität zusammenhalten.