Uwe Wassmer über Freiburgs Abstiegskampf und Christian Streich

»Irgendwann ist die Luft raus«

Einst versuchte er, Volker Finke das Stürmerdasein zu erklären, heute warnt er Christian Streich vor zu vielen Emotionen. Bleibt Freiburg trotzdem drin, Uwe Wassmer?

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Uwe Wassmer, etwas überraschend besiegte der SC Freiburg am vergangenen Samstag den FC Bayern. Wie oft mussten Sie an den 27. November 1993 denken?
Sehr oft. Ich werde immer darauf angesprochen, wenn es für den SC Freiburg gegen die Bayern geht. Die Leute hier rufen mir dann zu: »Uwe, die brauchen dich!« Ich finde das schön.

Sie schossen damals drei Tore gegen die Bayern, das Spiel endete 3:1. Immer noch stolz darauf?
Na klar! Wem ist das schon passiert?

Nur Volker Finke beeindruckte das nicht.
Das verstehe ich bis heute nicht. In Duisburg wurde ich im November 1996 eingewechselt, schoss drei Tore und holte einen Elfmeter raus. Wir gewannen 4:1. Eine Woche später saß ich wieder nur auf der Bank. Als ein paar Journalisten Volker Finke fragten, warum ich nicht spielte, antwortete er: »Tore sind nicht wichtig«.

Für einen Stürmer wie Sie wohl nur schwer zu akzeptieren.
Finkes Philosophie war gar nicht darauf angelegt, Tore auf direktem Weg zu schießen. Lieber ließ er viele Pässe spielen, bevor wir zum Abschluss kamen. Ich aber schoss eher zwanzig Mal aus sechzehn Metern als nur einmal aus sieben.

Eigentlich wollten Sie im Sommer 1993 gar nicht nach Freiburg wechseln, sondern waren auf dem Rückweg vom Probetraining bei Hannover 96, mit dem Sie sich einig waren. Wie kam der Wechsel zustande?
Ich wurde während der Rückfahrt aus Hannover angerufen und bog dann in Freiburg direkt zum Stadion ab, wo Finke wartete. Der Rest ist schnell erzählt: Ich wollte erste Liga spielen, das ging in Freiburg, nicht aber in Hannover.

Bleibt Freiburg einem Profi als besondere Station im Gedächtnis?
Ich denke schon. An kaum einem anderen Ort ist man ähnlich bescheiden, sind sich Fans und Mannschaft so nahe, und die Verantwortlichen arbeiten ruhig. Das spürt man.

Sie begannen Ihre Karriere in Aarau, in der Schweiz unter Ottmar Hitzfeld, das muss noch ruhiger gewesen sein.
Oh ja. Elf Freunde, dieses abgedroschene Fußballgefühl, habe ich nur da erlebt. Wir waren nach jeder Einheit und nach jedem Spiel zusammen mit den Familien essen. Wenn mal einer nicht wollte, ordnete der Kapitän an: »Wenigstens für ein Getränk kommst du mit!«. Meistens wurde es dann immer länger. Ich wollte auch in Freiburg solche Rituale einführen. Das hat aber nicht funktioniert.

Sechs Jahre lang spielten Sie in Freiburg. Wenn Sie heute auf den Verein blicken: Was hat sich verändert?
Es ist viel professioneller und abgeklärter geworden. Der Verein mag klein und bescheiden wirken, aber er hat sich den größeren Klubs in allen Bereichen angenähert. Auch die Internationalität hat mit Volker Finke und seinen ersten Transfers aus dem Ausland Einzug gehalten und ist heute nicht mehr wegzudenken.

Volker Finke prägte eine Ära von 16 Jahren als Trainer ein und desselben Klubs. Glauben Sie, dass sich so etwas in der Bundesliga nochmal wiederholt?
Schwer zu sagen. Da muss die Konstellation aus kleinen Verein und einer bescheidenen Führung passen, die nicht alles sofort in Frage stellt.

Reden Sie vom aktuellen SC Freiburg?
Ja, es mag sein, dass Christian Streich die Voraussetzungen hat, sieben oder acht Jahre Trainer zu bleiben. Er ist ein besonderer Mensch. Ich habe ihn privat ein paar Mal gesprochen. Da war er immer super freundlich und wirkte sehr bodenständig. Er kann natürlich auch ganz anders.

Wie nehmen Sie ihn wahr?
Seine Emotionalität macht ihn so besonders. Hier mögen ihn alle. Allerdings muss er aufpassen: Übertriebene Emotionalität kann auch abstumpfen. Das hat der Rücktritt von Jürgen Klopp erst wieder bewiesen, irgendwann ist die Luft eben raus.