Vier Kultfiguren über den Ruhrpott

»Man muss alles versuchen. Egal, was der Körper sagt.«

War das in den Neunzigern anders?
_ Közle: Auch da gab es Spieler, denen das am Arsch vorbeiging, was um sie herum passierte. Aber es gab eben auch Jungs wie Hoppi, die vom Hochofen in die Bundesliga gespült wurden.
_ Reinhardt: Die Identifikation war größer. Wir waren damals alle im Schnitt sieben, acht Jahre beim gleichen Verein.
_ Eigenrauch: Dennoch war der Fußball sicherlich nicht ehrlicher als heute. Es gab genauso Spieler, die zu Schalke oder Dortmund gegangen sind, weil es ein paar Mark fünfzig mehr zu verdienen gab. Nicht weil sie das Ruhrgebiet so toll fanden.
_ Hopp: Doch damals gab es viele authentische Spieler, die sich für ihren Klub reingekloppt haben. Das wollen die Leute hier sehen. Keine Hackentricks, keine bunten Schuhe.
_ Eigenrauch: Natürlich gab es solche Spieler häufiger, auch die Verbleibzeiten bei den Klubs waren länger. Allerdings war die Versuchung eines Wechsels auch geringer. Manche Spieler hatten gar keinen Spielerberater.
_ Hopp: Ich hatte die Möglichkeit zu wechseln, aber ich wollte für 4000 Mark mehr nicht meinen Wohnort ändern. Ich wollte meine Wohnung behalten, meine Freunde, mein Umfeld. Ich hab mich immer wohl gefühlt in Duisburg.

Das hieß für Sie meist Abstiegskampf.
_ Hopp: Es ist Stress, wenn du jede Woche um die Existenz deines Klubs kämpfen musst. Da platzt dir irgendwann die Rübe.
_ Reinhardt: Wir spielten zwar oben mit, doch auch wir hatten diesen Stress, weil man 24 Stunden Fußball in der Birne hatte. Ich habe das erst gemerkt, als ich aufgehört habe. Wenn das alles weg ist, begreifst du erst, wie viel Kraft das gekostet hat. Nach und nach erholt man sich.
_ Eigenrauch: (Lacht.) Ich musste mich nicht erholen. Ich hatte aber auch keinen 24-Stunden-Fußballstress.
_ Reinhardt: Jeder sieht das auf seine Weise. Wir haben damals alle drei Tage gespielt, ich habe zu wenig Rücksicht auf meinen Körper genommen. Nach sieben Operationen war dann mit 31 Schluss. Dann merkte ich, was ich mir eigentlich angetan hatte. Deswegen hat sich die Gehälterentwicklung im Fußball zum Positiven entwickelt. Spieler verdienen heute so viel, dass sie mit 35 nicht am Existenzminimum leben müssen, wie es einige meiner Ex-Kollegen heute tun.
_ Eigenrauch: Das sehe ich nicht so! Die Gehälterentwicklung ist überhaupt nicht in Ordnung. Das sind Dimensionen, die in keinem Verhältnis stehen. Natürlich wird körperlich und mental unheimlich viel geleistet, aber wir reden von Unsummen, die Spieler ihren Lebtag nicht ausgeben können und die sich ein Normalsterblicher nicht mal im Entferntesten vorstellen kann.
_ Reinhardt: Da stimme ich dir zu. Als Profi muss man aber auch dafür entschädigt werden, dass man zehn Jahre lang seine Gesundheit ruiniert hat. Da können wir alle ein Lied von singen.
_ Eigenrauch: Ihre Gesundheit haben nur die ruiniert, die etwas falsch gemacht haben. Wer als Spieler merkt, dass er nicht spielfähig ist, muss die Größe haben, es den Verantwortlichen mitzuteilen. Auch wenn dann eine Prämie wegfällt. Es ist immer noch ein Sport und keine Sklaverei.


Knut Reinhardt. Foto: Thomas Rabsch

Ist das wirklich so einfach?
_ Eigenrauch: Warum nicht? Das Schlimmste ist doch, wenn dein Verein nicht mit dir verlängert. Na und? Viele denken, sie wären ganz Große, weil sie Profifußball spielen. Ein Fehler.
_ Közle: Das ist schon eine brutale Einstellung.
_ Eigenrauch: Das höre ich häufig. Doch prinzipiell hat es jeder selbst in der Hand, sein Leben zu bestimmen. Der Fußball ist nicht dafür verantwortlich, dass zahlreiche ehemalige Spieler gesundheitliche Probleme haben. Sie haben sich dem Druck des Systems gebeugt oder hatten die Philosophie: »Ich bin Fußballer, das finde ich geil. Und um spielen zu können, mache ich alles.«

Entscheidet ein Profi in diesen Momenten überhaupt rational?
_ Reinhardt: Ich habe Fußball gespielt, um Titel zu holen. Wenn man dazu die Möglichkeit hat, dann ist man nicht mehr rational.
_ Eigenrauch: Warum?
_ Reinhardt: Das ist meine persönliche Einstellung.
_ Eigenrauch: Das ist keine Antwort. Was ist der Hintergrund dieser Einstellung?
_ Közle: Dass ich nach einem Erfolg abends zufrieden im Bett liegen konnte. Diese Befriedigung konnte mir nur der Fußball geben. Ich habe mein Leben lang trainiert, bin in der Jugend jeden Tag 100 Kilometer zum Training gefahren, habe meine Freunde vernachlässigt, weil ich den Traum hatte, Profi zu werden. Egon Coordes war mein Trainer. Dazu muss ich nichts sagen. Der Mann hat seinen Schäferhund totgelaufen. (Alle lachen.)
_ Eigenrauch: Was ich nicht verstehe, ist Knuts Herangehensweise. Diese Fokussierung auf Titel. So ein Quatsch. Wenn ich ein Spiel verliere, ist das doof, aber davon geht die Welt nicht unter. Und von einem gewonnenen Titel fühle ich mich auch nicht besser.
_ Reinhardt: Du beziehst eine extreme Position.
_ Eigenrauch: Weil ich sie für richtig halte. Wie viele Leute glauben, dass es das Größte sei, Fußballer zu werden? Ist es aber nicht!
_ Reinhardt: Fußball hat mich glücklich gemacht. Das mag deiner Meinung widersprechen. Ich habe auf dem Platz alles gegeben, und wenn es etwas Großes zu erreichen gab, war ich der Auffassung, dass man das versuchen muss. Egal, was der Körper sagt.
_ Eigenrauch: Bei allem Respekt, ich kann es nicht nachvollziehen.
_ Reinhardt: Wann hattest du als Profi keine körperlichen Probleme? Die Tage kann ich an zwei Händen abzählen. Mit deiner Einstellung hätte ich keine 30 Spiele gemacht.
_ Közle: Ich habe jede OP gemacht, um samstags auf dem Platz zu stehen. Ich war geil auf Fußball. Ich wollte auflaufen, ein super Spiel machen, mich ins Bett legen und glücklich sein.
_ Hopp: Hättest du dich mal öfter ins Bett gelegt. Aber du bist lieber feiern gegangen.